1.05.2015 07:08
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Klimawandel
Erwärmung beschleunigt Artensterben
Mit jedem Grad Erwärmung infolge des Klimawandels wird sich das Artensterben beschleunigen. Zu diesem Schluss kommt der US-Ökologe Mark Urban nach der Neubewertung von mehr als 130 Studien zum Thema.

Folge die Welt dem bisherigen «business-as-usual»-Pfad, sei etwa jede sechste Art vom Aussterben bedroht, schreibt er im Wissenschaftsmagazin «Science». Am stärksten sei die Vielfalt der Tiere und Pflanzen in Südamerika, Australien und Neuseeland gefährdet, in Nordamerika und Europa sei das Risiko am geringsten.

Viele Experten sind der Ansicht, dass der Klimawandel etliche Arten an den Rand des Aussterbens - oder darüber hinaus - bringen wird. Dies passiert etwa, wenn sich die Klimabedingungen in einem Lebensraum so verändern, dass dieser für bestimmte Spezies unbewohnbar wird und neue Lebensräume nicht oder nicht schnell genug erschlossen werden können.

Bis zur Hälfte aller Arten

Darüber, wie vielen Arten dieses Schicksal droht, gehen die Schätzungen gegenwärtig allerdings weit auseinander. Je nach Studie liegen sie laut Urban zwischen 0 und 54 Prozent.

Der Biologe, der an der Universität von Connecticut in Storrs (US-Staat Connecticut) im Bereich Ökologie und Evolutionsbiologie forscht, analysierte nun die Ergebnisse von 131 Studien neu. Er bewertete unter anderem, welchen Einfluss der Temperaturanstieg, die geografische Region oder die taxonomische Zugehörigkeit einer Spezies auf ihr Aussterberisiko haben und wie etwa die Art des eingesetzten Modells oder die vorab gesetzten Annahmen das Ergebnis beeinflussen.

Im Durchschnitt prognostizieren die Modelle demnach einen Artenverlust von insgesamt 7,9 Prozent. Die starken Unterschiede zwischen einzelnen Studien kommen laut Urban vor allem durch unterschiedliche Annahmen zum Ausmass des künftigen Klimawandels zustande.

Aussterberisiko steigt mit Temperatur

Das Aussterberisiko beschleunige sich, je stärker die Temperaturen stiegen. Gelinge es, die Temperaturerhöhung auf die angestrebten zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, steigt das Aussterberisiko der Untersuchung zufolge von derzeit 2,8 auf 5,2 Prozent. Die meisten Experten hielten das allerdings für nicht mehr möglich.

Bei einer Temperaturerhöhung von 3 Grad betrage das Aussterberisiko schon 8,5 Prozent. Folgt die Klimaerwärmung aber dem derzeit eingeschlagenen Weg, steigen die Temperaturen um 4,3 Grad Celsius und 16 Prozent der Arten könnten von der Erde verschwinden, wie der Wissenschaftler schreibt.

Anpassungsfähigkeit unbekannt

Endemische Arten - also solche die nur in einem eng umgrenzten Gebiet vorkommen - seien besonders stark gefährdet. Die taxonomische Zugehörigkeit einer Art - also etwa ob es sich um eine Amphibie oder einen Vogel handelt - habe hingegen keinen signifikanten Einfluss auf das Aussterberisiko, berichtet Urban weiter.

Die meisten Studien berücksichtigten Prozesse, die das Ausmass des Artensterbens beeinflussen, derzeit nicht oder nicht ausreichend, schreibt Janneke Hille Ris Lambers von der Universität von Washington in Seattle (US-Staat Washington). So sei weitgehend unklar, inwieweit sich Arten an die Klimaveränderungen anpassen oder diese durch ihr Verhalten abpuffern können.

Nicht warten

Nichtsdestotrotz sollte die Menschheit nicht warten, bis die verbleibenden Fragen geklärt sind, sondern jetzt Handeln, in erster Linie die Emissionen begrenzen. «Tun wir das nicht, werden wir schon bald die Auswirkungen des Klimawandels auf die Artenvielfalt direkt beobachten können.»

Die Studie gebe einen wichtigen Hinweis darauf, was ungefähr zu erwarten sei, kommentierte Thomas Hickler, Professor für Biogeografie am Senckenberg Forschungszentrum Biodiversität und Klima. Die globale Aussterberate pro Jahr sei derzeit etwa 1000 Mal höher als die natürliche - Ursachen sei aber noch nicht der Klimawandel, sondern Lebensraumzerstörung, Überdüngung und die Invasion fremder Arten.

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