6.07.2016 11:53
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Food Waste
Essensabfälle Problem für Städte
Immer mehr Megastädte, immer mehr Probleme. Eines davon ist oft nicht auf dem Radar der Städteplaner: Berge von Essensresten. Einerseits müssen Millionen ernährt werden, aber es fehlt Platz für Abfall. Was tun?

Was in den zehn Restaurants des Fünfsterne-Hotels Marina Bay Sands in Singapur auf den Tisch kommt, ist vom Feinsten: Hummer mit Frühlingsgemüse oder Wachtel mit Koriandersaft etwa. Nur die knackigste Karotte schafft es auf den Teller, nur die frischeste Zwiebel in die Suppe. Der Rest landet im Abfall.

Bis 2050 rund 60 Prozent in Städten

Essensabfälle sind gerade für grosse Städte ein Riesenproblem. Die Wasser-, Städte- und Umweltkonferenz in Singapur beschäftigt sich vom 10. bis 14. Juli unter anderem mit diesem Thema. «54 Prozent der Menschen leben nach UNO-Schätzungen in Städten, bis 2050 werden es sogar 66 Prozent sein - damit steigen auch die Essensrestmengen deutlich», sagt Konferenzteilnehmer Mervyn Jones, Direktor der Organisation Sustainable Global Resources, die Unternehmer in Entwicklungsländern in Nachhaltigkeit berät und Abfallvermeidung lehrt.

Anders als auf dem Land kaufen die Menschen in der Stadt im Supermarkt abgepackte Nahrungsmittel, oft mehr als sie brauchen. Sie leben nicht von dem, was gerade reif ist, sondern suchen beim Einkauf auf Vorrat aus und verbrauchen dann nicht alles.

Ein Drittel landet im Abfall

In der dicht besiedelten asiatischen Millionenmetropole Singapur mit 5,3 Millionen Einwohnern landen jedes Jahr 785'000 Tonnen Essen im Abfall. Die UNO-Ernährungsorganisation (FAO) schätzt, dass weltweit ein Drittel der Nahrungsmittelproduktion gar nicht auf den Tisch gelangt, sei es, weil es auf dem Weg zum Verbraucher schon verdorben ist oder ungenutzt im Müll landet. Das sind 1,3 Milliarden Tonnen im Jahr - eine gigantische Menge.

Städte haben gleich zwei Herausforderungen: Zum einen wird es schwierig, immer mehr Menschen in Ballungsräumen satt zu bekommen, zum anderen gibt es gar keinen Platz für die vielen Abfälle. Bei der Singapurer Konferenz geht es etwa darum, wie Abfälle genutzt werden können. So stellen zwei Singapurer Universitäten Projekte zur Umwandlung von Nahrungsmittelabfällen in Biotreibstoff vor.

Leben unabhängig vom Konsum

Die Organisation Food Bank Südafrika sammelt aussortierte Lebensmittel bei Geschäften und Märkten ein und kocht daraus Essen für Bedürftige. Sie verteilt so nach eigenen Angaben 3350 Tonnen Essen im Jahr. In Südkorea zahlen Haushalte für die Entsorgung von Nahrungsmittelabfällen je nach Menge. In Frankreich und anderswo gibt es die Bewegung der «Freegans», die ihren Lebensunterhalt möglichst unabhängig von Konsum zu bestreiten suchen und Lebensmittel zum Beispiel aus den Müllcontainern von Supermärkten holen.

Elise Lecamp, 33 Jahre alt und Übersetzerin, geht in Paris zum Markt und sammelt ein, was die Stände als nicht mehr verkaufbar aussortieren. Sie schaut auch in Müllcontainern nach Essensresten, wie sie erzählt. So findet sie genügend Nahrungsmittel für sich und ihre Mitbewohnerin. «Wir Freegans entlasten damit zum einen die Müllhalden und wir reduzieren den Gesamtbedarf an Nahrungsmitteln in unserer Stadt», sagt sie.

Verflüssigte Essensreste

Jones von Sustainable Global Resources nennt die britische Organisation FoodCycle als positives Beispiel. Sie klärt über gesundes Essen auf, wie man Abfall vermeidet und wo ungenutztes Essen abgegeben werden kann. «Es ist wichtig, dass die Menschen sich leicht an solchen Aktionen beteiligen können.»

Essensabfälle wird es trotzdem immer geben. Die Singapurer Firma Enerprof hilft bei der platzsparenden Entsorgung. «In Singapur wächst die Abfallmenge ständig», sagt Enerprof-Manager Owen Yeo. «So geht es nicht weiter, denn wir haben nur eine einzige Müllhalde.» Die Firma hat eine Maschine im Angebot, die Essensabfälle verflüssigt, damit sie in Abwasserrohre fliessen können.

Fünf solcher Maschinen stehen seit einem Jahr am Marina Bay Sands Hotel in Singapur. Dort werden nun auch die Essensreste verflüssigt, die von den Büffets der Konferenz übrig bleiben.

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