20.02.2018 08:38
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Freihandel
«Schlag gegen die Bauern»
Die Europäische Kommission hat gegenüber den Mercosur-Staaten offenbar ihr Angebot über eine Freihandelsquote für Zucker auf 120'000 Tonnen pro Jahr erhöht. Von Verarbeiter und Landwirtschaft wird Kritik laut.

Wie Brüsseler Kreise bestätigten, ist die Verhandlungsdelegation der EU damit nochmals über ihr im Dezember vorgelegtes Angebot in Höhe von 100'000 t hinausgegangen.

Unterdessen bekräftigten der Verband der Europäischen Zuckerindustrie (CEFS), die Internationale Vereinigung Europäischer Rübenanbauer (CIBE) und der Europäische Verband der Landwirtschafts-, Lebensmittel- und Tourismusgewerkschaften (EFFAT) ihre Kritik an den gegenüber den Mercosur-Staaten gemachten Handelszugeständnissen im Zuckersektor.

Angst vor Preiszerfall


In einem Brief an EU-Agrarkommissar Phil Hogan und EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström verweisen die Dachverbände auf die Schwierigkeiten, die der Branche bereits im vergangenen Jahr durch die Abschaffung der Zuckerquote entstanden seien.

Weitere Marktöffnungen in der Europäischen Union würden zwangsläufig zu einem Preisverfall und demzufolge zu einer „Beschädigung der EU-Zuckerwirtschaft“ insgesamt führen, so die Warnung der Verbände.

Verbände protestieren

Sie erinnern ausserdem an die umfangreichen Beihilfen, die vor allem das Mercosur-Mitglied Brasilien seinen Zuckerrohrbauern zukommen lasse. Auch bei den EU-Ausschüssen der Bauernverbände (COPA) und ländlichen Genossenschaften (COGECA) stiessen die neuen Brüsseler Zugeständnisse auf Ablehnung.

In einem Brief an Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker protestierten COPA und COGECA gegen weitere Konzessionen im Agrarsektor, mit denen Fortschritte für andere Wirtschaftsbereiche erzielt werden sollen.

Zuckerindustrie wichtig für ländlichen Raum

Gerade mit Blick auf das grösste Mercosur-Mitgliedsland Brasilien fordern CIBE-Präsident Bernard Conzen, CEFS-Präsident Johann Marihart und EFFAT-Generalsekretär Harald Wiedenhöfer in ihrem Schreiben die Kommissare mit Nachdruck dazu auf, dem Drängen der Südamerikaner nach Handelserleichterungen für Zucker nicht weiter nachzugeben.

Ausserdem unterstreichen die Dachverbände die Bedeutung der Zuckerbranche für die wirtschaftliche Entwicklung vieler ländlicher Gebiete in Europa. „Wird eine Zuckerfabrik einmal stillgelegt, gehen die Chancen, diesen Standort erneut aufzubauen, gegen null“, gibt die EU-Zuckerwirtschaft in ihrem Brief zu bedenken.

Ungleichgewicht beim Import-Export

COPA-Präsident Joachim Rukwied bezeichnete die neuen Zugeständnisse im landwirtschaftlichen Bereich als „inakzeptabel“. Gerade in den empfindlicheren Sektoren wie etwa Rindfleisch, Zucker oder Ethanol müssten die Zugeständnisse auf ein Minimum reduziert werden.

Die EU habe den Mercosur-Staaten bereits „viel gegeben, ohne große Gegenleistungen zu erhalten“. COGECA-Präsident Thomas Magnusson konstatierte ebenfalls ein Ungleichgewicht. Die EU importiere im Agrarbereich bereits erhebliche Mengen aus dem südamerikanischen Staatenblock, ohne in vergleichbarer Weise exportieren zu können.

Es brauche ausgewogene Handelsabkommen, die auch die europäischen Produktionsmethoden berücksichtigten, so Magnusson. Er warnte mit Blick auf die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und die durch den Brexit entstehenden Unsicherheiten und damit entstehenden Probleme vor weiteren Zugeständnissen.

Angst vor Gentechnik-Zucker

Der österreichische Verband „Die Rübenbauern“ sprach von einem „Schlag gegen die Interessen der europäischen Konsumenten und Bauern“. Das Abkommen berge die Gefahr, dass der heimische Markt mit „Gentechnik-Rohrzucker aus Brasilien überschwemmt“ werde.

Verbandspräsident Ernst Karpfinger verwies ebenfalls auf die vor kurzem ausgelaufenen Quoten. Der EU-Zuckermarkt befinde sich in einer „schweren und sensiblen Phase“, deshalb sei eine weitere Öffnung inakzeptabel und abzulehnen.

Produktionsstandards nicht vergleichbar

Dies gelte umso mehr, wenn die Produktionsbedingungen nicht mit den europäischen Standards vergleichbar seien, so Karpfinger. Ein erfolgreiches Ende der Mercosur-Gespräche lässt indes weiter auf sich warten.

Noch im Dezember war ein Abschluss für spätestens Ende Januar angekündigt worden. Derweil scheint sich eine erfolgreiche Einigung noch mindestens bis Ende Februar hinzuziehen. Die nächste Verhandlungsrunde ist läuft seit gestern und ist für eine Dauer von zwei Wochen in Asunción, der Hauptstadt des Mercosur-Mitglieds Paraguays, geplant.

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