10.05.2018 17:54
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Freihandel
«Sie wollen nicht möglichst viel exportieren»
Fritz Rothen ist Geschäftsführer von IP-Suisse und war letzte Woche zusammen mit dem Bundesrat und seiner Delegation auf Mercosour-Reise. Im Interview erzählt er von seinen Eindrückend der Reise.

«Schweizer Bauer»: Warum sind Sie auf die Reise mitgegangen?
Fritz Rothen: IP-Suisse hat eine persönliche Einladung vom Bundesrat erhalten, und der Vorstand hat beschlossen, dass wir an der Reise teilnehmen. Es stand in unserem Interesse, in diese Länder zu gehen, mit denen Handelsverträge angestrebt werden, und uns die Sache vor Ort anzuschauen. Denn es ist immer besser, sich selber ein Bild zu machen und mit den Leuten aus der Region persönlich zu sprechen und Kontakt aufzunehmen.

Was ziehen Sie für eine Bilanz?
Es war eine anspruchsvolle und intensive Reise, wir haben in dieser Woche über 20'000km zurückgelegt. Meine Bilanz ist sehr positiv. Wir haben sehr breite und viele Informationen erhalten und konnten mit vielen Leuten sprechen. Nicht nur mit den Politikern und mit den Verhandlungsdelegationen, sondern auch mit den Produzenten. Ich habe gemerkt, dass es den vier Ländern nicht darum geht, möglichst viele landwirtschaftliche Produkte zu exportieren. Sie erhoffen sich mit den Handelsverträgen unter anderem eine Verbesserung ihres Bildungswesens und der Logistik. Sie wollen ihre Länder voranbringen, und dafür brauchen sie die Unterstützung der Schweiz. Ausserdem sind die Länder Uruguay, Paraguay, Argentinien und Brasilien nicht eine Einheit. Mit den Handelsverträgen hoffen sie auch auf eine Verbesserung ihrer Beziehung untereinander. Das war für mich eines der Aha-Erlebnisse.

Was war das andere Aha-Erlebnis?
Dass die Nachhaltigkeit in diesen Ländern ein wirkliches Thema ist, welches immer wieder auf den Tisch kommt und für alle wichtig ist. Das hat mich überrascht.

Waren Abholzung und Tierhaltung, insbesondere Feedlots, ein Thema? Und haben Sie das auf Ihrer Reise gesehen?
Beides wurde als Thema und Problematik, vor allem in Brasilien, diskutiert.  Wir haben auch Leute von Umweltorganisationen und von WWF getroffen. Wir selber waren in Brasilien nicht in einem Gebiet, in dem Abholzung und Feedlots vorkommen. Wir haben das nicht vor Ort gesehen.

Was haben Sie bezüglich Landwirtschaft besichtigt?
Wir waren in Paraguay und Uruguay auf den Schlachthöfen, in denen die Tiere geschlachtet werden, deren Edelstücke in die Schweiz importiert werden. Dort ist aufgefallen, dass die Schlachthöfe in mehreren Generationen von Familien geführt werden, die selber rund um den Schlachthof Tiere halten. Dann gibt es viele Bauern, die für den Schlachthof produzieren, aber einige hundert Kilometer oder mehr entfernt ihre Höfe haben. Im Bereich Tiertransporte werden wohl nicht alle unsere Schweizer Vorschriften erfüllt. Aber punkto Weidehaltung und Fütterung ist die Produktion mit unserer vergleichbar. Die Tiere sind im Sommer und Winter draussen und werden zum Beispiel in Paraguay nur im Winter und für die Ausmast mit Mais zugefüttert. Auf dem Hof, den wir in Argentinien besucht haben, wird ausschliesslich Gras gefüttert. Es stehen riesige Flächen zur Verfügung. Die Rinder, deren Edelstücke in die Schweiz importiert werden, werden sehr extensiv gehalten. 

War die Grundeigentum-Struktur  ein Thema?
Ich habe mit einem Landwirt gesprochen, der 4'500ha Land und ca. 5'000 Tiere hat und der für den EU-Markt produziert. Um für die EU produzieren zu dürfen, müsse man sich zertifizieren lassen, sagte er. Dies sei aber kleinen Bauern mit nur 300ha Land nicht möglich. Er bekomme zudem aktuell nur 5 Cent pro kg Schlachtgewicht mehr, wenn er für den EU-Markt produziere. Entlang der ganzen Wertschöpfungskette geht noch zu viel verloren.

Hat es etwas Überraschendes gegeben, oder hat die Reise dem entsprochen, was Sie erwartet haben?
Mich hat die Verhandlungsdelegation der Schweiz und auch der vier Länder überrascht. Sie haben mich fachlich überzeugt und wirken vertrauensvoll. Die Bedürfnisse und Problematiken der verschiedenen Länder werden wahrgenommen. Es herrscht viel Verständnis, und man beharrt nicht stur auf Forderungen, sondern will wirklich verhandeln.

Was bleibt Ihnen von der Reise besonders in Erinnerung?
Es gibt viele positive Aspekte, die mir bleiben werden. Die Länder, die Leute. Ganz besonders aufgefallen ist mir, dass die Leute wirklich wollen. Sie haben eine sehr positive Einstellung, obwohl es ihnen weniger gut geht als uns und obwohl dort mehr Armut herrscht, die Logistik und das Bildungswesen schlechter sind. Sie sehen Chancen und jammern nicht über Probleme und Dinge, die nicht gehen. Damit habe ich nicht gerechnet, und das hält einem auch wieder einmal den Spiegel vor. Ich selber habe auch Chancen gesehen und zwar im Käsemarkt. Der Bedarf an Käse ist vorhanden. Man kann dort durch Pionierarbeit etwas herausholen.

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