30.10.2014 07:13
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Konjunktur
Fallender Ölpreis als Wachstumstreiber
Die Preise für Rohöl fallen und fallen: Die US-Sorte WTI war Anfang der Woche so billig wie seit Juni 2012 nicht mehr, und die Nordseesorte Brent bewegte sich auf dem Preisniveau von 2010. Das billige Öl stützt die globale Konjunktur, hat aber auch seine Tücken.

Das grösste Konjunkturpaket für die Weltwirtschaft haben nicht ausgabefreudigen Politiker geschnürt. Nein, der grösste Konjunkturtreiber ist ist flüssig und wirkt im Hintergrund. Rohöl ist der Treibstoff der Industriegesellschaft, weshalb der massive Preisverfall in den letzten Monaten erheblich dazu beitrug, dass das globale Wachstum nicht noch weiter ins Stocken geriet.

Preise werden weiter fallen

Doch was passiert, wenn die Ölpreise dauerhaft unter Druck bleiben? Die US-Investmentbank Goldman Sachs ist ein sogenannter Market Mover, das heisst ihre Prognosen bewegen die Kurse an den Finanzmärkten. Wie einflussreich das Wall-Street-Institut ist, zeigte sich einmal mehr am Montag.

Als Goldman Sachs die Studie «The New Oil Order» veröffentlichte, rutschte der Preis für US-Rohöl Sorte WTI (West Texas Intermediate) kurzzeitig unter die wichtige Marke von 80 Dollar je Barrel (159 Liter) und damit auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren.

Kernaussage der 21-seitigen Analyse: Die Preise werden weiter fallen, WTI im nächsten Jahr bis unter 75 Dollar. Der Grund: Die Weltwirtschaft ersäuft im Öl - die Nachfrage ist wegen der schwachen Konjunktur zu gering und das Angebot zu hoch.

Opec-Länder verlieren an Marktmacht

Die USA haben ihre Produktion in den letzten Jahren dank des Fracking-Booms kräftig ausgeweitet und fördern mittlerweile so viel Öl wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. Andere Ölnationen, wie die Länder des Opec-Kartells, verlieren zunehmend an Marktmacht.

Goldmans Rohstoff-Experten stehen mit ihrem Ausblick nicht allein. «Insgesamt sind die Preise noch nicht tief genug gefallen», sagt etwa Expertin Amrita Sen vom Analystenhaus Energy Aspects. «Die allgemeine Stimmung am Ölmarkt bleibt negativ», pflichtet Eugen Weinberg von der deutschen Commerzbank bei.

Billiges Öl kommt meisten Länder zugute

Was für Spekulanten an den Finanzmärkten negativ ist, muss für die Wirtschaft aber nicht schlecht sein - im Gegenteil. Billiges Öl kommt den meisten Ländern zugute: Einem Modell der Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge lässt ein zehnprozentiger Preisrückgang die weltweite Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent steigen.

Je günstiger das Rohöl, desto weiter sinken die Produktionskosten vieler Industrieunternehmen. Und Konsumenten haben mehr Geld zum Ausgeben übrig, weil sie Benzin- und Heizölkosten sparen.

Ölförderländer leiden


In den letzten vier Monaten hat sich Öl um etwa ein Viertel verbilligt. Das ist ein massiver Konjunkturanschub, den sich die meisten Regierungen und Notenbanken derzeit kaum leisten könnten. Natürlich gibt es auch Verlierer. Dauerhaft niedrige Ölpreise belasten Volkswirtschaften, die abhängig von der Ölproduktion sind - zum Beispiel Russland, Venezuela, Saudi Arabien oder Iran.

Auch für andere Wirtschaftsräume könnte ein weiterer Preisverfall unangenehme Begleiterscheinungen haben. In der Eurozone, die stark auf Energieeinfuhren angewiesen ist, lassen günstigere Ölimporte die ohnehin schon niedrige Teuerung weiter sinken und verstärken so die Angst vor einer Deflation - einem Teufelskreis aus fallenden Preisen und schwacher Konjunktur.

Fracking könnte zu teuer werden

Auch in Amerika, auf den ersten Blick grösster Profiteur in Goldmans neuer globaler Ölordnung, gibt es nicht nur Gewinner. Denn die Schieferöl-Revolution, die den Preisrutsch erst ermöglicht hat, könnte in den USA bald ihre eigenen Kinder fressen. Denn das Fracking, bei dem tiefliegende Gesteinsschichten angebohrt und das dort lagernde Schiefergas und -öl mit Hilfe von Chemikalien gelöst wird, ist relativ teuer.

Bei Ölpreisen von deutlich unter 80 Dollar rechnet sich ein wesentlicher Teil der Produktion nicht mehr. Dann würde der Schieferöl-Boom und damit wohl auch der Absturz der Rohölpreise insgesamt gebremst.

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