7.11.2013 10:00
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Getreide
Wird Osteuropa zur globalen Kornkammer?
Russland, die Ukraine und Kasachstan könnten sich in den kommenden Jahren zu einer globalen Kornkammer entwickeln, da die Land- und Ertragsreserven in diesen Ländern sowie die Preisentwicklungen auf den Weltmärkten vorzügliche Markt- und Wachstumschancen offerieren.

Davon geht der Direktor des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Osteuropa (IAMO), Prof. Thomas Glauben, aus, der die Rolle der osteuropäischen Staaten bei der Mobilisierung von Agrarmarktpotentialen analysiert hat.

„Populistische“ Handelspolitiken

Trotz dieser günstigen Voraussetzungen könne man jedoch allenfalls von gedämpften Erwartungen sprechen, erklärte Glauben auf einem Symposium der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina über „Das zukünftige Modell der agrarischen Landnutzung“, bei dem vergangene Woche Experten aus Wissenschaft und Politik in Halle an der Saale an zwei Tagen debattierten. Der IAMO-Direktor machte deutlich, dass in den osteuropäischen Ländern zum einen „populistische“ Handelspolitiken nachhaltig die Marktfunktionen und die Mobilisierung von Produktions- und Exportpotentialen blockierten.

Allein in Russland seien zwischen November 2007 und Juli 2011 insgesamt elf Exportsteuererhöhungen beziehungsweise Exportverbote erlassen worden. Ausserdem gebe es dort aufgrund von Investitions- und Managementdefiziten hohe Produktivitätslücken. Dabei träten grosse regionale Unterschiede auf, und nur einige Regionen seien in der Lage, technologische Fortschritte hinreichend zu realisieren.

Hinzu komme, dass eine schlechte Infrastruktur die Entwicklung und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Getreidewirtschaft ausbremse, so Glauben. Es mangele beispielsweise an modernen Lagerhaltungstechniken, und das Transportwesen sei extrem unterentwickelt. Darüber hinaus fehle es an effizient arbeitenden,modernen Hafenterminals, obwohl 80 bis 100 Prozent des Getreideexports Russlands und der Ukraine über Seehäfen erfolgten. Deshalb müssten Exporteure lange Umschlagszeiten und hohe Kosten in Kauf nehmen.

25% der weltweiten Weizenausfuhren

Glauben und seine Kollegen vom IAMO treibt schon seit langem die Frage nach der Bedeutung der Länder der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) bei der Bewältigung der global steigenden Nachfrage nach Nahrungsmitteln um. Nicht nur eine wachsende Weltbevölkerung, sondern auch die Nutzung von Ackerflächen zum Anbau von Brauchpflanzen, die zur Gewinnung alternativer Energie genutzt würden, verschärften die Problematik, sagte der Institutsdirektor.

Nach dessen Angaben lässt sich seit Anfang der 2000er Jahre ein deutliches Wachstum bei den Exporten von Weizen aus Russland, der Ukraine und Kasachstan feststellen. Derzeit stammten rund 25% der weltweiten Weizenausfuhren aus dieser Region. „Die osteuropäischen Getreidenationen haben die Chance, zur Kornkammer der Welt aufzusteigen und damit eine Schlüsselposition bei der globalen Nahrungsmittelversorgung einzunehmen“, so Glauben in seinem Resümee.

Investitionen dringend erforderlich

Dafür seien neben marktkonformen und „exportfreundlichen“ Politiken vor allem Investitionen dringend erforderlich. Das schliesse nicht nur Investitionen in die regionale und betriebliche Infrastruktur ein, sondern vor allem den Ausbau und die Verbesserung der Aus- und Weiterbildungsangebote. Einen Beitrag dazu leiste auch das IAMO. Das Institut steht laut Glauben in einem regen Austausch mit Universitäten und Forschungseinrichtungen aus Russland, der Ukraine, Kasachstan und weiteren Ländern Osteuropas sowie Zentral- und Ostasiens.

Neben gemeinsam durchgeführten Forschungsprojekten ermögliche das IAMO Gastwissenschaftlern aus der Region die Arbeit in Halle und schicke selbst Wissenschaftler zu Forschungsaufenthalten ins osteuropäische Ausland.

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