Dienstag, 31. Januar 2023
07.03.2014 08:15
Japan

Fukushima: Drei Jahre nach Katastrophe noch immer schwere Folgen

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Von: sda

Die Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima bleiben in der Region im Nordosten Japans unabsehbar. Die Atomruine ist nicht unter Kontrolle. Und wer vor der Katastrophe in der heutigen Sperrzone lebte, kann nicht mit einer baldigen Rückkehr dorthin rechnen.

Zwischen umgestürzten Glasvitrinen, verwüsteten Regalen und einem Chaos an Unterlagen tastet sich Yuichi Harada mit einer Taschenlampe durch seinen abgedunkelten Laden. «Hier, wieder eine Ratte». Der 64-jährige Japaner hebt die Falle mit dem toten Tier auf und vergräbt beides wenig später draussen zwischen meterhohem Unkraut.

Geisterstadt

Bis vor drei Jahren war dies Haradas Zuhause. Hier lebte er mit seiner Familie vom Handel mit Brillen, Uhren und Schmuck. Doch die Geschichte seines Geschäftes endete jäh am 11. März 2011. Jenem Tag, als ein Erdbeben und ein Tsunami seinen Heimatort Namie heimsuchten und es in dem nahe gelegenen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zur schwersten Atomkatastrophe seit Tschernobyl kam.

Noch heute ist Namie eine Geisterstadt. In weiten Gebieten liegt die Strahlung weiter bei über 50 Millisievert im Jahr und damit weit über der Evakuierungsgrenze von 20 Millisievert.

Angst vor Atomruine

Doch auch in den geringer verstrahlten Sperrzonen der Stadt darf man sich nur mit amtlicher Sondergenehmigung und nur für ein paar Stunden am Tag aufhalten. Wohnen darf hier nach wie vor niemand.Mitarbeiter des Atombetreibers Tepco notieren vor der Zufahrt die Nummernschilder und stellen weisse Schutzanzüge bereit. Wer ins Sperrgebiet kommt tut dies etwa um das Familiengrab zu besuchen oder persönliche Unterlagen zu holen.

«Die Leute hier fürchten nicht die Strahlen, sondern die Nähe zum Atomkraftwerk», sagt Harada und zeigt auf die in der Ferne sichtbare Atomruine Fukushima. «Solange von dort noch ein Risiko ausgeht, will ich hier nicht leben», sagt Harada.

In dem Meiler, der jahrzehntelang das Wohlergehen dieser strukturschwachen bäuerlichen Region sicherte, pumpt der Betreiberkonzern Tepco weiterhin täglich riesige Mengen Wasser in die Reaktoren 1 bis 3, um die geschmolzenen Brennstäbe zu kühlen – von denen bis heute keiner weiss, wo sie sich genau befinden. Bei der Kühlung wird das eingepumpte Wasser radioaktiv verseucht. Da die Reaktorgebäude zudem Risse haben, dringen jeden Tag zusätzlich 400 Tonnen an Grundwasser in die Gebäude. Ein Teil sickert ständig in den Pazifischen Ozean.

Undichte Tanks

Tepco will das Wasser in einem geschlossenen Kreislauf weiterverwenden und in Tanks zwischenlagern – mittlerweile mehr als 400 Millionen Liter. Doch die Anlage zur Entfernung von Strahlen bereitet ständig Probleme.

Um Geld zu sparen, stellte Tepco zudem Tanks auf, die einfach zusammengenietet wurden – mit der Folge, dass immer wieder Lecks auftreten. Um den Zufluss von Grundwasser zu stoppen, soll nun ein gigantischer unterirdischer Wall aus gefrorener Erde gebaut werden. Ob das Erfolg haben wird, ist jedoch ungewiss.

Doch trotz all der andauernden Probleme und Pfuschereien von Tepco erklärte Ministerpräsident Shinzo Abe kürzlich bei der Bewerbung Tokios um die Olympischen Spiele 2020, die Lage sei «unter Kontrolle». Das Internationale Olympische Komitee konnte er damit überzeugen.

Wiederaufbau kommt nur langsam voran

Der Wiederaufbau im japanischen Katastrophengebiet drei Jahre nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami kommt nur schleppend voran. Mehr als 100’000 Menschen leben weiter in Behelfsunterkünften.

Während die Hauptstadt Tokio, wo die Wähler kürzlich bei der Wahl zum Gouverneur ein klares Plädoyer für den Wiedereinstieg in die Atomenergie abgegeben haben, nachts längst wieder genauso erstrahlt wie vor der Katastrophe, müssen in den Tsunamigebieten noch immer rund 140’000 Personen in containerähnlichen Behelfsunterkünften hausen.

Kinder leiden

Einer Erhebung des Gesundheitsministeriums zufolge leiden mehr als 30 Prozent der Kinder in den vom Erdbeben und Tsunami betroffenen Gebieten unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD). Auch viele der meist älteren Bewohner leiden unter Depressionen. Erschwert wird die Lage dadurch, dass der Wiederaufbau nur schleppend vorankommt. Immerhin, die Trümmer des Tsunami sind fast überall beseitigt.

Die Regierung hat zugesagt, den Wiederaufbau zu beschleunigen. Mehr als 100’000 Häuser wurden zerstört. In den vom Tsunami überschwemmten Regionen müssen ganze Orte umgesiedelt werden.

Schwieriger Landkauf

Das gestaltet sich jedoch schwierig. «Der Kauf von Land läuft nur sehr schleppend, daher können wir nicht anfangen zu bauen», schildert Toshihiro Ozumi, Vize-Bürgermeister der Stadt Otsuchi, in einer Zeitung eines der Probleme.  Oft sind die Besitzer der für den Wiederaufbau vorgesehenen Flächen nur schwer auffindbar. In anderen Fällen muss langwierig die Einwilligung von teils mehreren Grundstückserben eingeholt werden.

Ein weiterer Grund ist der Mangel an Bauarbeitern. Ein Problem, das sich durch die Olympia-Vergabe an Tokio noch verschärfen könnte. Viele Opfer in den Katastrophengebieten befürchten bereits, dass ihr eigenes Schicksal wegen der Spiele noch mehr in Vergessenheit gerät. sda

Weitere drei Jahre warten

Harada glaubt jedoch nicht daran. Auch nicht, wenn regierungsnahe Experten ihm versichern, die Niedrigstrahlung sei für Menschen ungefährlich. So etwas behaupte die Regierung und die weiterhin mächtige Atomlobby nur deswegen, weil sie die nach Fukushima abgeschalteten Reaktoren im Lande wieder hochfahren wollten. Zudem wolle der Staat Entschädigungsgelder einsparen. «Daher wollen sie so schnell wie möglich den Unfall für beendet erklären».

Millionen von Kubikmeter Erde lässt der Staat abtragen. Überall in der Region stapeln sich schwarze Säcke mit verstrahltem Abraum. Viele bezweifeln den Sinn dieses gigantischen Aufwands, da von den Bergen bei Regen eh neue Strahlen nachrutschten.
Einigen Bewohnern Namies wurde jedoch Hoffnung gemacht, noch im März heimkehren zu dürfen. Da aber die Dekontaminierung auch aus Mangel an Arbeitskräften nicht wie geplant vorankommt, wurden sie auf weitere drei Jahre vertröstet.

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