20.04.2016 14:12
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Ukraine
Vor 30 Jahren explodierte AKW Tschernobyl
Eine unsichtbare radioaktive Wolke zog vor drei Jahrzehnten über Europa. Der Super-GAU von Tschernobyl veränderte die Welt. Einige Staaten stiegen aus der Kernkraft aus, andere setzen weiter auf Atom.

Vor dreissig Jahren - am Samstag, 26. April 1986 - geriet um 1:23 Uhr Ortszeit im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl ein Experiment ausser Kontrolle: Reaktor vier explodierte. Der Super-GAU, der grösste anzunehmende Unfall, war eingetreten.

Ähnlich katastrophal war Fukushima

Ähnlich katastrophal war 25 Jahre später nur noch die Kernschmelze im Kraftwerk Fukushima in Japan. Tschernobyl und Fukushima zusammen haben die Diskussion über Kernkraft verändert - vor allem im hoch industrialisierten Deutschland, das sich 2011 auf einen völligen Ausstieg festgelegt hat.

Auch in der Schweiz beschloss der Bundesrat 2011 den Ausstieg aus der Kernkraft; dazu verfasste er die Energiestrategie 2050 mit der Absicht, den Anteil von Wasserkraftwerken und anderen erneuerbaren Energien an der Energieversorgung auszubauen. Allerdings verlor diese Energiestrategie mit der Schwächung der Grünen bei den Nationalratswahlen im Herbst 2011 bereits an Schwung - der so genannte Fukushima-Effekt nach der AKW-Katastrophe im März im gleichnamigen japanischen Ort verpuffte wieder. Diskutiert wurden in der Folge Laufzeitbeschränkungen für Atomkraftwerke. Darüber wird nun das Schweizer Stimmvolk das letzte Wort haben.

Anfang vom Ende der Sowjetunion

Die Katastrophe von Tschernobyl läutete das Ende der bis dahin als stabil geltenden Sowjetunion ein. Tagelang verschwieg die sowjetische Führung unter Generalsekretär Michail Gorbatschow das Unglück. Doch mehr als 100'000 Menschen mussten umgesiedelt werden, knapp 600'000 Menschen aus der gesamten Union mussten in den folgenden Jahren bei Aufräumarbeiten helfen. Bis heute leiden viele unter der Strahlenbelastung.

Nicht nur der Norden der Ukraine, auf deren heutigem Territorium das Unglück geschah, wurde 1986 verstrahlt. Die radioaktive Wolke traf vor allem das benachbarte Weissrussland, den Westen Russlands, dann verteilte sie sich Richtung Skandinavien und Westeuropa.

In der heutigen Ukraine kein Thema

Unmittelbar nach der Explosion kamen bei Lösch- und Rettungsarbeiten etwa 30 Kraftwerksmitarbeiter und Feuerwehrleute ums Leben. Wie viele Menschen insgesamt an den Folgen von Tschernobyl gestorben sind, ist bis heute umstritten. Experten gehen von einigen Zehntausend Todesfällen aus, die auf das Unglück zurückführbar sind.

30 Jahre später ist Tschernobyl in der unabhängigen Ukraine kaum noch ein Thema. Die mehr als 210'000 registrierten «Liquidatoren» machen vor allem dann auf sich aufmerksam, wenn es gilt, Invalidenrenten und Vergünstigungen zu verteidigen. Die erste Reise des frischgebackenen Umweltministers Ostap Semerak ging vergangene Woche in die 30-Kilometer-Todeszone um die Reaktorruine. Er inspizierte den Bau der neuen Stahlhülle, die für die nächsten hundert Jahre die Überreste des Kraftwerksblocks vor dem Eindringen von Wasser und dem Entweichen von Staub schützen soll.

Der für geschätzte 2,3 Milliarden Franken errichtete Bogen wird den Plänen nach im kommenden Jahr über den alten einsturzgefährdeten Beton-Sarkophag geschoben. Er war damals in aller Eile errichtet worden und sollte eigentlich nur für 20 Jahre Schutz gewähren.

Tschernobyl - Zahlen und Fakten

Die Katastrophe von Tschernobyl war der bisher schwerste Unfall in einem Atomkraftwerk. Am 26. April 1986 geriet ein Versuch in dem ukrainischen Kraftwerk ausser Kontrolle, sodass der Reaktorkern zerstört und das Kraftwerksgebäude schwer beschädigt wurde. Durch die Explosionen wurde eine extrem grosse Menge Radioaktivität freigesetzt.

  • Insgesamt halfen rund 600'000 sogenannte Liquidatoren (zunächst vor allem Mitarbeiter des Kraftwerks und Feuerwehrleute), die Folgen der Katastrophe zu mindern.
  • 134 der Arbeiter wurden so stark verstrahlt, dass sie an akuter Strahlenkrankheit litten. 28 von ihnen starben innerhalb von Tagen und Wochen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass insgesamt rund 2200 Arbeiter vorzeitig an Strahlenschäden sterben werden.
  • Etwa 116'000 Menschen wurden im Laufe des Jahres 1986 aus den umliegenden Gebieten in Sicherheit gebracht und umgesiedelt.
  • Seit 1990 wurden mehr als 6000 Fälle von Schilddrüsenkrebs in Weissrussland, Russland und der Ukraine gemeldet - eine weit höhere Zahl, als statistisch gesehen zu erwarten wäre. Weil sich Schilddrüsenkrebs sehr gut behandeln lässt, starb nur etwa ein Prozent der Betroffenen an den Folgen der Krankheit.
  • Abgesehen von den Schilddrüsenkrebs-Fällen ist laut WHO kein Anstieg der Krebsrate in den belasteten Gebieten festzustellen. Dabei muss man allerdings zwischen den klar messbaren Fällen und den Prognosen unterscheiden: In Modellrechnungen geht auch die WHO allein unter den Evakuierten und den Liquidatoren von etwa 4000 Todesfällen wegen Strahlenschäden bis ins Jahr 2086 aus.

    Einige Studien und Berichte legen auch eine weit höhere Zahl von Krebs- und Leukämie-Erkrankungen nahe. Laut WHO ist dies aber nicht eindeutig festzustellen. sda
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