28.05.2015 09:12
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Indien
Hitze: Fliessender Teer und Salz-Trank
«Mörder-Hitzewelle» schreiben indische Zeitungen. Mehr als 1000 Menschen sind in den vergangenen Tagen auf dem Subkontinent gestorben. Um der Hitze zu entkommen, lassen sich die Inder vieles einfallen - nicht immer erfolgreich.

Der Zebrastreifen in der indischen Hauptstadt Neu Delhi erinnert an einen Marmorkuchenteig, den der Bäcker gerade kräftig durchgerührt hat. Weiss und schwarz verziehen sich, lagern sich übereinander und fliessen an der Seite raus.

Bis 48 Grad

Kein Wunder: Seit Tagen brennt die Sonne unerbittlich auf Indien nieder; die Temperaturen liegen bei bis zu 48 Grad. Wer kann, springt deswegen in einen Teich, sucht sich einen Ventilator oder verbringt den Tag im Schatten eines Baumes.

Doch nicht alle schaffen es, der Hitze zu entfliehen. In den vergangenen Tagen starben nach offiziellen Angaben täglich Hunderte Menschen, mehr als 1000 waren es insgesamt. Die meisten davon waren direkten Sonnenstrahlen ausgesetzt - sie gingen trotz der extremen Temperaturen raus zum arbeiten. «Wir müssen etwas verdienen, um unseren Familien wenigstens zwei Mahlzeiten zu ermöglichen», sagt in Hyderabed der Taxifahrer Naeem Khan.

Ein Viertel der Menschen in Indien ohne Strom

Etwa ein Viertel der 1,25 Milliarden Menschen in Indien hat keinen Strom. Bei ihnen läuft also kein Deckenventilator, von einer Klimaanlage ganz zu schweigen. Santra Devi gehört zu einer Gruppe Strassenhändler, die normalerweise in der Hauptstadt Neu Delhi kleine Mitbringsel, Wasserpfeifen und Schachbretter verkauft. Nun aber sitzt sie fast den ganzen Tag am Eingang einer U-Bahn-Station, um die gekühlte Luft aus den Tunneln zu geniessen. «Touristen gibt es hier jetzt eh fast keine», sagt Devi.

Unweit davon duckt sich eine Frau unter einen Regenschirm. «Aber weil heisse Winde wehen, hilft dieser Schirm auch nicht wirklich», sagt Shweta Singh. Sie hat in diesen Tagen immer eine Wasserflasche bei sich, wohin sie auch geht. «Man muss alle paar Minuten etwas trinken, sonst dörrt die Kehle komplett aus», sagt die Angestellte.

Monsun noch weit entfernt

In den südlichen Bundesstaaten Telangana und Andhra Pradesh, die am schwersten von der aussergewöhnlichen Hitzewelle betroffen sind, haben die Behörden Tausende Wasserstellen für die Menschen eingerichtet. Sie fordern die Bevölkerung auf, zwischen 11 und 16 Uhr ihre Häuser und Büros nicht zu verlassen. An Bushaltestellen und Bahnhöfen werden Trinklösungen mit Zucker, Salz und anderen Elektrolyten ausgegeben

Ein nahes Ende der tödlichen Hitze ist derzeit nicht in Sicht. Der Monsunregen, der das Ende des Sommers einläutet und Abkühlung bringt, ist noch Tage oder sogar Wochen entfernt. Im Süden des Landes wird er Anfang Juni erwartet, im Norden erst Anfang Juli.

Pawan Kumar Yadav ist Getränkeverkäufer und könnte sich eigentlich über den guten Absatz freuen. Doch auch er wünscht sich einen kleinen Gewittersturm oder zumindest ein paar Wolken. «Ich habe meine Eiswürfel-Bestellung verdoppeln müssen, auf 80 Kilogramm», sagt er. «Es ist so heiss, dass das Eis innerhalb von Sekunden schmilzt.»

Dauer ungewöhnlich

Die aktuelle Hitzewelle ist keineswegs Indiens erste - aber besonders lang und extrem. In diesem Sommer seien schon mehrere Temperaturrekorde gebrochen worden, sagte Y.K. Reddy, Chefmeteorologe von Telangana und Andrah Pradesh. «Noch ungewöhnlicher ist aber, dass die Hitzewelle nicht, wie normalerweise, nach drei Tagen vorbei war, sondern schon seit mehr als einer Woche andauert.» Dafür sei der globale Klimawandel verantwortlich.

Wie schon die Briten zu Kolonialzeiten, versuchen einige Inder, der Hitze mit Ferien in den Himalaya-Bergen zu entkommen. Überraschenderweise sei es in ihrem Bergort nun aber auch 30 Grad warm gewesen, sagt Manju Singha. «Es war unglaublich heiss. Unsere ganzen Ferien waren vergeudet. Wir blieben fast den ganzen Tag im Hotelzimmer.»

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE