18.04.2016 09:08
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Indien
Katastrophe für Bauern - 3 Jahre Dürre
Südasien leidet unter der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten. Indien verbannt nun Sportler und verschickt Wasser per Zug. Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein. In einer tödlichen Krise, die vorhersehbar war.

Das oberste Gericht in Mumbai hat durchgegriffen. Von diesem Mai an dürfen keine Kricket-Spiele der indischen Meisterschaft IPL mehr im Bundesstaat Maharashtra stattfinden, und damit auch nicht in der meist bevölkerten Stadt des Landes, Mumbai.

Schlimmste Dürre seit Jahrzehnten

«Millionen Menschen leiden», erklärte einer der Richter die Entscheidung, die für das Land, in welchem Kricket den Status eines Nationalsports hat, gravierend ist. Die Begründung: Die IPL verbrauche zu viel Wasser, um den Rasen auf den Spielfeldern zu pflegen.

Ganz Südasien leidet zurzeit unter einer der schlimmsten Dürreperioden seit Jahrzehnten. In Thailand bezeichnete das staatliche Meteorologieinstitut die aktuelle Dürre als die schlimmste der vergangenen 20 Jahre. 350 Lastwagen sind zurzeit unterwegs, um die mehr als 4000 Dörfer mit Wasser zu versorgen, die es am schlimmsten getroffen hat. Der Landwirtschaftsminister von Vietnam nannte die Dürre eine «Jahrhundertkatastrophe».

Spektakuläre Massnahmen

Doch nirgendwo sind die Massnahmen so spektakulär wie in Indien: An diesem Montag wird der bisher grösste Wasser-Zug der indischen Geschichte in der Stadt Latur erwartet. In 50 Waggons soll er 2,5 Millionen Liter transportieren. Seit Februar ist nahe Latur der grösste Stausee der Region ausgetrocknet. Seit gut einer Woche rollen deshalb mit Wasser gefüllte Tankzüge mehr als 300 Kilometer durchs Land.

Für Rajendra Singh sind sowohl die Wasserzüge als auch der Umzug der IPL allerdings nur Placebo. «Die grossen Städte bekommen Hilfslieferungen, die nicht reichen. Die Dörfer bekommen gar nichts», sagt der Chef der Kampagne «Jal Jan Jodo», die sich für die Konservierung von Wasser in Indien einsetzt.

Dutzende Selbstmorde von Bauern

Singh ist einer der profiliertesten Kämpfer für eine nachhaltige Wasserversorgung in Indien. Für ihn liegt das Problem nicht an zwei oder drei Jahren mit einer schwachen Regenzeit, dem Monsun. «Eigentlich haben wir genug Wasser», sagt der Aktivist. «Es kümmert sich nur kaum jemand darum, es irgendwo zu speichern. Das ist besonders für die ländliche Bevölkerung und vor allem die Landwirte dort eine Katastrophe.»

Bereits jetzt, rund zwei Monate vor der Regenzeit, haben 10 der 29 Bundesstaaten offiziell Wassermangel angemeldet, und das durchgängig in der Mehrheit der von ihnen verwalteten Distrikte. Das bedeutet Ernteausfälle, sterbendes Vieh und grosse Migrationsbewegungen hin zu den Metropolen des Landes. Allein in den vergangenen Wochen meldeten indische Medien zudem wieder Dutzende Selbstmorde von Bauern, die auf die Dürre zurückzuführen seien.

Zu viel Grundwasser verbraucht

Die Hoffnung liegt nun auf dem Regen. Monate, bevor dieser im Juni erwartet wird, veröffentlichen indische Medien schon regelmässig Prognosen für den Monsun - mit aktuell eher positivem Ausblick. Allerdings bezweifeln Experten, dass sich das Wasserproblem Indiens mit einer guten Regenzeit lösen lässt. «Wir brauchen längerfristige Lösungen», sagt Philippe Dresrüsse, Projektberater für die Nichtregierungsorganisation Welthungerhilfe in Indien.

Tatsächlich ist das Problem zum Teil hausgemacht. In den vergangenen Jahrzehnten musste das Land nicht nur einen starken Anstieg der Bevölkerungszahl verkraften, sondern auch einen deutlichen Wandel in der Landwirtschaft.  Die Umstellung auf Monokulturen und subventionierte Pumpentechnik hat die Bewässerung teilweise leichter gemacht, aber oft auch zu viel Grundwasser verbraucht. Der teils politisch geförderte, sehr wasserintensive Anbau von Zuckerrohr hat den Verbrauch insbesondere in Staaten wie Maharashtra steigen lassen.

Zurück zu alter Anbaukultur

«Die Gemeinden müssen das Problem lokal angehen», sagt Wasser-Aktivist Singh. «Grosse Wasserprojekte der Regierung dauern zu lange und sind nicht verlässlich.» Für ihn liegt der Weg aus der Dürre in einem Weg zurück zur alten Anbaukultur - weg von Monokulturen, hin zu lokalen Wasserspeichern an der Oberfläche.

Auch Dresrüsse von der Welthungerhilfe unterstützt diesen Ansatz: «Dürren gab es in Asien schon früher. Aber seitdem sind vor allem im ländlichen Indien viele Strukturen verloren gegangen, mit denen sich die Bewohner früher abgesichert haben. Das müssen wir ändern.»

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