5.04.2019 16:56
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Deutschland
Tausende Bauern protestieren
in einigen Regionen Deutschlands sind die Nitratwerte im Grundwasser zu hoch. Auf Druck des Europäischen Gerichtshof will die Bundesregierung das Düngerecht verschärften. Diese Pläne bringen die Bauern in Rage.

Rund 6000 Bauern fanden sich am Donnerstagmorgen in Münster ein. Sie demonstrierten gegen eine Verschärfung der Düngeverordnung. Die Landwirte sind verärgert. Sie befürchten durch die neuen Regeln Ernteeinbussen und Kostensteigerunge. «Für viele geht es um ihre Existenz», sagte beispielsweise Hans-Heinrich Berghorn, Sprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV),

Bauern fühlen sich an den Pranger gestellt


Die Landwirte fühlen sich nicht nur von der EU überrumpelt, sondern auch von der Gesellschaft an den Pranger gestellt. Den neuen Vorschlägen können sie nichts abgewinnen. «Die Gleichung ‘weniger Dünger – weniger Belastung’ stimmt nicht", erklärte Berghorn.

Eine Unterdüngung führe zu weniger Wachstum. «Mickrige Pflanzen entziehen dem Boden weniger Stickstoff», so Berghorn weiter. Schweinehalter haben Angst, den überschüssigen Mist absetzen zu können. Ihn dorthin zu bringen, wo er als Dünger verwertet werden kann, koste die Bauern Geld, was sie nicht hätten, sagen sie.

Klage stattgegeben

Deutschland hat nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) von Sommer 2018 über Jahre hinweg zu wenig gegen Überdüngung mit Gülle und Verunreinigung des Grundwassers durch Nitrat getan. Der EuGH gab heute einer Klage der EU-Kommission gegen Deutschland statt. Umweltschützer, aber auch die Wasserwerke werteten das Urteil als Quittung für eine verfehlte Agrarpolitik und forderten Konsequenzen, um mögliche Strafzahlungen in Millionenhöhe zu vermeiden. Das Urteil bezieht sich allerdings auf die Vergangenheit: Die Kommission hatte Versäumnisse in den Jahren vor 2014 moniert und dabei Recht bekommen. 

800'000 Euro Strafe pro Tag

Die deutsche Agrarministerin Julia Klöckner reiste auch nach Münster und suchte das Gespräch mit den Bauern. Sie sagte, sie könne die Ängste nachvollziehen. «Lautes Schreien hilft aber nicht, es kommt auf gute Argumente an», fuhr sie fort. «Wenn im Herbst gedüngt wird, dient das nicht dem Wachstum. Das gehört auch zur Ehrlichkeit dazu», so Klöckner.

Wenn Deutschland jetzt nichts unternehme, drohe ein Zweitverfahren ohne Mitspracherecht. Dann bestimme die EU, was gemacht wird, warnte Klöckner. Es drohe eine Strafe von 800’000 Euro pro Tag. Die Düngerreform von 2017 zeige ihre Wirkung leider erst in rund 10 Jahren. «Bei knapp 30 Prozent der Flächen gibt es eine Überdüngung. Wir haben gut nachgebessert, aber der Kommission reicht das nicht», mahnte Klöckner.

200 Millionen Kubikmeter 

In Deutschland ist in einigen Regionen die Belastung des Grundwassers mit Nitrat zu hoch. Etwa 18 Prozent der Messstellen weisen Nitratgehalte über dem Grenzwert von 50 mg je Liter auf, in landwirtschaftlich geprägten Regionen werden die Grenzwerte an einem knappen Drittel der Messstellen überschritten, schreibt die Deutsche Presse-Agentur (dpa).

Als eine Ursache wird der übermässige Einsatz von Dünger verantwortlich gemacht. Laut Statistischem Bundesamt landen in Deutschland jährlich 200 Millionen Kubikmeter flüssiger Wirtschaftsdünger – Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen – auf den Feldern. Landet zu viel Stickstoff im Boden, kann dieser als schädliches Nitrat ins Grundwasser durchsickern. Die Wasserwirtschaft fürchtet, der wachsende Aufwand bei der Trinkwasseraufbereitung könne die Wasserpreise nach oben treiben.

Gülle enthält viel Ammonium, Ammoniak und andere organische Stickstoffverbindungen. Aus diesen Stickstoff-Verbindungen wird nach dem Austrag auf das Feld durch den Nitrifikationsprozess Nitrat gebildet.  Aus Nitrat entsteht durch chemische Prozesse Nitrit, das für Menschen schädlich sein kann. Bei der Trinkwasseraufbereitung muss Nitrat teils umständlich aus dem Grundwasser herausgefiltert werden, um die Grenzwerte einzuhalten.

Mehr Importe wegen strengeren Regeln

Die deutsche Regierung hat Vorschläge ausgearbeitet: In Gebieten mit hohen Nitratwerten im Grundwasser soll der Düngeeinsatz um 20 Prozent unter den zulässigen 170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar liegen. Zudem dürfen die Bauern bislang 60 Kilogramm Stickstoff pro Hektar Überdüngung als Verlustausgleich ansetzen. Dieser Wert soll auf null reduziert werden. Auch eine Ausweitung der Zeiten, in denen gar nicht gedüngt werden darf, ist vorgesehen.

Doch die EU will mehr. Sie fordert eine pauschale Reduzierung der Düngung von 20 Prozent unter dem Bedarf. Für den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, geht das eindeutig zu weit. «Es besteht die Gefahr, dass der Anbau bestimmter Kulturen aus einigen Regionen oder aus Deutschland verdrängt wird und der Importanteil von Lebensmitteln zunimmt», sagt er zur «Nordwest-Zeitung». Die gesicherte Produktion von Qualitätsweizen wäre dann beispielsweise nicht mehr möglich, so Rukwied.

Politik soll helfen

Die Landwirtschaft unterstütze Massnahmen für den Gewässerschutz. Die Politik müsse hier aber mithelfen, beispielweise mit Förderprogramm zur Schaffung von Lagerkapazitäten, innovativen Ausbringungstechniken und eine besonders gewässerschützende Landbewirtschaftung. Die verschärfte Düngeverordnung, die 2017 in Kraft getreten ist, hat gemäss Rukwied Wirkung gezeigt: «Die Tierhaltung geht überproportional zurück, und auch der Mineraldüngerabsatz ist laut aktuellen Zahlen im laufenden Wirtschaftsjahr erneut deutlich zurückgegangen.»

Der Bauernverband fordert ein gesetzgeberisches Moratorium für die laufende Umsetzungsphase des Düngerechts. «Neue Umweltauflagen werden sonst zum wesentlichen Treiber des Strukturwandels», so Rukwied.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE