10.04.2014 07:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann, Samuel Krähenbühl
Milchmarkt
«Bei Lactofama Fehlanreize vermeiden»
Stefan Kohler ist seit 100 Tagen Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM). Zur Lactofama hat er Vorbehalte.

«Schweizer Bauer»: Wie haben Sie den Wechsel der Fronten vom Journalisten zum BOM-Geschäftsführer geschafft?
Stefan Kohler: Es ging einfacher, als ich mir gedacht habe. Ich kannte viele Akteure schon von vorher. Ich habe eine gute Zeit zum Anfangen erwischt. Denn im Januar sah es noch aus, als ob sich der Milchmarkt stabil entwickeln würde. 

Jetzt sind bewegtere Zeiten. Die Lactofama wurde gegründet, um saisonale Überschüsse abzuräumen. Warum?
An sich müssten Sie das die Leute fragen, die hinter der Lactofama stecken. Aber so einfach will ich es mir hier nicht machen. Lactofama und die BOM haben das gemeinsame Ziel, dass die Überschüsse keinen negativen Einfluss auf den Milchpreis haben sollten. Ich verstehe die Lactofama als Ergänzung zu unserer Segmentierung. Die Abräumung durch die Lactofama könnte allerdings auch eine künstliche Nachfrage nach Milch schaffen. Das ist der grosse Unterschied zur Segmentierung. Dort wird mit einem tiefen C-Preis das Signal gesetzt, weniger Milch zu produzieren. Die grosse Herausforderung der Lactofama wird es sein, ein System zu finden, das Fehlanreize für eine Mehrproduktion verhindert.

Warum gibt es denn eigentlich noch Überschüsse? Mit der Segmentierung sollte es ja keine Überproduktion geben…
Dass im Januar und Februar viel Milch eingeliefert wurde und es keine C-Milch gab, zeigt die Grenzen des Systems der Segmentierung. Der Grund war, dass man zwei, drei Monate braucht, bis man feststellt, dass tatsächlich zu viel Milch da ist. Man weiss ja jetzt auch nicht, ob wirklich über das ganze Jahr gesehen zu viel gemolken wird oder ob es nicht im Herbst auf einmal zu wenig Milch hat, wie es 2013 der Fall war.

Man hört, dass die Händler ungerne C-Milch ausweisen…
Genau. Noch Anfang März machte ich einen Aufruf an die BOM-Mitglieder mit der Kernaussage: «Ich weiss, ihr kauft nicht gerne C-Milch, aber jetzt ist der Zeitpunkt da, solche auszuweisen.» Die Lactofama war schon seit einigen Monaten im Gespräch. Offenbar warteten viele Marktakteure auf den entsprechenden Entscheid und haben das Ausweisen von C-Milch auch deshalb hinausgeschoben. Man könnte sagen: Solange eine Feuerwehr zum Löschen bereitsteht, braucht es keine Sprinkleranlage. Die Lactofama wäre dabei die Feuerwehr, unsere Segmentierung der Sprinkler.

Herrscht auch für Sie eine saisonale und nicht eine strukturelle Überproduktion?
Man weiss es im Moment einfach nicht. Das ist die Krux am Ganzen. Die Lactofama wurde gegründet, um den Markt ins Gleichgewicht zu bringen. Ob sie je aktiv werden muss, weiss man noch nicht.

Dann funktioniert die Segmentierung doch nicht zufriedenstellend?
Ich wehre mich vehement dagegen, dass wegen des erwähnten Mangels die Segmentierung per se in Frage gestellt wird. Ich bin einverstanden, dass sie im Bereich der freiwilligen Lieferung von C-Milch zeitlich träge funktioniert. Wenn hier die Lactofama helfen kann, die überschüssige A- und B-Milch vom Markt zu nehmen, dann bin ich den beteiligten Organisationen dankbar dafür. Wenn jetzt aber ein Jahr lang 5 oder 10 Prozent Milch zu viel produziert wird, dann kann auch Lactofama nicht helfen. Eine Katastrophe wäre es, wenn wegen allfälliger Fehlanreizen durch die Lactofama strukturelle Überschüsse erst entstehen würden. Ich habe aber grosses Vertrauen in die Lactofama-Verantwortlichen, dass sie sich dieser Problematik bewusst sind.

Die Sanktionskommission soll Verstösse gegen die Segmentierung untersuchen. Macht sie überhaupt etwas?
Die Sanktionskommission ist aktiv und macht eine sehr seriöse Arbeit. Sie muss für die ihnen vorliegenden Fälle zu einem Urteil kommen, das juristisch hieb- und stichfest ist und gleichzeitig dem Sinn und Zweck der Segmentierung entspricht. Das ist gar nicht so einfach. Man muss auch sehen: Die Allgemeinverbindlichkeit für die Segmentierung gilt erst seit Juli 2013. Seither hat sich die Meldedisziplin der Marktakteure wesentlich verbessert. Ich sehe auch den grossen Aufwand, der mit den Meldungen verbunden ist.

Wo setzen Sie jetzt im laufenden Jahr die Schwerpunkte?
Die Allgemeinverbindlichkeit der Segmentierung ist befristet bis 30. Juni 2015. In diesem Jahr müssen wir uns in der BOM Gedanken machen, ob wir beim Bundesrat eine Verlängerung der Allgemeinverbindlichkeit beantragen wollen und welche Verbesserungen wir in dieses System einführen. Ich gehe heute davon aus, dass man dieses System weiterführt. Dass im Grossen und Ganzen die Trennung von A- und B-Segment mithilft, im A-Segment den Preis hochzuhalten, anerkennen alle. Die Milchproduzenten profitieren enorm, dass im A-Segment kein Preisdruck durch die Produkte aus dem B-Segment besteht. Diese Wirkung wird erzielt, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.

Was hält Sie sonst noch auf Trab?
Beim Fonds Marktentlastung sind noch einige Rechnungen offen. Das gibt recht viel Arbeit.

Sind das Mitglieder oder Nicht-Mitglieder, die noch nicht bezahlt haben?
Sowohl als auch. Der Fonds Marktentlastung hat in den zwei Jahren vom Mai 2011 bis April 2013 65 Mio. Fr. eingezogen und für den Abbau der hohen Butterlager eingesetzt. Davon sind 99,65% erledigt. Es ist nur gerecht, wenn die BOM auch die noch offenen 0,35% eintreibt. In der Branche wird aber auch über das Schoggigesetz diskutiert. Im Moment werden die fehlenden Mittel vertikal, um die einzelnen Verarbeiter herum, aufgebracht. Das ist zwar praktikabel, schafft aber gewisse Ungerechtigkeiten, weil nicht alle Produzenten von Industriemilch gleich viel an die Finanzierung beitragen müssen. Es gibt Stimmen, die sagen, das sollte wieder ein Thema für die BOM werden. Andere sagen, das komme nicht in Frage. Diese Diskussion läuft.

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