10.07.2017 10:54
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Grossbritannien
Whisky-Branche fürchtet Brexit
Schottischer Whisky ist ein Verkaufsschlager. Wachstum versprechen vor allem die Märkte in Asien und Südamerika. Der Brexit könnte aber zum Bremsklotz werden.

In der Kingsbarns-Destillerie nahe der schottischen Universitätsstadt St. Andrews plätschert eine farblose Flüssigkeit aus einem kupfernen Hahn. Damit Scotch-Whisky seine bernsteinfarbene Tönung und seinen Geschmack erhält, muss er zunächst jahrelang in Eichenfässern lagern.

Drohende Zölle für Überseemärkte

Ähnlich lange dauert es mit dem Brexit. Erst in einigen Jahren wird klar sein, welche Folgen der geplante Austritt der Briten aus der Europäischen Union haben wird. Die Unsicherheit trifft auch die Whisky-Industrie. Gut 90 Prozent der schottischen Whisky-Produktion geht ins Ausland. Ein Drittel davon in die EU. Zweitwichtigster Absatzmarkt sind die USA. Dann folgen Asien und Südamerika.

Doch das Problem mit dem Brexit ist nicht so sehr der Whisky-Export auf den europäischen Kontinent - der würde dank einer Ausnahmeregel bei den Vereinbarungen der Welthandelsorganisation WTO wohl auch weiterhin zollfrei bleiben. Grossbritannien drohen aber Zölle für Ausfuhren in eine Reihe von wachsenden Märkten wie Südafrika, Südkorea, Peru und Kolumbien.

Zweckoptimismus

Mit diesen Ländern hat die EU Freihandelsabkommen, aus denen Grossbritannien mit dem Brexit wohl ausscheiden wird. Bis zu 20 Prozent könnten dort künftig auf Whisky-Importe aufgeschlagen werden, fürchtet der ehemalige Vorsitzende des Branchenverbands Scotch Whisky Association, David Frost, der inzwischen als Berater im Aussenministerium arbeitet.

William Wemyss, Gründer der Kingsbarns-Destillerie, sitzt in der Firmenzentrale, einem historischen Bau mit Natursteinfassade in Edinburgh, und zuckt mit den Achseln. «Ich habe nicht für den Brexit gestimmt, aber wir sind, wo wir sind.» Wie viele in der Branche versucht er, dem EU-Austritt mit Zweckoptimismus zu begegnen.

Indien und China erschliessen

Die Hoffnungen liegen auf den vollmundigen Versprechungen von Premierministerin Theresa May, die aus dem Land einen «Vorreiter des Freihandels» machen will. Vor allem die riesigen Märkte Indien und China sollen für die britische Exportwirtschaft erschlossen werden. Mit Indien verhandelt die EU seit zehn Jahren vergeblich. Das Land erhebt eine 150-prozentige Einfuhrsteuer auf Whisky.

«Ein Freihandelsabkommen mit Indien würde alles verändern», sagt Wemyss. Asien wird als Absatzmarkt immer wichtiger. Doch dass ein Freihandelsabkommen mit dem Subkontinent nicht einfach auszuhandeln ist, weiss er auch: «Sonst hätte es die EU längst gemacht.»

Befürchtungen zu Unabhängigkeitsreferendum

Für mindestens genauso viel Unbehagen wie der Brexit sorgte die Ankündigung der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon, ein zweites Unabhängigkeitsreferendum abhalten zu wollen.

Auch hier geht es weniger darum, ob der Rest Grossbritanniens nach einem Austritt Schottlands aus dem Vereinigten Königreich als Exportziel wegfiele. Die Frage der Währung ist es, die den Whisky-Produzenten das meiste Kopfzerbrechen bereitet. Noch immer ist nicht klar, welche Devise ein unabhängiges Schottland verwenden würde.

Die Risiken sind nicht zu unterschätzen. Die Folgen des Pfund-Verfalls seit dem Brexit-Votum sind deutlich zu spüren für die Whisky-Industrie. Zwar kommen Gerste, Wasser und die notwendige Energie hauptsächlich aus Schottland, doch die Flaschen, Etiketten, Korken und Eichenfässer werden grösstenteils importiert.

Schwaches Pfund hilft

Da dürfte es für Aufatmen gesorgt haben, dass Sturgeon das Unabhängigkeitsreferendum nach der Wahlschlappe für ihre Schottische Nationalpartei (SNP) erst einmal auf Eis gelegt hat. Auf der anderen Seite hatte der Absturz des Pfunds positive Seiten. Schottischer Whisky wurde in vielen Ländern billiger. Im Jahr 2016 stiegen die Whisky-Ausfuhren auf mehr als vier Milliarden britische Pfund (knapp 5 Milliarden Franken).

Auch für Touristen ist ein Aufenthalt in Grossbritannien erschwinglicher geworden. Für William Wemyss ist das ein positiver Trend. Er zielt mit seiner erst 2014 gegründeten Kingsbarns-Destillerie auf Golfer, die auf dem nahen Golfplatz ihrem Hobby nachgehen und nebenher etwas über die schottische Brennkunst erfahren wollen. Für ihn hatte der Brexit daher bislang eher positive Folgen. Zum Jubeln ist ihm trotzdem nicht zumute.

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