2.11.2015 13:29
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Tierwohl (6/8)
Tierschutz als Handelshemmnis?
Die Tierschutzbestimmungen unterscheiden sich deutlich. In einigen Ländern ist der Einsatz von Hormonen erlaubt, in der Schweiz verboten. Die Welthandelsorganisation (WTO) schenkte dem Tierwohl bisher keine Bedeutung zu. Das könnte sich nun allenfalls ändern.

Die weltweite Fleischerzeugung hat sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt, die Pouletproduktion sogar verfu¨nffacht. In Russland und China wird die Milch- und Schweinefleischproduktion forciert, von Brasilien u¨ber die arabischen Staaten bis Südostasien boomt die Pouleterzeugung. Über die Tierschutzbestimmungen, die Kontrolle und den Vollzug in vielen Ländern ist hierzulande wenig bis nichts bekannt. 

Hormoneinsatz 

Vieles, was sich auf das Tierwohl auswirkt, hat auch Auswirkungen auf den Menschen, der tierische Produkte konsumiert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf entscheidet weltweit u¨ber Standards in der Lebensmittelherstellung und –verarbeitung. Die WHO erlaubt manches, was in der Schweiz verboten ist. Zum Beispiel den Einsatz von Hormonen in der Tiermast. Der Import dieser Produkte ist hierzulande erlaubt, solange der Hormoneinsatz deklariert wird.

In der EU ist der Einsatz natu¨rlicher Hormone bei der Viehzucht weitgehend eingeschränkt, künstlich erzeugte Hormone sind ganz verboten. Seit mehreren Jahren wird in der WHO daru¨ber diskutiert, ob der Wachstumsbeschleuniger Ractopamin in der Schweinemast aus gesundheitlichen Gründen nicht verboten werden müsste. Dieses Mittel wird eingesetzt, um die Gewichtszunahme zu beschleunigen, die Futtermitteleffizienz zu steigern und die Magerkeit der Schlachtkörper zu erhöhen. Bis heute steht der Entscheid der WHO aus. Auch Antibiotikazusa¨tze im normalen Tierfutter sind in der Schweiz seit 1999 verboten, in der EU seit 2001. In den USA werden solche Stoffe dagegen routinemässig eingesetzt.

Tiergesundheit als Basis fürs Tierwohl 

Die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) ist eine zwischenstaatliche Organisation, die sich weltweit für die Verbesserung der Tiergesundheit einsetzt. Seit 2002 engagiert sich die OIE auch für Tierschutzstandards. 2004 berief sie eine erste globale Tierschutzkonferenz ein. Seither gab sie allerhand Empfehlungen für ihre Mitglieder heraus, welche 180 Länder vertreten. Das Spektrum reicht von Empfehlungen für Tiertransporte auf dem Land-, Wasser- oder Luftweg bis hin zur Tötung von Zuchtfischen im Seuchenfall. Verbindlich sind sie jedoch nicht.

WTO: Tierschutz spielt (noch) keine Rolle

Seit längerem bemühen sich Vertreter der EU in der Welthandelsorganisation (WTO) dem Tierwohl mehr Bedeutung zu schenken. Die WTO hat zwar ein gewisses Interesse an der Tiergesundheit, weil das eine wichtige Voraussetzung für freien Handel ist. Die WTO akzeptiert auch, dass Tiergesundheit eine Folge vom praktiziertem Tierschutz ist.

Das heisst für die WTO aber noch lange nicht, dass ein höheres Tierschutzniveau eine verbesserte Tiergesundheit garantiert. Bislang spielt der Tierschutz im WTO-Übereinkommen über Sanitäre und Phytosanitäre Massnahmen (SPS) noch keine Rolle. Auch bei den Technischen Handelshemmnissen, den TBT-Abkommen, hat das Tierwohl keinen Stellenwert.

EU könnte Tierschutzstandards einfordern

Allerdings gab es letzten Herbst einen Fall in der WTO, der zu einer Trendwende führen könnte: Die WTO entschied, dass das EU-Importverbot für Robbenprodukte aus kommerzieller Jagd rechtens ist. Das ist ein Präzedenzfall für den Tierschutz, weil damit erstmals moralische Vorbehalte als Handelsbeschränkungen akzeptiert wurden.

Auf der Basis dieses Entscheids könnte die EU versuchen EU-Tierschutzstandards für importierte Lebensmittel zu fordern. Oder sie könnten versuchen, die Einfuhr von Produkten zu untersagen, die aus grausamer Herstellung stammen. Das können Eier aus Legebatterien sein, Kalbfleisch von Tieren, die in engen Boxen gehalten werden, oder Produkte, für die Tierversuche durchgeführt wurden, obwohl es humanere Alternativen gibt.

Der Entscheid ist für die EU derzeit vor allem deshalb relevant, weil ein transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP) mit den USA vor der Tür steht und die USA die Tierschutzbestimmungen der EU als reinen Protektionismus und unno¨tige Handelsbarrieren betrachten. Die meisten US-Landwirte erfüllen die EU-Mindest-Tierschutzstandards nämlich nicht.

Tierschutz in den USA, Brasilien und China

USA

Es ist nicht so, dass andere Leute keine Tierschutzgesetze haben, sie sind nur meistens anders. Die USA verabschiedete 1966 ein Tierschutzgesetz, das sich jedoch nur mit Labor- und Versuchstieren beschäftigte. Der Grossteil dieses Animal Welfare Acts ist auch heute noch Hunden, Katzen, Hamstern, Meerschweinchen, Menschenaffen und Meeressäugern gewidmet. Nutztiere werden höchstens unter der Kategorie „Andere Tiere“ geführt. Sie finden auf vier Seiten Platz, während die Vorschriften für die erstgenannten Tiere 135 Seiten füllen. 

Brasilien

Brasilien ist der zweitgrösste Rindfleisch- und drittgrösste Geflu¨gelfleischproduzent der Welt. Mit einem Rinderbestand von etwa 210 Mio. Tieren hält das Land beim Export von Rindfleisch einen Anteil von 20 % am Weltmarkt. Brasilien hat ein staatliches Tierschutzgesetz, das hauptsächlich Fragen des Transports und der Schlachtung regelt. Darüber hinaus gibt es nur noch private Labels, vor allem bei Biobetrieben.

China

In China gibt es seit 2006 ein Gesetz welches die Nutztierhaltung regelt, es enthält aber vor allem Vorschriften zur Tiergesundheit und Schlachtung. Ein umfassendes Gesetz zum Tierschutz wurde im Jahr 2009 in Aussicht gestellt, aber bis heute nicht realisiert. Das einzige Gesetz, das den Handel und Missbrauch von Tieren in China regelt ist ein Gesetz zum Schutz wildlebender Tiere. Es gilt jedoch nicht für Tiere, die sich in Nutztierställen, Zoos oder Heimtierhaltung befinden. Derzeit sieht es so aus, als würde dieses Gesetz in absehbarer Zeit auf Wildtiere in Gefangenschaft ausgedehnt, Nutztiere würden davon aber nicht betroffen.

Das ist vor allem deshalb problematisch, weil in China die Massentierhaltung mit  Rekordgeschwindigkeit wächst. Die Industrialisierung und Intensivierung der chinesischen Fleischproduktion hat mittlerweile ein höheres Niveau erreicht als in den USA. Mit 700 Mio. Schlachtschweinen im Jahr ist China der weltgrösste Schweinefleischproduzent, beinahe jedes zweite Schwein der Welt wird im Reich der Mitte gemästet. China gehört zu den grössten Erzeugern von Kaninchenfleisch, ist Weltmarktführer bei der Pelztierhaltung und einer der grössten Geflügelproduzenten der Welt.

Präzedenzfall Robben

Wie Eisbären sind auch Robben in ihrem natürlichen Lebensraum bedroht, die alljährliche Abschlachtung tausender Robben fällt dabei ins Gewicht. Um diesem Treiben den wirtschaftlichen Boden zu entziehen, haben verschiedene Staaten Importverbote für Robbenprodukte aus der kommerziellen Jagd erlassen. Darüber haben sich Kanada und Norwegen bei der WTO beschwert, weil es sich ihrer Ansicht nach um ein ungerechtfertigtes Handelshemmnis handelte. Die WTO hat die Beschwerde Kanadas und Norwegens letzten Herbst zurückgewiesen und ist damit der Argumentation der EU gefolgt, dass das Risiko des barbarischen Robbentötens unmöglich ausgeschlossen werden kann. Eine Beschneidung der globalen Nachfrage hielt die WTO in diesem Fall für gerechtfertigt.

Mit diesem aufsehenerregenden Entscheid gab die WTO den 34 Ländern Recht, die den Handel mit Robbenprodukten verboten, darunter 28 EU-Länder, Russland und die USA. In der Schweiz hat der Nationalrat schon mehrmals ein Importverbot für Robbenprodukte gefordert. Der Ständerat hat dies bisher aber stets abgelehnt mit der Begründung, es solle erst das Resultat der WTO-Anhörung abgewartet werden. Da die WTO den Tierschutz in diesem Fall höher gewichtet hat als die Handelsinteressen, sollte es nun eigentlich keinen Grund mehr gegen ein Handelsverbot von Robbenprodukten in der Schweiz geben.

Quelle: International Fund for Animal Welfare, IFAW, 2014

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