14.09.2018 12:58
Quelle: schweizerbauer.ch - awp
Wirtschaft
Weltwirtschaftskrise in 7. Akten
Am Anfang stand ein zunächst wenig beachtetes Problem am US-Immobilienmarkt. Käufer konnten ihre Kredite nicht bedienen, die Immobilienpreise gingen zurück. In einer Art Domino-Effekt erwuchs daraus die schwerste Weltwirtschaftskrise seit Jahrzehnten.

Das Unheil schlich sich auf leisen Sohlen an - selbst von Fachleuten und Politikern unbemerkt und unterschätzt: Alles sieht im Frühjahr 2007 nach einer auf die USA begrenzten Krise des dortigen Immobilienmarkts aus. Selbst als im September 2008 die traditionsreiche US-Investmentbank Lehman Brothers untergeht, hält mancher die Folgen für beherrschbar.

Am Ende jedoch steht die gewaltigste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten: Nahezu alle Volkswirtschaften auf dem Globus stürzen 2009 in eine Rezession, das junge Eurosystem gerät ab 2010 an den Rand des Abgrundes. Wann genau das Drama - im Verborgenen - begann, weiss niemand genau. Der letzte Akt, zu dem Niedrigzinsen mit Folgen für jeden Sparer gehören, ist bis heute nicht zu Ende.

1. AKT - DER US-TRAUM VOM EIGENHEIM BIS 2007:
 
Begünstigt von relativ niedrigen Zinsen kaufen immer mehr Amerikaner, die es sich eigentlich nicht leisten können, Häuser oder Wohnungen auf Pump. Finanziert wird das von Banken, die immer häufiger beide Augen zudrücken. Experten sprechen von «Subprime»-Hypotheken. Banken entledigen sich des Risikos oft, indem sie die wackeligen Forderungen mit finanzmathematisch ausgeklügelten Wertpapieren kleingestückelt in alle Welt verkaufen - mit dem Segen von Ratingagenturen, die den letztlich durch Häuser abgesicherten Papieren oft beste Bonität bescheinigen. «Ich persönlich kann es nicht mehr nachrechnen», wird der damalige Commerzbank-Chef Martin Blessing später zu dieser Art Papiere sagen. Das Geschäft mit solchen, selbst für Experten nicht nachvollziehbaren Finanzderivaten, gilt als entscheidender Brandbeschleuniger - ebenso wie grosse Lücken in Regulierung und Aufsicht der Finanzindustrie.

2. AKT - DIE BLASE PLATZT - ERSTE PLEITEN 2007: 
Erste Probleme zeigen sich irgendwann im Frühjahr 2007. Mehr und mehr Hausbesitzer können ihre Raten nicht mehr bezahlen. Die Immobilienpreise geraten ins Rutschen. Spezialisten für Hypothekenkredite machen dicht, Fonds geraten in Schwierigkeiten. Doch der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke sieht kein grösseres Problem, vor allem keine Gefahr, dass die Hypothekenmarktschwäche auf die Gesamtwirtschaft überspringt.

3. AKT - DER LEHMAN-ZUSAMMENBRUCH 2008: 
Die Hypothekenmarktkrise wächst sich zu einer Bankenkrise aus. Grossbanken berichten weltweit von Milliardenverlusten. Die US-Investmentbank Bear Stearns wird nur dank der Übernahme durch J.P. Morgan vor dem Kollaps bewahrt. Im September überschlagen sich die Ereignisse: Die US-Behörden müssen die riesigen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac mit Milliardenaufwand retten. Die Investmentbank Lehman Brothers erklärt Insolvenz und wird nicht vom Staat gerettet - anders als der Versicherungsriese AIG, der von Washington verstaatlicht wird.

Die hiesige Bankenaufsicht versucht zu beruhigen: Der dramatische Umbruch auf dem US-Bankenmarkt habe keine direkten Auswirkungen auf den Bankenplatz Schweiz, liess die damalige Eidgenössische Bankenkommission (EBK) nach der Lehman-Pleite verlauten. Die Bankguthaben seien sicher, und die Schweizer Banken seien komfortabel mit Eigenmitteln ausgestattet. Als konstruktiven Beitrag zur Stabilisierung der Lage bezeichnete die EBK den Liquiditätsschirm im Umfang von 70 Milliarden Dollar, den zehn internationale Grossbanken, darunter auch die UBS und die CS, gespannt haben. Das zeige, wie wichtig eine gute Kapitalausstattung für eine Bank sei.

4. AKT - ES BRENNT LICHTERLOH 2008/09: 
Die Nachwehen der Lehman-Pleite machen jede Hoffnung auf eine rasches Ende des Dramas zunichte. Wachsende Verwerfungen lassen den lebenswichtigen Geldstrom innerhalb des Finanzsektors versiegen, weil Banken einander nicht mehr über den Weg trauen. Zentralbanken pumpen Milliarden in die Märkte und senken die Leitzinsen drastisch. Erstmals treffen sich die Staats- und Regierungschefs der führenden Wirtschaftsnationen (G20) in Washington. Sie wollen die Weltwirtschaft vor einem Absturz bewahren und beschliessen ausserdem einen umfassenden Plan zur Neuordnung der ausser Kontrolle geratenen globalen Finanzmärkte.

In der Schweiz kommt es im Oktober 2008 zu einer Milliarden Franken teuren staatlichen Rettungsaktion für die UBS, in welche die Schweizerische Nationalbank (SNB), die Eidgenössische Bankenkommissin (EBK) sowie das Eidgenössische Finanzdepartement involviert sind.

5. AKT - DIE WELT STÜRZT 2009 IN DIE REZESSION:
 
Wie der Geldkreislauf zwischen den Banken austrocknet, klemmt es auch bei der Kreditvergabe. Das sorgt dafür, dass die Finanzkrise in die Realwirtschaft überspringt - und zwar global: Praktisch alle wichtigen Volkswirtschaften stürzen in eine Rezession. Milliardenschwere Konjunkturpakete werden aufgelegt. Weil Niedrigzinsen nicht die erhoffte Wirkung zeigen, überschwemmen Notenbanken die Welt immer mehr mit Geld, indem sie in beispiellosem Ausmass Anleihen kaufen. Potente Volkswirtschaften wie Deutschland und die USA erholen sich zwar unerwartet schnell vom Einbruch und gehen schon 2010 wieder auf Wachstumskurs. Die weniger leistungsfähigen wie die südeuropäischen Ökonomien zwingt die Rezession jedoch nachhaltiger in die Knie.

6. AKT - HILFERUF AUS GRIECHENLAND 2010: 
Die Folgen der Rezession - wegbrechende Steuereinnahmen, explodierende Arbeitslosigkeit, steigende Sozialausgaben und in einzelnen Fällen Rettungsmilliarden für Banken - belasten die Staatshaushalte besonders in den schwächeren Volkswirtschaften des Euroraums. Investoren verlieren das Vertrauen, dass Krisenländer wie Griechenland ihre Schulden überhaupt zurückzahlen können - zumal Athen zugeben muss, dass sein Defizit wegen gefälschter Daten viel höher ist als zuvor genannt. Deswegen müssen diese Länder immer höhere Zinsen aufbringen, um überhaupt Käufer für Anleihen zu finden, was wiederum die Schulden in die Höhe treibt - ein Teufelskreis.
In kurzer Folge müssen nach Griechenland auch für Portugal, Irland und Zypern internationale Hilfsprogramme aufgelegt werden - jeweils gegen strenge Reform- und Sparauflagen der Geldgeber. Spanien erhält Milliardenhilfen zur Sanierung seines Bankensystems.

7. AKT - EZB-CHEF DRAGHI EILT 2012 ALS RETTER HERBEI: 
Hilfsprogramme und Niedrigzinsen reichen nicht, um die aus der Finanzkrise hervorgegangene Euro-Schuldenkrise beizulegen - bis EZB-Präsident Mario Draghi im Juli 2012 ein Machtwort spricht: Die Europäische Zentralbank werde alles tun, um den Euro zu retten («Whatever it takes»). Die EZB beschliesst, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenländern zu kaufen - ein heftig umstrittenes Programm, das allerdings nie zum Einsatz kam. Allerdings kauft die EZB bis heute in anderem Rahmen für etliche Milliarden Staatsanleihen - und hält die Zinsen voraussichtlich bis weit ins nächste Jahr auf dem aktuellen Rekordtief. Die Krisenländer haben inzwischen ihre Hilfsprogramme erfolgreich abgeschlossen und sind mehr oder weniger auf Erholungskurs. Die Folgen der Krise - weiterhin hohe Arbeitslosigkeit und drastisch gesenkte Sozialausgaben - dürften dort allerdings noch für Jahre spürbar bleiben.

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