18.07.2014 16:42
Quelle: schweizerbauer.ch - Raphael Bühlmann, Daniel Salzmann
Weisse Linie
Aebi und Ritter würden bei Milchfreihandel mit Melken aufhören
Die Schweizer Milchproduzenten (SMP), der Schweizer Bauernverband (SBV) und die Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter (ASR) lehnen einen Milchfreihandel mit der EU ganz klar ab.

Die SMP haben bei der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) eine wissenschaftliche und unabhängige Studie in Auftrag gegeben. SMP-Präsident Hanspeter Kern erklärte, es gehe darum, den Bericht des Bundesrates zu einer Öffnung des Milchmarktes zu hinterfragen und Differenzen zu einer früheren Studie der Hafl zu erklären.    Therese Haller  von der Hafl stellte am Freitag die Studie vor und betonte: «Nur mit den richtigen Annahmen gibt ein Modell plausible Antworten.» Insbesondere die  vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) getroffenen Annahmen zum Verhalten der Betriebsleiter schienen unrealistisch, so Haller.

«Es gäben mehr auf»

Im BLW-Modell schieden Betriebe nur zum Zeitpunkt des Generationenwechsels oder bei einem über mehrere Jahre negativen Haushaltseinkommen aus der Milchproduktion aus. Zudem seien keine Umnutzungen oder Umbaulösungen für Milchviehställe vorgesehen. «Das heisst, dass im Modell unrentable Betriebe weiterproduzieren – entgegen jeglichen ökonomischen Prinzipien», sagte Haller. Dieses Verhalten möge auf manche auslaufende, stark in Traditionen verhaftete Betriebe zutreffen – kaum jedoch für jene nach Investitionen an sich gut aufgestellten Betriebe, die bei einer Marktöffnung am meisten Einkommen verlieren würden.

Bei einem zusätzlichen Grünlandbeitrag in der Höhe von 800 Fr./ha – dies ist die vom Bundesrat bevorzugte Kompensationsvariante – verliere viel, wer sich heute im Talgebiet mit einer hohen Milchleistung pro Kuh und tiefen Kosten auf die Milchproduktion spezialisiert habe. «Wenn man die Produktionskosten in Richtung EU senken möchte, ist die Kompensation über den Grünlandbeitrag sicher der falsche Weg.» Haller stellte fest: «Dieser Liberalisierungsschritt überfordert und demotiviert vor allem die unternehmerisch orientierten und handelnden Milchproduzenten, welche die bisherigen Reformen mitgetragen haben.» Weil bei der Marktöffnung deutlich mehr Milchbauern aufhören könnten, könnte auch die Milchmenge in der Schweiz stärker zurückgehen, als das BLW   annehme. Auf Verarbeitungsstufe sei mit dem Wegfall der Verkäsungszulage ein verstärkter Strukturwandel bei den gewerblichen Käsereien zu erwarten. 

«Detailhandel profitiert»

Haller brachte einen weiteren Kritikpunkt vor. Bei den «Wohlfahrtsgewinnen der Konsumenten» sei die Verteilung zwischen zweiter Verarbeitungsstufe (z.B. Schokoladeindustrie), Detailhandel und Konsumenten unklar. «Der Detailhandel würde sich ein grösseres Stück vom Kuchen abschneiden, da würde nicht nur der Konsument profitieren.» Sie meinte, dass der Handel zwar deutlich günstiger einkaufen könnte, die Preise im Laden aber nur unwesentlich fielen. Gleich drei hohe Verbandsvertreter würdigten die Resultate der Hafl-Studie.

«Gar keine Option»

SBV-Präsident Markus Ritter, der die   sektorielle Öffnung schon früher als «Schnapsidee» bezeichnet hatte, sagte: «Ohne die Hafl-Studie würde das Parlament einzig durch den Bericht von Verwaltung und Bundesrat fehlgeleitet.»  Hanspeter Kern kritisierte, dass der Bundesrat den Milchproduzenten, aber auch der Politik mächtig Sand in die Augen streue. «Der vorgeschlagene Weg ist keine Option, nicht die geringste Option», betonte Kern.

Für ASR-Präsident Andreas Aebi ist klar: «Diese Sandkastenspiele sind zu beenden, bevor sie für alle in ein sicheres Fiasko münden.» Aebi störte sich an der Einschätzung der Jugend und der Betriebsleiter durch das BLW: «Das sind heute Leute, die rechnen und  alles hinterfragen.» Kern sagte, sein Sohn betrachte es als Beleidigung, wenn den Milchbauern unökonomisches Verhalten unterstellt werde.  Ritter hatte beim Lesen des Bundesratsberichts sogar den Eindruck, dass es in der Schweiz ein Gesetz gebe, das die Bauern zum Melken bis zur Pensionierung verpflichte. «Wir Bauern sind im Markt angekommen», rief er in den Saal. Ritter bekräftigte eine frühere Aussage: «Am Tag, an dem die Grenze aufgeht, stelle ich die Milchproduktion ein.» Aebi stiess ins gleiche Horn: «Bei diesen Perspektiven mit Milchpreisen von 40 bis 45 Rp. würde ich wohl auch aufhören.»

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