6.12.2019 15:45
Quelle: schweizerbauer.ch - Melina Gerhard, lid
Milchmarkt
Bauern frustriert: Biomilch deklassiert
Pünktlich auf den Jahresanfang werden hunderte Landwirtschaftsbetriebe in der Schweiz neu biologisch produzieren. Doch nicht alle Produkte lassen sich auch als Bio-Produkte vermarkten. Die Milch ist ein Beispiel davon. Weil die Nachfrage zu klein ist, müssen Umsteiger länger als geplant die Milch zu einem tieferen Preis in den konventionellen Kanal liefern.

Die umstellenden Produzenten wurden an der Regionalversammlung des Vereins Mittelland-Milch erst mündlich und vergangene Woche brieflich über die Situation informiert. So auch Familie Schürch aus Kirchberg BE.

Zweijährige Umstellungsphase

Als Gabi Schürch davon erfuhr, war sie überrascht. "Emmi wird erst ab 1. Januar 2021 Ihre Milch als Biomilch sammeln können" schreibt der Verein Mittelland Milch. Ein Schock für die Familie, die damit gerechnet hatte, ihre Milch ab Juni 2020 als Biomilch abliefern zu können. Denn bereits Anfang 2019 erhielten Schürchs Post mit der Information, dass im ersten Semester 2020 die Milch der neu umgestellten Biomilchproduzenten konventionell vermarktet wird - aufgrund der spärlich wachsenden Nachfrage. 

Wer auf Bio umstellt, durchläuft erst eine zweijährige Umstellungsphase, bis der Hof vollumfänglich als Knospe-Betrieb gilt. Jährlich erlangen immer mehr Betriebe den Knospe-Status, ab 2020 sind es rund 155* Milchproduzenten. Weitere 23 Millionen Kilo Milch, also über 9% des bestehenden Marktes, kämen dazu. Zusätzlich zu den Mengen, die schon 2019 nicht vom Markt aufgenommen werden konnten, seien dies zu viele, schreibt der Verein Mittelland Milch. Das Angebot von Biomilch überschreite für 2020 definitiv die Nachfrage.

*so viele haben 2018 die Umstellungsphase begonnen. Genauere Angaben fehlen bei Bio Suisse. 

Bio ist Einstellungssache

Im Januar 2018 haben Gabi und Beat Schürch angefangen, ihren Milchbetrieb mit Ackerbau auf biologische Produktion umzustellen. Der Entscheid, biologisch zu produzieren, sei damals schon länger gefällt gewesen, sagt das Paar und betont, dass Bio für sie eine Einstellungssache sei. Nebst dem Ackerbau konnten Schürchs 2016 nach langer Planungsphase die Kleinbiogasanlage in Betrieb nehmen.

Der Betrieb der Anlage nahm in den ersten Jahren viel Zeit und Energie in Anspruch. Deshalb entschied sich das Paar, bis 2018 mit der Umstellung zu warten. Entgegen der Empfehlungen von Beratern, die ihnen eine Umstellung bereits Anfang 2017 empfohlen hatten. 

Familie ist frustriert

35 Milchkühe stehen im Stall, etwa 180'000 kg Milch liefern Schürchs jährlich an die Emmi. Für die Bio-Milch bezahlt der Abnehmer 11 Rappen mehr, auf 58.90 Rappen eine beachtliche Summe. Obwohl für sie der höhere Milchpreis nur ein positiver Nebeneffekt und nicht etwa der Hauptgrund für die Umstellung sei, entgehen Schürchs 20'000 Franken pro Jahr. "Es ist absurd"

Für Gabi und Beat Schürch ist es nicht nur die finanzielle Einbusse, die für sie schwierig ist. "Uns Landwirten wird vorgeworfen, dass wir mit unserer Produktion der Umwelt schaden. Wenn wir aber auf Bio umsteigen, kaufen zu wenige unser Produkt. Das ist doch absurd", sagt Gabi Schürch. Es sei frustrierend, dass man sich jeden Tag für eine bessere Produktionsweise einsetze, aber von Aussen wenig Anerkennung dafür kriege.

Konsumenten sensibilisieren

"Der Brief war dann der berühmte Regentropf, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat", erzählt Schürch und spielt auf den Facebook-Post an, den sie unmittelbar nach Erhalt des Briefes verfasst hat. In einer nachdenklichen Nachricht erklärt sie auf der Online-Plattform die Situation und schreibt: "Ein grosser Frust für uns und eine Preisdifferenz!".

Zuletzt adressiert sie Konsumentinnen und Konsumenten und wünscht sich, dass diese nicht nur Bio-Produkte fordern, sondern auch Bio-Produkte kaufen. "Branchenorganisationen ergreifen verschiedene Massnahmen, um den Bio-Absatz zu steigern. Die Branche handelt richtig", ist Schürch überzeugt. Sie wolle niemandem Vorwürfe machen. Es gehe ihr darum, die Konsumenten zu sensibilisieren, sie aufzuklären. 

Schürchs geben nicht auf 

Trotzdem, Schürchs wollen weiterhin Milch produzieren. "Wir haben uns über Jahre weiterentwickelt und werden damit weitermachen. Ich möchte auf jeden Fall eine öffentliche Diskussion anregen", sagt Gabi Schürch. Bereits seit ein paar Jahren setzt sie sich in der vom Kanton initiierten Berner Bio Offensive dafür ein, dass der Absatz von Bioprodukten gesteigert werden können. 

Absatzförderung direkt an Verkaufsstellen

Milchprodukte sind die grössten Umsatzträger im Bio-Markt, schreibt Biosuisse in ihrer Jahresmitteilung. Aber: obwohl 2019 ein Nachfragewachstum eingetroffen sei, würden die nächsten 1-2 Jahre aufgrund der hohen Zahl neuer Knospe-Produzenten kritisch betrachtet, schreibt Bio Suisse auf ihrer Website.

Auch die Umsteller, die ab 2021 Biomilch abliefern könnten sind bereits auf einer Warteliste. Bio Suisse wird im kommenden Jahr die Absatzförderung direkt an den Verkaufsstellen intensivieren und empfiehlt gleichzeitig den Umstell-Interessierten, Abnahmemöglichkeiten direkt bei Biomilchorganisationen abzuklären. 

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