1.10.2013 06:18
Quelle: schweizerbauer.ch - David Eppenberger, lid
Argentinien
Soja statt Rinder
Der Autor suchte in Argentinien saftiges Weidebeef. Angetroffen hat er ein Land am wirtschaftlichen Abgrund, das voll auf die Karte Soja setzt. Dieses steht nun dort, wo einst das Vieh weidete. Weil das Gras fehlt, werden die Rinder immer öfter in enger Massentierhaltung in sogenannten Feedlots mit Mais und Soja gemästet.

Es gibt nichts Besseres als ein argentinisches Steak. Fleisch von Rindern, die ihr Leben in den unendlichen Pampas verbringen. Reines Weidefleisch eben. So die Vorstellung. Wie wenig sie mit der Realität zu tun hat, zeigt eine Reise durch Argentinien. Sie beginnt logischerweise in Rosario. Denn hier befindet sich das Zentrum der Sojaproduktion.

Gauchos als Folklore

Die zweitgrösste Stadt des Landes liegt am verkehrstechnisch wichtigen Rio Parana. Im Hafen stehen die Schiffe Schlange. Ein chinesischer Frachter wird gerade mit Soja beladen. 1,1 Millionen Lastwagen und 165‘000 Eisenbahnwagen liefern hier in den Sojafabriken jedes Jahr Bohnen aus ganz Argentinien ab. 50 Millionen Tonnen werden es voraussichtlich in diesem Jahr sein. Das sind dreimal mehr als noch vor zehn Jahren. Das Land liegt damit hinter den USA und Brasilien mittlerweile an dritter Stelle der Sojaproduzenten.

Die „Sojeros” – wie die Besitzer der Sojafelder in Argentinien genannt werden – haben die Gauchos verdrängt. Letztere verkommen zu Folklore und reiten allenfalls noch durch so genannte Feedlots, in denen Tausende von Rindern auf engstem Raum mit Soja und Mais zu Ende gemästet werden. Seit das Land vor zwanzig Jahren voll auf die Sojakarte gesetzt hat, fehlt es an Gras, um die Rinder zu füttern. Der einst so stolze Fleischexporteur ist heute mengenmässig auf Rang Neun abgestürzt. Was allerdings auch mit den vom Staat verordneten hohen Exportrestriktionen zu tun hat. Dafür liegt Argentinien beim Export von verarbeiteten Sojaprodukten wie Mehl, Öl und Biodiesel an der Spitze. Der grösste Teil der Sojaprodukte wird im Hafen von Rosario verladen.

Viel Wertschöpfung im Land behalten

2,5 Milliarden US-Dollar hat der Staat dort in den letzten Jahren in Verarbeitungsanlagen investiert. Dicht aneinander stehen hier grosse Silos, Lagerhallen sowie Fabriken, in denen auch hochwertige Produkte wie Glycerin und Lecithin produziert werden. Die ganze argentinische Sojaverarbeitung liegt hier konzentriert im Umkreis von nur 40 Kilometern, und das ist ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern.

„Wir wollen möglichst viel Wertschöpfung im Land behalten”, sagt Adrian Figueroa. Er promotet für den argentinischen Soja-Industrieverband Foro Pais den Absatz von argentinischen Sojaprodukten im Ausland. Ein Dorn im Auge sind Figueroa die Chinesen, weil diese oft nur die Bohnen kaufen und sie in den eigenen Anlagen weiterverarbeiten würden. Das aufstrebende China ist der bedeutendste Käufer von argentinischer Soja. 

Land als Sicherheit

Etwas weiter südlich in San Antonio de Areco besitzt der Schweizer Auswanderer Marc Hoffmann 300 Hektaren Ackerland. Er lebt und arbeitet sonst in der Hauptstadt Buenos Aires und hat sich das Land in erster Linie gekauft, um sich für seine Familie ein Wochenendhaus zu bauen. Der Acker dient ihm aber auch als Investition und als Sicherheit: Argentinien leidet an einer hohen Inflation. Deshalb und wegen des Agrobooms sind die Landpreise in den letzten Jahren stark gestiegen. Eine Hektare des fruchtbaren Landes kostet mittlerweile in dieser Region bis zu 15‘000 Dollar. An anderen Orten sind es 20‘000 Dollar.

Hoffmann suchte vergeblich nach einem seriösen Bauern, der seine Flächen nach biologischen Kriterien bewirtschaftet hätte. Deshalb lässt er die Flächen neben seinem Haus nun von einer spezialisierten Agrar-Firma bebauen, die weitere rund 5‘000 Hektaren in der Umgebung bewirtschaftet. Viele machen das in Argentinien so: Das Land geht mehr und mehr in Investorenhände über, die eigentlichen Bauern sterben aus.

Soja dank Gentechnologie

Die von Hoffmann beauftragte Firma arbeitet ganz ohne Pflug, im sogenannten No-Till-Verfahren, wie das die meisten hier machen. Es bildet das Kernelement der argentinischen Soja-Strategie: Der Boden wird nur leicht aufgebrochen und die Samen werden direkt zwischen die abgeerntete Vorkultur gesät. Das kostengünstige Verfahren kommt mit relativ wenig Energie aus und schützt den Boden vor der in der Region gefürchteten Bodenerosion und lässt der Erde genug organisches Material übrig.

So richtig gut funktioniert die Methode aber nur mit dem entsprechenden gentechnisch veränderten Saatgut, das resistent gegen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist. Dieses kann über die Soja gespritzt werden, ohne dieser zu schaden, während rundherum alle Pflanzen absterben. Der Anbau von Soja wird dadurch sehr einfach und kostengünstig. Sind die Parzellen so gross, flach und fruchtbar wie in Argentinien, wird die Sache richtig interessant.

Kein Platz für Fruchtfolge

Hoffmanns Bewirtschafter sät auf den Parzellen abwechselnd Soja, Weizen und Mais aus. „Diese Fruchtfolge ist nötig, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu erhalten”, sagt der Agronom der beauftragten Agrar-Firma im Gespräch. Er schätzt allerdings, dass weniger als 50 Prozent seiner Kollegen Fruchtfolgen verwenden. Der Rest setzt auf reine Soja-Monokulturen. Es ist eine der Folgen einer schwerverständlichen Politik der Staatspräsidentin Cristina de Kirchner, die Agrarprodukte mit horrenden Exportsteuern von zwischen 20 und 35 Prozent belegt oder fixe Ausfuhrkontingente festlegt.

Das am Rand des Zusammenbruchs liegende Land braucht dringend Devisen, als Milchkuh hat man sich die Soja ausgesucht, deren globale Nachfrage als schier unendlich betrachtet wird. Im letzten Jahr exportierte das Land für 26 Milliarden Dollar Soja. 36 Prozent aller Exporteinnahmen stammten aus dem Verkauf von Getreideprodukten auf dem Weltmarkt, vor allem Soja.

Weizen muss importiert werden

„Der lokale Produzent muss seine Soja zu einem Preis produzieren, der wegen der Exportsteuer von vornherein 35 Prozent unter dem Weltmarktpreis liegen muss”, sagt Hoffmann. Dank der effizienten, grossflächigen Bewirtschaftung funktioniert das bei der Soja noch einigermassen. Die kostenintensivere Weizen- und Maisproduktion ist im letzten Jahr aber bereits dramatisch gesunken. Weizen muss sogar importiert werden. Auch bei der Soja wird es zunehmend schwieriger, denn selbst auf den Gewinn – falls es einen solchen überhaupt noch gibt – wird noch einmal eine Steuer erhoben.

Viele Sojeros sind aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, Soja als reine Monokultur anzubauen, weil sie so kurzfristig die beste Rendite erzielen. Für langfristiges Denken bleibt im krisengeschüttelten Land kein Platz. „Viele kämpfen hier um das wirtschaftliche Überleben und die eigene Existenz”, sagt Hoffmann. Soja sei für viele zum letzten Ausweg geworden. Deshalb gibt es vermutlich auch weniger Berührungsängste bei der Anwendung von moderner Biotechnologie als in Europa. Ganz im Gegenteil, regelrecht euphorisch gibt man sich in die Hände von multinational operierenden Unternehmen, die sich hier verwirklichen können. Das gilt auch für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln: Auf den Betrieben stapeln sich Plastikkanister von Herbiziden und Fungiziden, die in der Schweiz seit vielen Jahren verboten sind.

Extensiv ist in Argentinien intensiv

Die Reise geht weiter nach Tandil etwa 500 Kilometer südlich von Buenos Aires. Vor und nach der Hauptstadt liegt viel Abfall am Strassenrand herum, Plastiksäcke liegen breit verstreut auf den für die Sojasaat vorbereiteten Äckern. Vorbei geht es an wilden Mülldeponien, von denen teilweise schwarzer Rauch entweicht. Hightech in der Landwirtschaft rentiert offenbar besser als in der Abfallentsorgung.

Bald erscheint die Landschaft unendlich weit. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich: Praktisch jeder Quadratmeter ist mit Weizen, Mais und vor allem Soja bebaut, eingezäunt und beschildert mit der entsprechenden Anbaufirma. Was hier in Argentinien im offiziellen Jargon als extensive Produktion bezeichnet wird, ist eigentlich intensiv.

Tierfabrik im Freiland

In der Nähe von Tandil besuchen wir eines der ersten Feedlots von Argentinien. „Die Anlage wurde vor zwanzig Jahren gebaut, als die Soja-Expansion ihren Anfang nahm”, sagt uns der Geschäftsführer. Heute enden schätzungsweise über die Hälfte der argentinischen Rinder in einem Feedlot. Platz ist auf der besuchten Anlage für 22‘000 Rinder. Zurzeit seien es „nur” 11‘000. Die Atomsphäre ist gespenstig ruhig. Eine Bedachung gibt es nicht, welche die Tiere im Sommer vor der Sonne schützt. Die Rinder sollen sich in den engen Schlägen möglichst wenig bewegen, damit sie schnell viel Gewicht zulegen.

Soeben kommt ein Lastwagen mit 58 Rindern an, die in ihrem Herdentrieb aufgeregt ins zugewiesene Abteil springen, wo sie die restlichen rund 90 Tage ihres Lebens verbringen werden. Nur in den ersten Tagen erhalten sie dort noch etwas Heu, damit die radikale Futterumstellung von Gras zu Soja und Mais etwas leichter fällt. Der von Kot und Urin getränkte Untergrund werde einmal im Jahr auf den Äckern in der Umgebung verstreut, sagt der Geschäftsführer.

Bestimmt sei das Fleisch der Tiere für den inländischen Markt. Dieser hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Der Rindfleischkonsum ist deutlich gesunken, dafür isst der Argentinier heute mehr Schwein und Huhn. Das macht im heutigen Argentinien durchaus Sinn: Beide Nutztiere fressen Mais und Soja und müssen nicht geweidet werden.

Alles ist der Soja untergeordnet

Argentinien wäre für Bauern eigentlich ein Paradies. Das langgezogene Land kennt praktisch alle klimatischen Zonen dieser Welt. Auf dem fruchtbaren Land wachsen unter anderem Reis, Orangen, Oliven, Wein, Baumwolle, viel Getreide und natürlich das Gras als Grundlage für das einst bekannte saftige Beef. Noch immer ist Argentinien der grösste Exporteur von Zitronen, Birnen und Honig.

Doch die agrarische Vielfalt ist bedroht, unter anderem weil sich das Land als Retter der Welt positioniert: „40 Millionen Argentinier ernähren 400 Millionen Menschen.” So lautete immer wieder der Tenor der Redner, die am internationalen Agrarjournalisten-Kongress im September in Rosario* auftraten. Bis 2030 sollen argentinische Agrarprodukte weltweit 600 Millionen Menschen ernähren. Gemeint ist damit vor allem Eiweiss oder eben Soja. Obwohl diese nur indirekt der menschlichen Ernährung dient und zum grössten Teil in den Futtertrögen der Schweine und Hühner in aufstrebenden Ländern in Asien landet.

"Europa wird bald kein Getreide mehr produzieren"

Westeuropäische Zweifel an der einseitig ausgerichteten hochtechnologischen Soja-Strategie werden am Kongress abrupt abgewimmelt. „Europa wird bald kein Getreide mehr produzieren, wenn es sich dem Einsatz der Gentechnologie weiterhin verschliesst”, sagte beispielsweise Gustavo Idigoras, ehemaliger argentinischer Botschafter in der EU.

Selten waren die unterschiedlichen Vorstellungen über eine nachhaltig betriebene Landwirtschaft so offensichtlich wie am Kongress in Argentinien. Für die Argentinier ist es die No-Till-Gentech-Strategie. Obwohl viele Agrarfunktionäre dabei auffallend oft von der Bedeutung der „Fruchtfolge” für die Erhaltung der Fruchtbarkeit sprachen, scheint dafür in der Realität wenig Platz vorhanden zu sein.

Zwei Drittel der Ackerflächen in Argentinien sind bereits heute mit Soja bepflanzt, viele als Monokultur. Kaum auszudenken, was passiert, wenn die Exportsteuer einmal wegfallen sollte, was die Agrarindustrie aber seit langem fordert. Viele Arbeitsplätze auf Gemüsefeldern und in Obstplantagen sind in den letzten Jahren bereits verschwunden, weil dort jetzt Soja steht. Es dürften in den nächsten Jahren noch mehr werden. Es sei denn, die Weltmarktpreise für Soja sinken plötzlich. Aber daran denkt in Argentinien niemand.

* Der Kongress des Welt-Verbands der Agrarjournalisten (IFAJ) fand heuer vom 1. bis 5. September in Argentinien statt.

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