30.04.2020 15:00
Quelle: schweizerbauer.ch - aiz
USA
Fleischengpass in den USA?
In den USA wächst die Sorge um Versorgungsengpässe bei Fleisch. Der Grund ist, dass immer mehr Schlacht- und Fleischverarbeitungsbetriebe ihre Produktion wegen Corona-Infektionen ihrer Mitarbeiter oder Quarantänemassnahmen einstellen müssen, berichten Reuters und Agra Europe. Bauern verzeichnen einen Preiszerfall.

Die drei grössten US-Schlachtbetriebe für Schweine, betrieben von den Unternehmen Smithfield Foods, JBS und Tyson Foods, arbeiten nicht mehr. Dort werden rund 15% der Schweine in den USA geschlachtet.

Schlachtkapazitäten geringer

Zudem mussten weitere kleinere und mittlere Unternehmen die Türen schliessen. Die Trump-Regierung versucht jetzt gegenzusteuern, indem sie die Schlachtunternehmen per Erlass dazu anhält, unter entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen den Betrieb aufrechtzuerhalten. 

Nach Angaben der Gewerkschaft für Arbeiter in der Ernährungswirtschaft (UFCW) haben in den vergangenen Wochen mindestens 13 Fleischunternehmen die Produktion eingestellt, was die Schlachtkapazitäten bei Schweinen um 25% und bei Rindern um 10% verringert hat. Expertenschätzungen zufolge könnten bei weiteren Werksschließungen ab Ende Mai (wenn die Lagervorräte abgebaut sind) erste Versorgungslücken entstehen. 

"Lebensmittelversorgungskette bricht zusammen" 

Wie gross die Sorgen sind, wurde am vergangenen Sonntag in ganzseitigen Zeitungsinseraten des Fleischunternehmens Tyson klar. "Die Lebensmittelversorgungskette bricht zusammen", warnte dort Firmenchef John Tyson. Die Schliessung von Verarbeitungsbetrieben könne "dem Markt Millionen Pfunde an Fleisch entziehen und zu leeren Regalen und steigenden Preisen führen", so Tyson. Er verwahrte sich in den Inseraten zudem gegen Anschuldigungen, die Mitarbeiter nicht ausreichend vor Ansteckung geschützt zu haben. 

Smithfield-Geschäftsführer Ken Sullivan warnte bei der Schliessung seines grossen Werkes in Sioux Falls ebenfalls vor den Auswirkungen. "Der Shutdown dieser Anlage in Verbindung mit weiteren Schliessungen in unserer Branche bringt unser Land in Bezug auf unsere Fleischversorgung gefährlich nahe an den Rand", erklärte er. Es sei unmöglich, die Lebensmittelgeschäfte zu beliefern, wenn Produktionsanlagen nicht liefen. 

Tierhalter verzeichnen Preisverfall 

Grosse Probleme haben auch die Rancher in den USA, die ihre Tiere nicht mehr loswerden und einen massiven Preisverfall erleben. Der Nationale Verband der Schweinehalter (NPPC) verlangte aufgrund der Notlage mehr staatliche Hilfen und wies darauf hin, dass die Erzeuger bereits 2019 wegen der Handelsstreitigkeiten Einbussen erlitten hätten. Bis Jahresende müssten die Schweineproduzenten voraussichtlich mit einem weiteren Verlust von 5 Mrd. USD (4,86 Mrd. Fr.) rechnen, so der Verband. 

Trump ordnete Fortsetzung der Fleischproduktion an 

US-Präsident Donald Trump versucht jetzt, das Problem auf seine Weise zu lösen. In einem Erlass, der am Dienstag von Landwirtschaftsminister Sonny Perdue veröffentlicht wurde, wird die Fleischindustrie als wesentlicher Wirtschaftssektor eingestuft, der in nationalen Krisenzeiten weiterlaufen muss.

"Unsere Schlachtbetriebe und Verarbeiter von Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch spielen eine wichtige Rolle in der Lebensmittelversorgungskette", betonte Perdue. Das US-Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention (CDC) habe gemeinsam mit Experten des Arbeitsministeriums Richtlinien für einen sicheren Betrieb in der Fleischverarbeitung entwickelt, um Rahmenbedingungen zu gewährleisten, die den Weiterbetrieb der Unternehmen ermöglichen, so der Minister. 

Verarbeitung auf wenige konzentriert

Nach Angaben der Branchengewerkschaft UFCW sind bisher mindestens 20 Beschäftigte der Fleischindustrie nach einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben. Mehr als 5'000 Beschäftigte zeigten demnach Symptome der von dem neuartigen Erreger ausgelösten Lungenkrankheit COVID-19. 

Laut Experten sind in der US-Fleischindustrie die Rahmenbedingungen, um eine Ausbreitung der Corona-Infektionen zu verhindern, relativ ungünstig. Speziell im Bereich Schweinefleisch ist die Verarbeitung auf wenige grosse Unternehmen konzentriert, und diese wiederum sind in räumlicher Nähe angeordnet. In den USA entfallen 70% der Verarbeitungskapazitäten für Schweinefleisch auf 20 Unternehmen.

Zwei Drittel von diesen sind im Bundesstaat Iowa im Mittleren Westen der USA oder in angrenzenden Nachbarstaaten angesiedelt. Ausserdem ist es in den dortigen Schlachtbetrieben relativ schwierig, im Arbeitsalltag einen Sicherheitsabstand zwischen den Beschäftigten einzuhalten oder Virusübertragungen über die Lüftungsanlagen zu verhindern. 

Wirtschaft im freien Fall

Nicht ganz so stark konzentriert ist die Rindfleischverarbeitung in den USA. Sie findet überwiegend in den Bundesstaaten Colorado, Nebraska, Kansas und Texas statt. Die zehn grössten Unternehmen der Branche verfügen aber immerhin über 60% der gesamten Verarbeitungskapazität. 

Die US-Wirtschaft befindet sich seit der Zuspitzung der Coronavirus-Pandemie im März im freien Fall. Die US-Notenbank Federal Reserve will am Mittwoch ihren weiteren Kurs im Kampf gegen die wirtschaftlichen Verwerfungen der Coronavirus-Pandemie festlegen. Experten warnen, dass den USA der stärkste Wirtschaftseinbruch seit fast 100 Jahren bevorsteht. 

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