30.09.2013 17:39
Quelle: schweizerbauer.ch - Beate Kittl, sda
UNO
Klimaforscher: Wir haben mehr Fakten als zuvor
Der Bericht des Weltklimarats, der am Montag in voller Länge veröffentlicht wurde, liefere nicht nur mehr vom Gleichen, sagten Schweizer Forscher am Montag in Bern. Ihre Beobachtungen seien genauer als zuvor und sie deuteten auf deutlich stärkere Auswirkungen hin.

 

So warnt der 5. Sachstandsbericht des Weltklimarats (IPCC) vor einem Anstieg des Meeresspiegels, der um ein Drittel höher liegt als bislang prognostiziert. Je nach Szenario wird dieser bis zum Jahr 2100 um 26 bis 82 Zentimeter steigen. Ursache dafür sind vor allem die schwindenden Eisschilde auf den Landmassen Grönlands und der Antarktis.

«Heute können wir genauer vorhersagen, wie viel die Ozeane steigen werden und das hat einen gewaltigen Einfluss auf die Bevölkerung entlang der Küsten», sagte der Schweizer Klimaforscher Konrad Steffen, Direktor der Forschungsanstalt WSL, der Nachrichtenagentur sda.

Schmelzen und Fliessen des Eises

Forschungsdaten zum Abschmelzen des Eises waren bereits in den 4. Weltklimabericht von 2007 eingeflossen. Doch Daten, die zudem auf ein rascheres Fliessen der Eismassen hinwiesen, hatten die Forscher aufgrund zu hoher Unsicherheiten beiseite gelassen.
Inzwischen belegten neue Erkenntnisse, dass das Schmelzen des Eises und sein beschleunigtes Ausfliessen etwa je die Hälfte zum Anstieg des Meeresspiegels beitrügen, sagte Steffen. Er ist Leitautor des Kapitels über Eis und Gletscher des neuen Klimaberichts. Zusammen mit anderen Schweizer Klimaforschern stellte er am Montag an einem Anlass des Schweizer IPCC-Büros in Bern seine Resultate einem breiten Publikum vor.

«Seit dem letzten IPCC-Bericht sind viele Expeditionen und insbesondere Flugmessungen unterstützt worden», sagte Steffen. Man könne damit quasi durch das Eis schauen und dessen Unterseite vermessen. Zudem wisse man heute, dass sich das Eis im Inneren erwärme, und verstehe die Albedo besser, also die Reflexion von Strahlung durch das Eis.

Bedrohliches Szenario

All dies trage zum Anstieg des Meeresspiegels bei, der regional stark unterschiedlich ausfallen könne - dafür sorge in erster Linie die Gravitation. «Eine Erhöhung von rund 80 Zentimetern wäre sehr bedrohlich», sagte Steffen. «Diese Zahlen sind ja nur Mittelwerte.»  

Folglich müssten sich die Menschen anpassen. «Die Menschen in Ozeanien werden auswandern müssen, die Niederländer höhere Deiche bauen», sagte er. Das werde enorme Kosten verursachen. Auch wenn der Temperaturanstieg seit 15 Jahren eine Pause macht, schmilzt das Eis weiter. «Die Eismassen befinden sich noch nicht im Gleichgewicht», sagte Steffen - sie hinkten der Temperatur hinterher.

Die vieldiskutierte Pause wurde von Skeptikern des menschengemachten Klimawandels im Vorfeld als Entwarnung gedeutet. Da jedoch weiter Treibhausgase produziert würden, verschöbe die Pause die Klimaerwärmung lediglich, sagte Steffen.

Fakten, nicht Theorien

Die Forscher betonen, dass es sich bei den Aussagen des Klimareports nicht um blosse Theorien handelt: «Dies sind Fakten, die die Klimawissenschaft über Jahre zusammengetragen hat», sagte Thomas Stocker von der Universität Bern, Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe I, die den Sachstandsbericht erarbeitet hat. «Die in den letzten Dekaden auftretenden Veränderungen sind völlig anders als alles, was in den letzten Jahrtausenden stattgefunden hat.»

Stocker hatte letzte Woche in Stockholm die Verhandlungen um den Wortlaut der Kurzfassung des Berichts mitgeleitet - am Donnerstag wurde gar bis um fünf Uhr morgens um Formulierungen gerungen. Nicht nur die Regierungsvertreter, auch eine Maus liess sich von der Debatte aus der Ruhe bringen und huschte über den Verhandlungstisch. Sie darf sich seither einer festen Präsenz auf Twitter rühmen (@IPCCMouse)

 

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