9.02.2016 08:02
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Klima
Neue «Kleine Eiszeit» entdeckt
Ein internationales Forscherteam unter Schweizer Leitung hat anhand von Baumringmessungen eine Kälteperiode vor rund 1500 Jahren identifiziert. Sie könnte die Pest, Völkerwanderungen und politische Umwälzungen begünstigt haben.

Durch Jahrringanalysen konnte ein Forscherteam unter Leitung von Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) eine neue «Spätantike Kleine Eiszeit» von 536 bis etwa 660 nach Christus identifizieren. Sie war länger, kälter und grossräumiger als die bisher bekannte Kleine Eiszeit zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert, wie die WSL am Montag mitteilte.

Wissenschaftler vom WSL und dem Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern rekonstruierten gemeinsam mit Kollegen die Sommertemperaturen der letzten zwei Jahrtausende in Eurasien. Dafür nutzten sie neu erfasste Jahresringdaten von Lärchen aus dem russischen Altai-Gebirge, mit denen sie bereits veröffentlichte Baumringdaten aus dem Alpenraum ergänzten.

Stärkste Abkühlung der letzten 2000 Jahre

Die Kälteperiode im 6. Jahrhundert stach bei der Analyse heraus. «Es war die stärkste Abkühlung auf der Nordhalbkugel während der letzten 2000 Jahre», liess sich Büntgen in der Mitteilung zitieren. Zurückführen lasse sie sich laut den Forschenden auf drei grosse Vulkanausbrüche in den Jahren 536, 540 und 547 nach Christus. Die Wirkung dieser Eruptionen auf das Klima wurde wahrscheinlich noch verlängert durch ein Minimum der Sonnenaktivität sowie die verzögernde Wirkung von Ozeanen und Meereis.

In die Zeit dieser «Spätantiken Kleinen Eiszeit» fallen mehrere Ereignisse, die durch sie begünstigt worden sein könnten, schreibt das interdisziplinäre Forscherteam, zu dem auch Geschichts- und Sprachwissenschaftler zählen. Als Beispiel nennen sie die Justinianische Pest, die sich zwischen 541 und 543 nach Christus in Folge von Hungersnöten etablierte.

Expansion des Arabischen Reichs

Auch für Völkerwanderungen und politische Umwälzungen könnte die Kälteperiode eine Rolle gespielt haben, beispielsweise bei der Expansion des Arabischen Reiches. Und zwar indem sie der arabischen Halbinsel mehr Regen bescherte. Das bedeutete besseres Pflanzenwachstum und somit mehr Futter für Kamele, die auch für Kriegszüge genutzt wurden.

Mangelndes Weideland in Zentralasien könnte zudem einzelne Völker dazu bewogen haben, sich nach Osten in Richtung China zu bewegen, was zu Konflikten zwischen den Nomaden und den Ansässigen in der nordchinesischen Steppe führte. Die Steppenvölker schlossen sich später mit den Oströmern zusammen, um das persische Grossreich der Sassaniden zu besiegen und damit auch sein Ende herbeizuführen.

Lehren für die Zukunft

Zwar lassen sich solche Zusammenhänge schwer nachweisen, weshalb die Forschenden ihre Mutmassungen mit einem Gebot zur Vorsicht versehen. Die Spätantike Kleine Eiszeit passe jedoch erstaunlich gut mit den grossen Umwälzungen jener Zeit zusammen, so die Forschenden laut Mitteilung der WSL.

Die Wissenschaftler sehen in ihrer Studie aber auch Nutzen für die Zukunft. So liessen sich Erkenntnisse über die soziopolitischen Auswirkungen grosser Klimaumschwünge vielleicht dazu nutzen, Strategien für den Umgang mit dem heutigen Klimawandel zu entwickeln, schloss Büntgen.

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