24.03.2015 10:22
Quelle: schweizerbauer.ch - Jonas Ingold, lid
Europäischer Milchmarkt
Die Angst vor dem Quotenende
Ab April können die Milchbauern in der EU so viel melken, wie sie wollen. Einige sind froh, die Fesseln der Milchquote los zu sein. Andere fürchten Tiefstpreise und das Ende vieler Betriebe.

Staatliche Bevormundung und Planung gehöre nun auch auf dem letzten wichtigen Agrarmarkt der EU der Vergangenheit an, zeigte sich Udo Folgart, Milchbauern- und Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes, kürzlich an einem Milchforum zufrieden.

Wie in anderen Agrarmärkten und der übrigen Wirtschaft würden nun unternehmerische Verantwortung, Wirtschaftlichkeit und Entscheidungsfreiheit im Vordergrund stehen. Folgart und mit ihm der Bauernverband (DBV) sind davon überzeugt, dass die Abschaffung der Milchquote der richtige Weg ist. Ihrer Ansicht nach hat die 31 Jahre dauernde Regulierung nichts gebracht.

Internationale Märkte als Chance

Untermauert wird dies mit Zahlen: In der Zeit der Milchquote gaben rund 75 Prozent der Milchbauern Deutschlands ihre Produktion auf und auch der Produzentenpreis schwankte weiterhin stark. Dies obwohl die Milchquote eingeführt worden war, um Angebot und Nachfrage aufeinander abzustimmen. Zuletzt war die Quote ohnehin immer löchriger geworden.

Einerseits wurden die zugeteilten Mengen erhöht, um das Ende weniger plötzlich kommen zu lassen, und andererseits kümmerten sich viele Produzenten nicht mehr um die Quoten, sondern melkten drauf los. Wer übermelkt, muss aber bezahlen, weshalb alleine die deutschen Milchbauern im letzten Milchjahr 2014/15 voraussichtlich 350 Millionen Euro Strafzahlungen an die EU werden entrichten müssen (siehe Kasten).

Mit dem Wegfall dieser Abgaben und der Möglichkeit des straffreien unbegrenzten Melkens sehen die Optimisten bessere Möglichkeiten auf den internationalen Märkten. Davon sollen nicht nur die grossen Betriebe, die eher im Norden Deutschlands angesiedelt sind, profitieren können, sondern auch die kleineren Betriebe, denen es bisher nicht möglich gewesen war, ihre Produktion zu erhöhen.

Steigt die Menge?

Die EU-Kommission geht in einer aktuellen Prognose nicht davon aus, dass die Milchproduktion in der ersten Zeit ohne Quoten gross über das äusserst hohe Niveau von 2014 hinausgehen wird. Für das Milchjahr 2015/16 wird EU-weit mit einem moderaten Anstieg um 1 Prozent gerechnet. Allerdings gibt es Mitgliedstaaten wie Deutschland, die Niederlande und Irland, in denen zuletzt der Milchviehbestand erhöht wurde und dementsprechend mit einer überdurchschnittlichen Erhöhung der Menge gerechnet wird. In den Niederlanden etwa rechnen Experten in Zukunft mit einer Erhöhung der Milchmengen um bis zu 25 Prozent. ji

Angst vor Tiefstpreisen

Dass alles so reibungslos klappen wird, bezweifeln allerdings zahlreiche Milchbauern. So kam es in diversen Ländern, unter anderem in Italien, Deutschland und Polen, zu Protestveranstaltungen. Die Bauern beklagen sich einerseits über die bereits tiefen Milchpreise und fürchten aufgrund der künftig wohl noch höheren Produktion einen weiteren Rückgang. Anfang Jahr sanken die Preise unter anderem in Belgien, den Niederlanden, Irland und Frankreich klar unter die 30-Cent-Marke.

Die Quote hielt 31 Jahre

Die Milchquote ist ein ähnliches Instrument wie es die Schweizer Milchkontingentierung war. Die damalige EG führte sie 1984 ein, wobei jedem Mitgliedstaat eine Produktionsmenge zugewiesen wurde. Ziel waren stabile Produzentenpreise, nachdem es in den 1970er-Jahren zu Überschüssen gekommen war. Wird die Quote überliefert, so wird eine sogenannte Superabgabe fällig, die an die EU gezahlt werden muss. Mit dem Beschluss der Quoten-Abschaffung wurde die Quote zuletzt Jahr für Jahr erhöht, um den Übergang abzufedern. Dennoch übermolken einige Staaten, wie etwa Deutschland und Österreich, die Quote zuletzt konsequent, was zu hohen Superabgaben führte. Forderungen, im letzten Quotenjahr die Abgaben zu senken, wurden von den Agrarministern zurückgewiesen. Allerdings soll es für die Produzenten möglich sein, die Abgabe in drei Tranchen über drei Jahre zu bezahlen. ji

Eine kostendeckende Produktion sei so nicht mehr möglich, sagt das European Milk Board, eine Vereinigung von Milchbauern, deren Ziel kostendeckende Preise sind. Präsident der Organisation ist Romuald Schaber, der zugleich Präsident des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) ist. Dieser war gegründet worden, weil sich zahlreiche Milchbauern vom DBV nicht mehr genügend vertreten fühlten. Schaber warf dem Bauernverband unter anderem vor, die Interessen der Industrie und nicht der Bauern zu vertreten.

Kriseninstrumente gefordert

Auch mit dem Ende der Milchquoten zeigen sich diese unterschiedlichen Erwartungen und Ansichten wieder. Das EMB und der BDM fordern vehement Instrumente, die im Fall von Milchkrisen eingesetzt werden könnten. Entwickelt haben die Organisationen ein Marktverantwortungsprogramm (MVP), das auf den drei Stufen „Frühwarnung”, „Krise” und „Obligatorische Kürzung” besteht.

Eine Monitoringstelle soll demzufolge Frühwarnungen aussprechen, wenn gewisse Kriterien für eine sich anbahnende Krise erfüllt sind. In dieser Phase sind unter anderem Anreizprogramme für das Mästen von Kälbern vorgesehen. Geht die Krise allerdings dennoch weiter, so soll ein Bonus für eine Reduktion der Milchproduktion an die Bauern ausbezahlt werden. Klappt alles nicht, so soll das letzte Instrument greifen: Eine allgemeinverbindliche Kürzung der Milchlieferungen um zwei bis drei Prozent über einen vordefinierten Zeitraum. Kurz: die Rückkehr zur (temporären) Mengensteuerung.

Auswirkungen auf die Schweiz

Weil die EU-Milchproduktion 2014 schon äusserst hoch war und die Preise bereits tief, wird in der Schweiz kurz- und mittelfristig nicht mit einem erhöhten Druck auf die Preise aufgrund des Wegfalls der EU-Quote gerechnet. Längerfristig gesehen werde die freie Produktion in der EU aber Auswirkungen auf die Schweiz haben, sagte Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch, kürzlich in einem LID-Interview. Er geht davon aus, dass ab 2016 in Regionen, wo günstig produziert werden kann, das Angebot zunehmen wird. Potenzial für Wachstum dazu besteht im Gürtel Nordfrankreich, Belgien, Niederlande, Norddeutschland, Dänemark sowie in Irland und Südengland. Ein Ausbau in diesen Gegenden könnte auch Druck auf den Milchpreis in der Schweiz ausüben. ji

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