21.04.2016 09:14
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Tschernobyl
«Dürfen wir Eier essen?»
Dürfen wir unsere Kinder draussen im Sandkasten spielen lassen? Ist nur der Kopfsalat radioaktiv verseucht? Dürfen wir Eier essen? Um die zahlreichen Fragen von besorgten Bürgerinnen und Bürgern zu beantworten, richteten die Schweizer Behörden rund 10 Tage nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl ein offizielles Sorgentelefon ein.

Am anderen Ende des Hörers sassen AC-Spezialisten. Die Stelle war während 36 Tagen rund um die Uhr bedient. Dennoch kam sie laut Medienberichten sehr rasch an ihre Kapazitätsgrenze.

Die Leitungen des Sorgentelefons seien «pausenlos besetzt», das Sorgentelefon «hoffnungslos überlastet», schrieb etwa der Tages-Anzeiger am 9. Mai 1986. Nur am frühen Morgen, zwischen vier und fünf Uhr, lasse der Ansturm der Anrufer jeweils etwas nach.
Davon zeugen auch die Leserkommentare aus jener Zeit: «Das ist doch eine Zumutung, dass nur zwei Telefonnummern offizielle Auskünfte erteilen», kritisierte etwa eine Leserin. Ein Leser aus Zürich schrieb: «Seit 24 Stunden versuchen wir es, aber die sind ständig besetzt.»

Ein anderer Leser aus Wangen warf den Schweizer Behörden vor, viel zu spät «geschaltet» zu haben. «In Deutschland und Österreich wurde die Bevölkerung viel früher informiert», kritisierte er.

Täglich ein Bulletin

Der damalige Bundespräsident Alphons Egli äusserte sich später im «Sonntagsblick» selbstkritisch: «Bei einem zweiten derartigen Unfall würde die Landesregierung das Sorgentelefon für die Bevölkerung früher und zugänglicher einrichten».
In einer Antwort auf eine Interpellation aus den Reihen der SP vom 2. Juni 1986 räumte die Landesregierung zudem ein, «dass es vielleicht nötig gewesen wäre, diese Telefonleitungen zu vervielfachen, damit gleichzeitig mehrere Anrufer hätten bedient werden können.»

Das Sorgentelefon war aber nur eines von mehreren Mitteln für die Kommunikation mit der Bevölkerung. Nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl begann in der Schweiz ein rund fünfwöchiges Krisen-Management. Im Mittelpunkt der Operation stand die Kommission für AC-Schutz (KAC). Diese veröffentlichte ab dem 30. April 1986 täglich mindestens ein Bulletin.

Darin informierte sie über die radiologische Lage in den verschiedenen Regionen, über die neuesten Messergebnisse und die Kontamination von Lebensmitteln. Auch wurden Empfehlungen abgegeben, um die Strahlendosis der Bevölkerung zu reduzieren.

Informieren, ohne zu verunsichern

Die Schweizer Behörden standen vor der schwierigen Aufgabe, die Bevölkerung möglichst sachlich und transparent zu informieren, ohne sie unnötig zu verunsichern, wie das ENSI in einem Hintergrundartikel zum Thema schreibt.

Die Verunsicherung liess sich jedoch nicht vermeiden. Geschürt wurde die Angst unter anderem durch die kritischere Beurteilung der Lage im Ausland. Während die deutsche Regierung etwa Verbote aussprach, setzten die Schweizer Behörden auf Empfehlungen.
So wurde in der Schweiz beispielsweise lediglich geraten, Salate und Gemüse wie frischen Spinat gründlich zu waschen, während in gewissen deutschen Bundesländern Spinatäcker vernichtet wurden.

Diese Zurückhaltung wurde hierzulande mit Skepsis aufgenommen, vielerorts wurde die Informationspolitik kritisiert. Für Verwirrung sorgte zudem, dass die Experten aus den verschiedenen Ländern für die Messung der Radioaktivität verschiedene Einheiten benutzten.

Sogar die «Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift», die dem Schweizer Krisenmanagement ein insgesamt gutes Zeugnis ausstellte, ortete bei der «Handhabung der Information» Verbesserungspotenzial.

Staaten haben dazugelernt

Inzwischen haben die Behörden einiges dazugelernt. «Nach Tschernobyl hat man vieles überarbeitet», sagte Christian Fuchs von der Nationalen Alarmzentrale NAZ der Nachrichtenagentur sda. Heute seien die Staaten, darunter auch die Schweiz, viel besser untereinander vernetzt, der Dialog sei organisiert. Die Informationen zu einem Ereignis und Messwerte würden weltweit ausgetauscht.
Die Schweiz schloss nach Tschernobyl eine Reihe bilateraler Abkommen mit ihren Nachbarn, welche die Staaten im Fall einer Atomkatastrophe zum Informationsaustausch verpflichten. 1988 trat sie zudem einer Konvention bei, welche die Information zwischen den Staaten über die Internationale Atomenergieagentur IAEA regelt.

«Nach der Katastrophe in Fukushima erhielten wir tägliche Updates aus Japan», führt er als Beispiel für diese Zusammenarbeit an. Heute seien die Staaten zudem bestrebt, die Schutzmassnahmen zu harmonisieren.

In der Schweiz wurde die Notfallplanung verbessert und ein flächendeckendes Messsystem zur Überwachung der Radioaktivität aufgebaut. Ein Sorgentelefon für die Bevölkerung würde in einer vergleichbaren Situation auch heute wieder eingerichtet. Eine «Hotline» des Bundesamtes für Gesundheit, um genau zu sein.

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