20.04.2015 13:08
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Ernährung
Trog oder Teller: Konkurrenz wächst
Ab Mai geht es bei der Expo in Mailand um eine der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie bekommt man in Zukunft neun Milliarden Menschen satt - ohne dabei die Umwelt zu zerstören? Ein Knackpunkt: Der Fleischkonsum wächst, während Ackerböden ausgeschöpft sind.

Die Scheibe Salami auf dem Brot, eine Bratwurst an der Imbissbude und abends noch ein Schnitzel - der Fleischkonsum hierzulande hat Auswirkungen auch anderswo in der Welt. Denn für die Erzeugung landeten Unmengen an Getreide in Trögen von Tieren - statt auf den Tellern von Menschen, kritisieren Wissenschaftler und Aktivisten.

Momentaner Lebensstil nicht globalisierbar

«Die Konkurrenz zwischen Trog und Teller wächst», sagt Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung in Berlin. «Das Problem liegt im Fleischkonsum, der benötigt heute schon den grössten Teil der Äcker der Welt.» Agrarökonom Matin Qaim von der Universität Göttingen ist sich sicher: «Der momentane Lebensstil in den reichen Ländern ist für neun Milliarden Menschen nicht globalisierbar.»

Die Weltbevölkerung wird weiter wachsen. 2011 überschritt sie die Marke von sieben Milliarden, bis 2050 leben nach einem Bericht der Welternährungsorganisation FAO rund neun Milliarden Menschen auf dem Planeten. Den Prognosen zufolge wird jeder Mensch künftig im Durchschnitt mehr Fleisch und Milchprodukte essen. Laut FAO wird die globale Nachfrage nach Nahrungsmitteln bis zur Mitte des Jahrhunderts um voraussichtlich 70 Prozent steigen.

805 Millionen hungern

Doch schon heute hungern nach Angaben der Vereinten Nationen 805 Millionen Menschen. Wie soll die Menschheit angesichts dieser Prognosen in Zukunft ernährt werden? Auf der Weltausstellung Expo in Mailand wollen fast 150 Nationen dieser Frage auf den Grund gehen. Das Event dauert vom 1. Mai bis zum 31. Oktober. Leitthema ist «Feeding the Planet, Energy for Life».

«Der Druck auf die weltweit verfügbaren Flächen nimmt zu», sagt René Franke vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. 60 Prozent der Flächen, die für Nahrungsmittel und Tierfutter in Deutschland genutzt werden, liegen laut Franke im Ausland. Die Umweltstiftung WWF kritisiert das: Würde Europa umdenken, könnten Äcker dort anderweitig genutzt werden, sagt Sprecherin Tanja Dräger de Teran. Wegen Überdüngung seien zahlreiche Flächen bereits ausgelaugt und verloren. Neue Ackerflächen zu erschliessen wird abgelehnt, da dafür etwa Wälder zerstört würden.

Weniger Fleischkonsum, weniger Verschwendung

In einer Studie wollen die Umweltschützer zeigen, dass die Nutzflächen immer knapper werden: Bis 2050 sollen sie sich pro Kopf und Jahr auf 1166 Quadratmeter verringern. Vor allem in Schwellenländern steigt der Fleischkonsum jedoch stark.

Nach Angaben des «Fleischatlas 2014» wird die weltweite Fleischerzeugung bis Mitte dieses Jahrhunderts von jetzt 300 Millionen Tonnen auf dann fast eine halbe Milliarde Tonnen steigen. Damit einhergehend werde sich die Sojaproduktion für Futtermittel zur Mästung der Schlachttiere nahezu verdoppeln - von derzeit 260 auf über 500 Millionen Tonnen. Das hat Folgen für die Welternährung.

«Fleisch ist Lebensmittelverschwender Nummer eins», beklagt der Vegetarierbund Deutschland. «Tiere fressen - in Kilogramm - viel mehr Futter, als ihre Schlachtung Fleisch ergibt.» Mehrfach so viele Menschen könnten mit der gleichen Getreidemenge ernährt werden, wenn statt einem Schweineschnitzel ein Weizen- oder Sojaschnitzel daraus würde. «Der Umweg über das Tier verschwendet Lebensmittel in gigantischem Ausmass», so das Fazit der Vegetarier.

Regionale und saisonale Lebensmittel

Ministeriumssprecher Franke rät zu einem Mittelweg: «Durch bewussteren Fleischkonsum wäre weniger Anbau von Futtermittel weltweit nötig.» WWF-Expertin Tanja Dräger de Teran meint: Wenn die Europäer ihren Fleischkonsum um die Hälfte reduzieren würden, könnte das auch zu Natur- und Klimaschutz beitragen. Denn «auch die Einsparungen an Treibhausgasemissionen wären erheblich».

Auch beim Umgang mit Lebensmitteln müssen die Menschen laut Franke mehr Verantwortung zeigen. «Wir können zum Beispiel die Verschwendung von Lebensmitteln reduzieren», sagt er. Fast zwei Drittel der weggeschmissenen Lebensmittel hätte man in den meisten Fällen noch essen können. Auch der WWF empfiehlt, möglichst wenig wegzuwerfen und verstärkt auf regionale und saisonale Lebensmittel zu setzen.

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