29.09.2017 13:00
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Grossbritannien
Milchbauern gehen neuen Weg
In Grossbritannien setzt sich der Strukturwandel bei den Milchviehbetrieben unvermindert fort. Tiefe Preise drängen Betriebe aus dem Markt. Mit einem Freiland-Label versuchen Bauern, ihre Milch in den Läden besser zu positionieren.

In der EU kam es nach der Aufhebung der Milch-Kontingentierung zu einem Preissturz bei den Produzentenpreisen. Die Bauern erzeugten mehr Milch, doch auf der Nachfrageseite begann es zu stocken. Die Chinesen fragten weniger Milch nach, zudem fiel wegen dem Russland-Embargo ein Markt weg.

146 Kühe im Schnitt

Die Folge war ein Absacken der Milchpreise, in Grossbritannien von über 30 auf 18 Pence (23 Rp.). Für viele kleinere Familienbetriebe bedeute dies das Aus. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Anzahl Milchwirtschaftsbetrieb um über zwei Drittel reduziert. Derzeit produzieren noch 9'500 Höfe Milch. Doch die Unterschiede sind gross. So konkurrenzieren Betriebe mit 100 Kühen mit solchen mit weit über 1000 Tieren. Ein durchschnittlicher Milchbetrieb hat gemäss der National Farmers Union 148 Kühe. In den vergangenen Monaten haben sich die Preise zwar erholt. Ob damit der Niedergang der Familienbetriebe gestoppt werden kann, wird von Experten angezweifelt.

Denn der Preisdruck des Detailhandels spielt den kleineren Betrieben nicht in die Karten. Analysten glauben, dass dieser zu noch grösseren Einheiten führen wird. Tierschutzorganisationen beklagen, dass die Milchkühe solcher Grossbetriebe nie Weidegang erhalten würden. Laut Schätzungen können 15 bis 20 Prozent der Tiere nie nach draussen. Kritisiert werden die Grossbetriebe auch wegen dem Zukauf grosser Mengen von Tierfutter.

Weideversprechen


Einige Bauern gehen nun einen anderen Weg, um den Betrieb nicht aufgeben zu müssen. So unter anderem Neil Darwent, wie die Deutsche Welle berichtet. 2014 schuf er das Label «Pasture Promise» (Weideversprechen). Damit will er sich von den Grossbetrieben abgrenzen. Bauern, die bei dieser Produktionsweise mitmachen wollen, müssen ihre Tiere mindestens 180 Tage pro Jahr auf die Weide bringen. Gemäss «Guardian» muss dort im Umkreis von 400 Meter eine Tränke installiert sein, zudem dürfen die männlichen Kälber nicht eingeschläfert werden. Eine Stunde nach dem Melken müssen die Kühe wieder auf die Weide gelassen werden. Bei extremen Wetterverhältnissen können die Bauern die Tiere vorübergehend im Stall unterbringen.

Die zertifizierten Betriebe werden regelmässig überprüft. Einige lassen, sofern es die klimatischen Bedingungen erlauben, die Kühe noch länger auf die Weide. «Kühe sind glücklicher auf der Weide. Aber im Winter, wenn es nass und matschig ist, ist es definitiv besser, die Tiere im Stall zu halten», sagt Darwent. Im Winter soll die Futterration aber vor allem aus Heu oder Silage bestehen, heisst es auf der Website der Produzenten. 

«Brauchen eine Milchrevolution»

Die Weidehaltung verbessere den Nährwert der Milch, ist sich der Landwirt sicher. Das Futter wächst direkt auf unseren Feldern, fährt er fort. Viel zu lange habe man Milch produziert und nicht gewusst, wo der Rohstoff landet. Darwent, der in Somerset mehrere Betriebe führt, glaubt, dass kleinere Höfe mit einem Aufpreis von 2 oder 3 Pence (3-4 Rp.) pro Kilo Milch überleben können. Die Milch wird separat abgeführt und nicht mir anderer Milch vermischt.

Der Detailhandel trägt die Idee teilweise mit. Die Kette ASDA, die zum US-Giganten Walmart gehört, hat in 350 Läden die «Wiesenmilch» ins Sortiment aufgenommen. Im Laden kostet ein Liter rund einen Franken. Und auch der bekannte TV-Koch Jamie Oliver setzt sich für das Produkt ein. Mit dem Label versuchen die Bauern, die Werte ihres Produkts besser in die Öffentlichkeit zu transportieren. «Wir brauchen eine Milchrevolution. Die meisten Leute denken, dass alle Kühe auf die Weide können. Wir brauchen eine Veränderung. Die Geschichte der Milch ist verloren gegangen. So ist oft nicht mehr bekannt, wie Milch produziert wird und von wo sie kommt. Nicht alle Milch ist gleich. Wir brauchen Konsumenten, die das erkennen», macht Darwent gegenüber dem «Guardian» deutlich. 


Wiesenmilch bei der Migros

2011 lancierte die IP-Suisse das Wiesenmilch-Programm. Bei der Migros-Genossenschaft Aare ist die Labelmilch eine Erfolgsgeschichte. Zurzeit werden gut 50 Mio. kg Wiesenmilch vermarktet. Einen grossen Anteil daran hält die Migros Aare mit rund 16 Mio. kg. Neue Produzenten werden aktuell nicht gesucht. Die Produzenten erhalten einen Aufpreis von 4 Rappen je Kilo Milch. Die Wiesenmilchproduzenten dürfen keine Soja in der Fütterung einsetzen. 

Die vor rund einem Jahr lancierte Schweizer Heumilch, die unter anderem bei Coop angeboten wird, kommt derzeit auf ein Produktionsvolumen von 12 Mio. kg (Stand Mai 2017). Für die silofreie Milch werde ein Preis franko Rampe von 70 bis 73 Rp./kg angestrebt und  auch realisiert. big

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