8.08.2016 09:05
Quelle: schweizerbauer.ch - Piotr Szajner
Polen
Polen: Milchbranche im Wandel
Bis vor einigen Jahren haben in Polen vorwiegend kleine Familienbetriebe Milch produziert. Nun werden die Betriebe grösser und liefern mehr Milch an die Industrie. Dadurch sind sie auch vom Preiszerfall betroffen.

Die Milch macht den grössten Anteil an der landwirtschaftlichen Marktproduktion in Polen aus. Sie ist eine wichtige Einkommens- und Ernährungsquelle für viele Bauern.

Grosser Strukturwandel

Nach dem EU-Beitritt 2004 war in der polnischen Milchwirtschaft ein grosser Strukturwandel zu beobachten. Bis 2014 ging die Anzahl der milchproduzierenden Betriebe um rund 60 Prozent auf 280'000 Betriebe zurück. Die Anzahl der Betriebe, die die Milch der Industrie ablieferten, ging ebenfalls um 60 Prozent auf 131'000 Betriebe zurück.

Die durchschnittliche Ablieferung pro Betrieb vervierfachte sich auf 80000 kg pro Jahr. Der Strukturwandel ist aber noch nicht abgeschlossen, weil die Produktionsstrukturen im Vergleich zu Westeuropa nach wie vor sehr klein sind.

Viele kleine Betriebe

Die Milchproduktion spielt vor allem in den zentralen und nordöstlichen Regionen Polens eine wichtige Rolle, obschon dort die agroklimatischen Bedingungen nicht günstig sind. Die Gründe dafür sind die Entwicklung der genossenschaftlichen Milchindustrie in diesen Regionen und die vorherrschende Struktur der Familienbetriebe.

In den westlichen Regionen befinden sich die Grossbetriebe, die sich vor allem in der Pflanzenproduktion spezialisiert haben. Die Milchbetriebe in diesen Regionen sind zwar nicht zahlreich, aber mit  über 200 Kühen sehr gross, und sie liefern die Milch nach Ostdeutschland ab.

Produktion ausgedehnt

Die Milchproduktion in Polen steigt um ca. 1 Prozent jährlich. 2015 betrug sie 13,1 Mio. Tonnen (Schweiz ca. 3,5 Mio. Tonnen). Noch werden erst 85 Prozent der  Milch zur Verarbeitung abgeliefert, dieser Anteil nahm aber in den vergangenen Jahren mit den guten Milchpreisen von rund 0,33 Euro/kg (36 Rp./kg) markant zu. Die Direktvermarktung und der Eigenverbrauch spielen nur noch in den südlichen Regionen eine grosse Rolle, wo es viele sehr kleine Betriebe gibt.

Der Rückgang des Kuhbestandes wird durch die steigende Milchleistung ausgeglichen. 2015 zählte Polen 2,4 Mio. Milchkühe, rund 18 Prozent weniger als vor dem EU-Beitritt. Die durchschnittliche Milchleistung ist seit 2004 um 30 Prozent auf 5300 kg angewachsen. Es bestehen sehr grosse Unterschiede zwischen den Betrieben und den Regionen. In den Ställen, die der Zuchtkontrolle unterstehen (34% des Kuhbestandes), stieg die durchschnittliche Milchleistung um 20 Prozent auf 7800 kg.

Exporte sind bedeutend

Seit dem Jahr 2005 nimmt der Inlandverbrauch an Milchprodukten zu und liegt heute bei 10,5 Mio. Tonnen. Der Selbstversorgungsgrad mit Milch beträgt damit in Polen 125 Prozent. Die Überschüsse werden vorwiegend in die EU exportiert.
Der Export hat einen grossen Einfluss auf die Situation auf dem polnischen Milchmarkt, der sehr stark von der Konjunktur auf dem Weltmarkt abhängig ist.

Seit Anfang 2014 zeigen die Weltmarktpreise eine rückläufige Tendenz. Die Gründe dafür sind die sinkende Nachfrage in China und das russische Embargo über Milchwaren aus der EU. Das Embargo ist ein grosses Problem für die polnische Milchindustrie, weil Russland der grösste Abnehmer für Käse und Quark war.

161,5 Mio. Euro Bussgeld

Durch die schwache Konjunktur auf dem Weltmarkt und die steigenden Ablieferungen fiel der durchschnittliche Milchpreis in Polen letztes Jahr auf 0,27 Euro/kg. In den ersten Monaten 2016 setzte sich der Preiszerfall auf 0,25 Euro/kg (.027 Rp./kg) fort. Zusätzlich zu den tiefen Milchpreisen verschlechtert die grosse Überschreitung der Milchquote um 6 Prozent in den Jahren 2014 und 2015 die Situation der Milchproduzenten in Polen. Die Milchbauern müssen dafür bis September 2017 in drei Raten 161,5 Mio. Euro (176 Mio. Fr.) Bussgeld bezahlen.

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