27.04.2014 14:00
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
EU
EU-Osterweiterung: Von der Euphorie zur Normalität
Vor zehn Jahren ging für viele Menschen in der Mitte Europas ein Traum in Erfüllung. Ihre Länder kamen nach Jahrzehnten im Ostblock in die Europäische Union. Später machte sich auch Ernüchterung breit.

Es lag Euphorie in der Luft am 1. Mai 2004. «Verehrte Mitbürger, guten Morgen in der Europäischen Union», rief der damalige tschechische Ministerpräsident Vladimir Spidla der Menge vor dem Prager Rathaus zu. Auch in Polen gab es Feuerwerk und Konzerte. «Polen kehrt in die europäische Familie zurück», sagte der damalige Präsident Aleksander Kwasniewski in Warschau.

Zehn Länder - 75 Millionen Menschen

Die Gemeinschaft wuchs auf einen Schlag um zehn Länder mit 75 Millionen Menschen. Im Osten waren dies Polen, das Baltikum, Tschechien, Ungarn, die Slowakei und Slowenien. Für die ehemals sozialistischen Staaten ging ein 15-jähriger Anpassungsprozess zu Ende. Dazu kamen noch die Mittelmeer-Inseln Malta und Zypern.

Nicht nur im Westen herrschte jedoch auch Skepsis: Nach Jahrzehnten unter sowjetischer Oberherrschaft gab es Angst, womöglich ein Stück Unabhängigkeit für das europäische Projekt aufgeben zu müssen. Populisten schürten vor allem in der Landbevölkerung Misstrauen. Die Anpassung an europäische Standards wie etwa im Umweltbereich war teuer. Fast überall hinkte der neue Osten Europas hinterher, musste Entwicklungsschritte nachholen.

Polen profitierte besonders stark

Doch die Mühe lohnte sich. Nach dem Beitritt erlebten die Länder Mitteleuropas eine Boomphase. «Sechsprozentiges Wachstum, das hätte es ohne Europa nicht gegeben», erinnert sich Ex-Premier Spidla, heute Chefberater der Regierung in Prag. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft kam es zu einer «spürbaren Annäherung» an den Wohlstand Westeuropas. Polen mit seinen vielen bäuerlichen Familienbetrieben profitierte besonders stark.

«Der 1. Mai 2004 wird wohl als einer der wichtigsten und besten Tage in der Geschichte unseres Landes gelten», resümierte der polnische Regierungschef Donald Tusk am Dienstag nach zehn Jahren EU-Mitgliedschaft. «Wenn wir heute daran denken, was unser östlicher Nachbar Ukraine durchmacht, dann zeigt das, was für eine gute Wahl unser Beitritt zur EU war.»

Auch kritische Stimmen vorhanden

Es gab auch kritische Stimmen: Erst jetzt wurde bekannt, dass der damalige tschechische Präsident Vaclav Klaus im Beitrittsreferendum mit Nein stimmte. Die heutige pro-europäische Politik in Prag empfindet er als «Niederlage». Auch der einfache Bürger auf der Strasse war nicht immer zufrieden. «Viele Menschen hatten einen viel rascheren Anstieg des Lebensstandards erwartet», sagt der Politologe Jiri Pehe der Nachrichtenagentur dpa. Zudem habe es Missverständnisse darüber gegeben, was nun Aufgabe der EU sei.

Polen sah die Mitgliedschaft als Chance, sich als Führungsnation in der Region zu etablieren. Das war nicht immer zur Freude der kleineren Partner Tschechien, Slowakei und Ungarn. Es sei ohnehin eine «ungleiche Gruppierung», meint der Publizist Pehe. Doch gemeinsam schafften es die «Neuen», den Blick aus Brüssel stärker auf den Osten zu lenken. Die Östliche Partnerschaft mit sechs Ex-Sowjet-Republiken und das Engagement für die Ukraine - hier haben Polen und die anderen Staaten Akzente gesetzt.

Freizügigkeit als Aufstiegschance

Die Freizügigkeit für Arbeitnehmer, die Grossbritannien, Irland und Schweden als erste gewährten, war für viele Polen, Tschechen oder Litauer der erste Schritt zu mehr Wohlstand. Ob als Krankenschwester in London oder als Handwerker in Cork - die Gelder der Migranten finanzierten in der Heimat neue Häuser und Autos.

«Damals waren in ganz Warschau keine ordentlichen Handwerker zu finden - die arbeiteten alle auf den Inseln», erinnert sich der Warschauer Rentner Leszek Drewicz an die Probleme, die ihm der Umbau seines Hauses gleich nach der EU-Erweiterung verschaffte.

Doch nicht nur die Gelder der Migranten flossen, sondern auch die Finanzspritzen aus Brüssel. Im Jahr 2005 lagen sieben der zehn ärmsten Regionen der EU in Polen. Im einstigen Armenhaus an der Ostgrenze der EU ist zwar noch nicht überall der Wohlstand ausgebrochen, doch wer heute in Podlachien oder der Lubliner Region an der Grenze zu Weissrussland unterwegs ist, sieht eine bessere Infrastruktur, neue Geschäfte und Kleinunternehmen.

Keine Eile beim Euro

Die EU-Mitgliedschaft wird dann auch von der grossen Mehrheit der Polen begrüsst. Nur mit der Einführung der Gemeinschaftswährung haben es weder Polen noch Tschechen Umfragen zufolge besonders eilig.

Die jüngste Griechenland-Krise wirkt in den Köpfen nach, der Zloty oder die Krone sind vertraut. In der Slowakei, in Slowenien, Lettland und Estland dagegen wird schon heute mit dem Euro bezahlt.

Beitrittskandidaten der EU

Die EU umfasst derzeit 28 Mitgliedstaaten - weitere könnten hinzukommen. Derzeit stehen eine ganze Reihe von europäischen Ländern in «Warteposition»:

KANDIDATLÄNDER, also Länder mit denen Verhandlungen bereits aufgenommen wurden oder beginnen könnten, sind:
- Montenegro
- Mazedonien
- Serbien
- die Türkei (die Verhandlungen dauern an)
- Island (die Verhandlungen wurden von der isländischen Seite im Mai 2013 auf Eis gelegt).

POTENZIELLE KANDIDATEN, also Länder, denen Aussichten auf einen Beitritt bei Erfüllung bestimmter Bedingungen zugesagt wurden, sind:
- Albanien
- Bosnien-Herzegowina
- Kosovo

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