27.08.2019 13:19
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Österreich
Kuh-Attacke: Opfer mitschuldig
Fünf Jahre nach der tödlichen Kuh-Attacke auf eine 45-jährige deutsche Wanderin hat das Oberlandesgericht (OLG) Innsbruck ein Urteil der Vorinstanz teilweise korrigiert. Das sagte OLG-Vizepräsident Wigbert Zimmermann am Dienstag bei einer Medienkonferenz.

Der Fall erschütterte im Februar Österreich. Eine Kuh von Landwirt Reinhard Pfurtscheller hat im Sommer 2014 eine deutsche Touristin zu Tode getrampelt. Er wurde vom Landgericht Innsbruck zu Zahlungen von 490'000 Euro verurteilt.

Zu Tode getrampelt

Die Tragödie ereignete sich im Pinnistal, einem Seitental des Stubaitals. Eine 45-jährige Deutsche war mit ihrem Hund auf einem Wanderweg unterwegs. Plötzlich liefen die Kühe seitlich auf sie zu. Die Herde hatte es vermutlich auf dem Hund abgesehen. Die Frau hatte ihren Hund angeleint. Dieser soll sich jedoch nicht aggressiv gegenüber den Kühen verhalten haben.

Die Wanderin wurde angegriffen und schwer verletzt. Während 45 Minuten wurde die 45-Jährige reanimiert. Die Deutsche erlag jedoch ihren Verletzungen. Gemäss dem Obduktionsbericht wurde die Frau zu Tode getrampelt. Der Bauer hatte entlang des Weges keinen Zaun aufgestellt. In der Folge beklagte der Wittwer den Bauern.

Regeln für Wanderer

Österreich hat mit zehn Regeln für Wanderer, die auf Alpen mit Weidebetrieb unterwegs sind, reagiert. Zu den Regeln gehört das Anleinen von Hunden - oder im Fall einer Kuh-Attacke - deren sofortiges Loslassen, das deutliche Umgehen einer Herde sowie der einzuhaltende Abstand besonders zu Kälbern. Ausserdem wird vor Schreien, Pfeifen und hektischen Bewegungen, die die Tiere nervös machen könnten, gewarnt. 

In Österreich stehen nach Angaben der Landwirtschaftskammer rund 270'000 Stück Vieh auf den knapp 8000 Alpen. Viele Wanderwege kreuzen die Areale.

Ansprüche um 50 Prozent gekürzt


Der Bauer hat gegen das Urteil des Landesgerichts Innsbruck in der Folge Berufung eingelegt. Nun hat das Oberlandesgericht Innsbruck (OLG) dem Landwirt teilweise recht gegeben. Die grundsätzliche Haftung des Bauern bleibe zwar aufrecht, erklärte Wigbert Zimmermann, Vizepräsident des OLG, am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Das Opfer trage aber zu 50 Prozent eine Mitschuld.

Das hat grosse finanzielle Folgen. Dem Ehemann und dem Sohn der Verstorbenen werden die berechtigten Ansprüche um 50 Prozent gekürzt. Der Witwer erhält 54’000 Euro sowie eine monatliche Rente von 600 Euro. Der Sohn bekommt rund 24’000 Euro sowie eine monatliche Rente in der Höhe von 180 Euro. Beide Parteien können das Urteil innerhalb vier Wochen an den Obersten Gerichtshof (OGH) weiterziehen.

Sorglosigkeit

Das Oberlandesgericht hielt in seinem Urteil fest, dass von Hundehaltern verlangt werden kann, dass sie über die mit dem Halten von Hunden typischerweise ausgehenden Gefahren Bescheid wissen, sagte Zimmermann vor den Medien. «Die Touristin hätte wissen müssen, dass Mutterkühe eine Gefahr für Hunde darstellen», so der OLG-Vizepräsident

Die deutsche Touristin habe zudem die vom Landwirt angebrachten Warnschilder nicht beachtet. Auch die Anweisung des Warnschilds, auf Distanz zu bleiben, hielt die Frau nicht ein. Gemäss dem Gericht betrug der Abstand zu den Kühen nur 1 bis 2 Meter. Diese Vorgehensweise sei als Sorglosigkeit zu werten und begründe damit ein massgebliches Mitverschulden, so das Gericht.

Grundsätzliche Haftung aufrecht

Die grundsätzliche Haftung des Landwirts blieb aufrecht, da dem Bauer bewusst gewesen sei, dass seine Mutterkühe sensibel und aggressiv auf Hunde reagieren, so das Gericht. Zudem habe der Landwirt auch gewusst, dass seine Kühe in diesem Jahr besonders aggressiv gewesen seien, begründete Zimmermann das OLG Urteil.

Ein Aufstellen eines Warnschilds ist deshalb nicht ausreichend. Gemäss dem Oberlandesgericht hätte der Bauer entlang des neuralgischen Teils des Weges, rund 500 Meter, seiner Weidefläche einzäunen müssen. Eine derartige Einzäunung wäre dem Bauern zumutbar gewesen, hielt das Gericht fest.

Landwirt geht seit 20 Jahren auf die Alp

«Das Urteil war für mich ein Schock. Wir haben alles gemacht, was vorgeschrieben ist», sagte Reinhard Pfurtscheller aus Neustift im Stubaital Ende Februar zum TV-Sender ORF. Die Alp werde seit dem 16. Jahrhundert genutzt. «Für mich ist ein solches Urteil unverständlich», fuhr der Landwirt fort. Seit 20 Jahren geht er mit seinen Rindern auf die Alp. Bisher ist noch nie etwas passiert.

Er hat nun Angst, seine Küh zu alpen. «Ich habe immer ein ungutes Gefühl. Ich hoffe dann immer wieder, dass nichts passiert», erklärte Pfurtscheller. «Wenn ich dann zurückkehre und nichts passiert, bin ich erleichtert», sagte er. Den Hof hat er zusammen mit seiner Frau vor 20 Jahren von einem Landwirt übernehmen könne. Das Urteil ist für ihn nicht nachvollziehbar. «Ich kann mich nicht den ganzen Tag neben den Kühen hinstellen und schauen, was sie machen. Sie können sich frei bewegen, haben gewisse Wasserquellen und müssen deshalb immer wieder den Weg queren. Ich kann nicht jeden Wanderweg auszäunen», sagte er im Februar gegenüber dem ORF.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE