31.05.2018 11:11
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Milchmarkt
«Aus Milchstreik nichts gemacht»
Martin Haab hat vor zehn Jahren zusammen mit seinen Kollegen von BIG-M zu einem Milchstreik in der Schweiz aufgerufen. Im Interview hält er einen Rückblick auf die turbulente Zeit.

«Schweizer Bauer»: Welches Bild haben Sie vor Augen, wenn Sie an den Milchstreik 2008 denken?
Martin Haab: Die abendlichen Versammlungen im Streikzentrum Obfelden ZH. Die Menge an Bauern hat mich schier erschlagen. Wir haben damals nie erwartet, dass schon am zweiten Abend so viele Landwirte anwesend sein würden, und mit jedem Abend hat sich die Anzahl verdoppelt. 

Wie haben Sie die Tage während des Milchstreiks im Jahr 2008 erlebt? Konnten Sie noch schlafen?

Schlafen konnte ich immer. Ausser in der letzten Nacht, in der wir dem Deal zugestimmt haben. In dieser Nacht war ich völlig ausgebrannt. Der Druck war enorm stark und die Erwartungshaltung unglaublich belastend. Um vier Uhr morgens sind wir zusammengekommen und haben die Medienmitteilung verfasst. Das war sehr emotional. Ich kann mich erinnern, dass ich jenen Tag praktisch nonstop am Telefon verbracht habe.

Was ist vom Milchstreik geblieben?

Der Milchstreik ist bei den Abnehmern und Grossverteilern omnipräsent und wird nie vergessen gehen. Diese Demonstration hat es gebraucht, aber wir Bauern haben nichts daraus gemacht. Es gibt keine Verbesserung, im Gegenteil: Die finanzielle Lage der Bauernfamilien im Milchsektor ist prekär und wesentlich schlechter als vor zehn Jahren. Damals haben wir den Milchpreis kurzfristig von 72 Rappen auf 78 Rappen heben können. Heute träumen viele Milchproduzenten von solchen Preisen. Die letzten zehn Jahre waren für uns Bauern verlorene Jahre.

Nach dem Milchstreik 2008 ist der Preis zuerst gestiegen und dann umso tiefer wieder gefallen. Was sagen Sie dazu?
Es handelt sich dabei um reine Machtspiele. Der Milchpreis in der Schweiz wird nicht vom Markt bestimmt, sondern von denen, die in diesem Spiel Macht haben, von den grossen Verarbeitern und vom Detailhandel. Diese schauen schon zueinander. 

Was für Lösungen sehen Sie für den Schweizer Milchmarkt?

Wir müssen aufhören, billige Milch zu produzieren. Solange wir ein System mit C-Milch haben, wird die Situation nicht besser werden. Wir müssen ein Modell etablieren, durch welches eine Überschussproduktion verhindert wird. Es müssten rund fünf bis sechs Prozent weniger Milch produziert werden, und dies geordnet. Das ideale Modell sieht so aus: Der Bauer weiss Anfang Monat, wie viel er für die Milch in den entsprechenden Segmenten bekommt, und entscheidet selbst, ob er die Menge Milch zum entsprechenden Preis liefern will. Dafür braucht es natürlich eine Referenzmenge.

Was gibt Ihnen die Kraft, sich weiterhin für einen fairen Milchpreis einzusetzen?
Wir haben schon öfters überlegt, wieso wir noch weitermachen und ob es nicht besser wäre, einfach aufzuhören. Aber wir können nicht. Die Bauern sind meine persönliche Motivation dafür, seit rund 15 Jahren mit mässigem Erfolg zu kämpfen und weiterzumachen. Ich sehe, wie viele Bauernfamilien unter dem tiefen Preis leiden und wie viele Leute immer wieder an uns gelangen und sich bedanken, dass sie noch jemanden haben, der sich für sie stark- macht. Ich bin der festen Überzeugung, dass Familienbetriebe in unserem Land ihre Berechtigung haben.

Plant Big-M wieder einmal einen Milchstreik?
Ich glaube nicht, dass ein Milchstreik wie vor zehn Jahren noch einmal möglich sein wird. Damals haben wir uns alle zusammengeschlossen und miteinander gekämpft. Mit grossem Elan und in der Hoffnung auf eine Verbesserung für die Zukunft. Doch die letzten zehn Jahre haben keine Verbesserung gebracht, sondern das Gegenteil. Ich denke nicht, dass die Milchbauern noch die Energie haben, um so zu kämpfen. Und das finanzielle Polster ist auf den Betrieben nicht mehr vorhanden, um es sich erlauben zu können, während mehrerer Tage die gemolkene Milch nicht abzuliefern.

Stoppt die Dumpingexporte aus der Schweiz

Unter diesem Motto führt BIG-M zusammen mit Uniterre am Montag, 4. Juni eine Aktion in Bern durch.

Ort: Waisenhausplatz, Bern
Zeit: 13.30 Uhr

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