23.06.2020 12:10
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Deutschland
Wegen Schlachthof Region abgesperrt
Nach dem Corona-Ausbruch beim deutschen Fleischverarbeiter Tönnies mit mehr als 1500 Infizierten schränken die Behörden das öffentliche Leben in der Region um die Fabrik massiv ein.

Das Regionalregierung des Landes Nordrhein-Westfalen verhängte am Dienstag einen Lockdown über zwei benachbarte Landkreise. Danach dürfen sich im Kreis Gütersloh mit seinen etwa 370'000 Einwohnern und auch im Nachbarkreis Warendorf die Bewohner in der Öffentlichkeit eine Woche lang nur noch mit Personen des eigenen Hausstands bewegen oder zu zweit. Der betroffene Schlachtbetrieb liegt in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh.

1550 Tönnies-Beschäftigte infiziert

Ausserdem werden Museen, Kinos, Fitnessstudios, Hallenschwimmbäder und Bars geschlossen, wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann mitteilte. Der Kreis Warendorf werde von Donnerstag an zudem alle Schulen und Kitas schliessen - in Gütersloh sind sie bereits zu.

Mehr als 1550 Tönnies-Beschäftigte in dem Betrieb haben sich nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Viele von ihnen leben im Nachbarkreis Warendorf - deshalb war auch dort am Dienstag ein wichtiger Schwellenwert für Neuinfektionen überschritten worden. Viele der Arbeiter stammen aus Osteuropa.

Mit dem massiven Ausbruch gerieten auch die Arbeitsbedingungen dieser Arbeitnehmer und ihre Bezahlung über billigere Werkverträge mit Subunternehmern erneut in die Kritik. Tönnies kündigte am Dienstag aber an, bis Ende 2020 sollten Werkverträge «in allen Kernbereichen der Fleischgewinnung» abgeschafft und die Mitarbeiter in der Tönnies-Unternehmensgruppe eingestellt werden.

Lockdown gilt zunächst für eine Woche

Der Lockdown gilt zunächst für eine Woche. Bis zum 30. Juni erwartet die Landesregierung Klarheit, inwieweit sich das Virus womöglich auch bei Menschen, die nicht bei Tönnies arbeiten, ausgebreitet hat. Nicht wenige bangen nun um ihren Sommerurlaub, die Sommerferien beginnen in Nordrhein-Westfalen Ende Juni. Das süddeutsche Land Bayern untersagte angesichts des massiven Corona-Ausbruchs im Kreis Gütersloh am Dienstag die Beherbergung von Menschen, die von dort und aus anderen schwer betroffenen Landkreisen einreisen.

Beherbergungsbetriebe dürfen künftig keine Gäste mehr aufnehmen, die aus einem Landkreis kämen, in dem die Zahl der Neuinfektionen in den zurückliegenden sieben Tagen bei mehr als 50 pro 100'000 Einwohner liege, sagte Saatskanzleichef Florian Herrmann in München mit. «Das ist eine Schutzmassnahme, die wir für wirklich notwendig halten», sagte er. Eine Ausnahme gibt es nur für Menschen, die einen aktuellen negativen Corona-Test vorweisen können.

Neuinfektionen in Deutschland leicht höher

Die Ostsee-Urlaubsinsel Usedom forderte bereits am Montag 14 Menschen aus Corona-Risiko-Gebieten auf, vorzeitig abzureisen. Sie müssten sich unverzüglich bei ihrem heimischen Gesundheitsamt melden, sagte Achim Froitzheim, Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald, der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Beim Zahlen der Kurtaxe sei das Problem auffällig geworden. Den Angaben zufolge gehören zu den Betroffenen auch Menschen aus dem Kreis Gütersloh.

Der massive Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fabrik sowie einige weitere lokale Ausbrüche hatten die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland sowie die als R-Wert bekannte Reproduktionszahl wieder nach oben getrieben. Nachdem in den vergangenen Wochen im Mittel etwa 350 neue Fälle pro Tag ans Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet worden seien, stiegen diese Zahlen seit vergangenem Dienstag wieder etwas an. Laut Lagebericht vom Montag kamen knapp 540 Infektionen neu hinzu, am Dienstag meldete das RKI 503 Neuinfektionen (Datenstand 23.06., 0 Uhr).

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, die über die Dynamik des Ausbruchsgeschehens Auskunft gibt, habe lange Zeit stabil unter 1 gelegen, seit 21. Juni jedoch zwischen 2 und 3. Das bedeutet, dass ein Infizierter im Schnitt zwei bis drei weitere Menschen ansteckt. Angestrebt wird ein Wert unter 1, um die Pandemie zu bremsen. Zuletzt lag der R-Wert bei 2,76.

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