3.09.2013 07:23
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/apa
Klima
Russ der Industrialisierung liess Gletscher schmelzen
Der massiv steigende Ausstoss von Russ durch die Industrialisierung in Europa könnte den bisher rätselhaften Rückgang der Alpengletscher im 19. Jahrhundert erklären. Zu diesem Schluss kommen Forscher aus den USA und Österreich in einer neuen Studie.

Der Russ lagerte sich auf den Gletschern ab und führte aufgrund der verstärkten Absorption von Sonnenlicht zur Eisschmelze, berichten die Forscher im Fachmagazin «Proceedings of the National Academy of Sciences» (PNAS). Demnach hätte der Mensch die «Kleine Eiszeit» des Mittelalters zumindest in den Alpen beendet. 

Die «Kleine Eiszeit» dauerte von Anfang des 15. bis Mitte des 19. Jahrhunderts und zeichnete sich durch kalte, lange Winter und niederschlagsreiche, kühle Sommer aus. Die Alpengletscher rückten vor. Doch ihr Wachstum endete Mitte des 19. Jahrhunderts abrupt - trotz Klimabedingungen, die eigentlich bis 1910 ein Wachstum begünstigt hätte. Ein Rätsel für die Klimaforscher. 

Russ von Industrie und Eisenbahn 

Zwischen 1860 und 1930 zogen sich die Gletscher in den Alpen um durchschnittlich einen Kilometer zurück, schreiben die Autoren. Nun machen Georg Kaser von der Universität Innsbruck und seine US-Kollegen den Ausstoss von Russ durch die zunehmende Industrialisierung dafür verantwortlich. 

Diese hat ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem rasanten Anstieg des Kohleverbrauchs geführt, nicht von Haushalten, sondern vor allem durch die überall entstehende Industrie und den Transport, speziell Eisenbahnen. Die Russpartikel wurden mit Niederschlägen aus der Atmosphäre ausgewaschen und landeten auch auf den Gletschern. Der Anstieg der Russablagerungen war enorm: Am Colle Gnifetti im Schweizer Monte-Rosa-Gebiet in rund 4400 Metern Höhe stiegen sie sprunghaft an: Von rund 7 Mikrogramm pro Kilogramm Eis vor 1850 auf 14 Mikrogramm zwischen 1850 und 1870. 

Russ in Schweizer Gletschern 

Am Fiescherhorn-Gletscher in 3900 Metern Höhe war der Anstieg sogar noch grösser: von 3 bis 4 Mikrogramm zwischen 1860 und 1870 auf rund 20 Mikrogramm im Jahr 1880. Die Konzentration blieb bis in die 1920er-Jahre auf diesem Niveau, ging dann zurück, um schliesslich in den 1940er-Jahren auf rund 30 Mikrogramm zu steigen. 

In einem Computermodell haben die Wissenschaftler die Auswirkungen der Luftverschmutzung simuliert und festgestellt, dass die Resultate mit dem gemessenen Rückgang der Alpengletscher übereinstimmen. «Das zeigt klar, welch weitreichenden Auswirkungen das menschliche Handeln auf das Weltklima haben könnte», sagte Kaser. 

Die Forscher wollen nach den Alpen nun auch die Auswirkungen von Russ auf andere Weltgegenden untersuchen. Denn vielerorts endete die «Kleine Eiszeit» nicht Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern wie etwa in Südskandinavien oder Argentinien erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Himalaya-Gebiet wiederum ziehen sich die Gletscher bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts zurück.

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