15.02.2015 07:18
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Samuel Krähenbühl, Daniel Salzmann
Interview
«C-Preis-Stützung auf 38 Rp. ist das Falscheste»
Im Februar 2013 gab Peter Gfeller seinen Rücktritt als Präsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP) bekannt. Zwei Jahre später nimmt er zum ersten Mal wieder Stellung zu seiner Sicht des Milchmarkts heute.

«Schweizer Bauer»: 2013 waren Sie SMP-Präsident. Heute sind Sie wieder vor allem Milchbauer. Wie viel erhalten Sie im Februar voraussichtlich für Ihre Milch ausbezahlt?
Peter Gfeller: Wir haben von unserer Abnahmeorganisation einen Brief erhalten, wonach wir ab Februar 53 Rp./kg erhalten für die Vertragsmilch. Das sind also genau 14 Rappen weniger als vor einem Jahr.

Aber der A-Richtpreis franko Rampe der Branchenorganisation Milch (BOM) ist 68Rp./kg. Warum haben Sie nur 53 Rp./kg?
Man muss den Vergleich vielleicht noch anders machen. Zwischen Februar 2014 und Februar 2015 ist der Preis für Vertragsmilch für uns Aaremilch-Lieferanten um 14 Rp. gefallen. Gleichzeitig ist der Richtpreis nur um 3 Rp./kg, also von 71 auf 68 Rp./kg gesunken. Der Vergleich zeigt, wie gross im Moment das Marktversagen ist. Der Grossteil dieser Differenz ist nicht anders zu erklären.

In der Vertragsmilch der Aaremilch ist aber auch B-Milch enthalten. Und der B-Richtpreis der BOM sank innerhalb des letzten Jahres von 64,4 Rp./kg auf 50,5 Rp./kg.
Es ist  tatsächlich so, dass die Aaremilch nicht in A-, B- und C-Preis abrechnet, sondern in Vertragsmilch und Milch über der Vertragsmenge. Das zeigt exemplarisch  das Problem, das in praktisch allen Milchhandelsorganisationen herrscht: Die Segmentierung wird nicht konsequent gehandhabt. Die C-Milch hat einen Einfluss auf den B-Preis und indirekt sogar auf den A-Preis. Der wegen der internationalen Marktlage gesunkene B-Preis erklärt den Preisrückgang von 14 Rp./kg nie vollständig. Wenn man schon international vergleichen will und den Preisrückgang als Argument nimmt, dann richtig: Im Oktober 2014 hatten wir als Mittelwert in der EU 35,76 Euro pro 100 kg. Im Oktober 2013 hatten wir 39,86 Euro pro 100 kg. Die Differenz betrug also 4Euro pro 100 kg. Oder 4 Cent pro 1 kg Milch. Der Preisrückgang in der EU war also bei Weitem nicht so gross wie bei uns.

Sie möchten, dass die drei Segmente bis zum Produzenten ausgewiesen werden?

Unbedingt. Dass es heute nicht so ist,  ist das grösste Problem, glaube ich. Wegen der grossen Intransparenz im Markt kann man gar nicht beurteilen, wo wir stehen mit dem eigenen Preis. Es bräuchte eine konsequente Anwendung der BOM-Segmentierung in A-, B- und C-Milch, und zwar schon beim Erstmilchkäufer und damit auch beim Produzenten. Um die Segmentierung konsequent durchzusetzen, sodass sie auch eine Wirkung hat, müsste  man eine Referenz nehmen.  Man muss sagen, was die Milchmenge ist, und dann definieren, wie viel im A-, B- und C-Bereich ist. Und jeder Milchbauer müsste  Anfang Monat wissen, wie viel Milch er im A-, B- und C-Bereich zugute hat. Die Menge im C-Bereich müsste freiwillig sein. Er müsste selber beurteilen können, ob er wie aktuell C-Milch für 20 Rp./kg produzieren will oder nicht. Wenn er dies nicht will, darf ihm deswegen keine A-Milch gekürzt werden. Wir haben aktuell eine Intransparenz, wie wir sie noch nie hatten. Wir haben verschiedene Massnahmen und Instrumente, die sich teilweise wieder aufheben.

Sie haben von C-Milch à 20 Rp./kg gesprochen. Dank Lactofama wird Emmi, die grösste Molkerei der Schweiz,  den C-Milch-Preis schon im Februar auf 38 Rp./kg anheben. Was sagen Sie dazu?

Ich war sprachlos, als ich das gelesen habe. Wenn mit der Stützung der Lactofama der C-Preis von 20 Rp. auf 38 Rp. angehoben werden kann,  dann ist das der falscheste Ansatz, den man überhaupt wählen kann.

Warum der falscheste?
Wir haben —  saisonal oder strukturell bedingt — zu viel Milch. Mittelfristig muss es unser Ziel sein, dass die überschüssige Milch gar nicht mehr gemolken wird.  Wenn wir die Milch, die am wenigsten wert ist, wieder aufwerten,  geben wir einen total falschen Anreiz. Und wir kommen überhaupt nie mehr ins Gleichgewicht. Wir sollten so produzieren, dass man die produzierte Milch noch  einigermassen vernünftig verkaufen  kann. Der Verkauf von C-Milch ist nie vernünftig. Im jetzigen Zeitpunkt den C-Preis um 18 Rp. aufzuwerten, ist der total falsche Ansatz.

Die  Lactofama-Aktionäre sagen, dass sie damit indirekt den A- und den B-Preis stützen und verhindern, dass das C-Segment alles herunterreisst.
Die von mir zuvor genannten Zahlen belegen, dass dies absolut obsolet ist. Eine Preisreduktion von 14 Rp. innerhalb eines Jahres bei der Existenz einer Lactofama sowohl 2014 und 2015 beweist, dass dies nicht der Fall ist. Bei einem Richtpreis, der wesentlich höher ist.

Die internationalen Preise auf den Weltmärkten sind aber seit Mitte letzten Jahres rapid gesunken. Ist das kein Argument?

Lassen wir mal die  Auswirkungen der neuen Situation beim Wechselkurses ausser Betracht. Es wird immer wieder vergessen, dass wir beim Fett einen Grenzschutz haben, dass wir eine Verkäsungszulage von 15 Rp./kg verkäste Milch und dass wir einen Rohstoffpreisausgleich übers Schoggigesetz haben (auch wenn die Mittel dafür nicht genügen).  Diese drei Massnahmen sollten dafür sorgen, dass wir 70%  der Milch zu einem wesentlich höheren Preis als in der EU  verkaufen können.

Sie sagen, die Situation sei noch praktisch nie so schlimm gewesen. Was ist der Grund für die desolate Situation?
Die Branche – auch die Produzentenseite – ist in einem gewissen Grad lernresistent. Wir hatten noch nie einen solchen Preissturz innerhalb eines Jahres. Und das bei einem an und für sich guten Instrumentarium an Massnahmen. Aber kein Instrumentarium nützt etwas, wenn es nicht konsequent von vorne bis hinten gelebt wird. Die BOM-Segmentierung wurde nie von vorne bis hinten gelebt.

Ist es überhaupt möglich,  die Segmentierung zu leben?

Ich sehe nur eine Chance: Wenn sich die bäuerlichen Organisationen, die Milch verkaufen, zusammenschliessen. Je mehr Organisationen es gibt, desto schwieriger ist es, eine Massnahme umzusetzen, weil die  Gefahr grösser ist, dass es Abweichler gibt. Und auch wenn die Abweichler in der Minderheit sind, können sie das Gefüge stören, sodass  Instrumente nicht umgesetzt werden. 

Dann sollten die Milchhandelsorganisationen fusionieren?
Der Weg zu mehr Wertschöpfung im Milchmarkt führt ausschliesslich über eine stärkere Bündelung des Angebots. Ausschliesslich! Das ist Voraussetzung, dass die Instrumente der BOM umgesetzt werden können. Sosehr die grössten Milchhandelsorganisationen Ja zur Lactofama sagen, sosehr könnten sie Ja sagen zu einer Bündelung. Zumindest um ein Verarbeitungsunternehmen herum. Diese Forderung besteht seit zehn Jahren. Und seit zehn Jahren ist sie nicht erfüllt. Nach wie vor versuchen alle Milchhandelsorganisationen, ihre Milch für sich zu verkaufen, und sind in Konkurrenz zueinander.

Sie haben die Bündelung als SMP-Präsident aber auch nicht fertiggebracht

Das ist richtig. Wir haben vor dem Ausstieg aus der Kontingentierung überlegt, wo wir den Hebel ansetzen müssen. Wir waren der Meinung, dass eine Bündelung des Angebots das Wichtigste wäre. Wir hatten zwar eine Mehrheit in den Gremien. In den Verkaufsorganisationen wurde dies aber nie umgesetzt. In der praktischen Umsetzung sind wir  gescheitert. Wir müssen uns nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben. Dadurch haben wir auch Gräben aufgerissen. Ich hoffte, dass, nachdem die alte Garde weg ist, etwas Neues entstehen kann. Das war aber leider bisher nicht der Fall.

Dann bewegt sich im Moment nichts in Richtung der Bündelung der Menge?

Ich bin nicht mehr am Puls des Geschehens. Wenn es aber so wäre, dann hätte man das schon lange bei Ihnen im «Schweizer Bauer» lesen können. Die Verkaufsorganisationen sind etwas ratlos. Ihre Grundhaltung ist: «Wir sitzen alle im gleichen Boot.» Das Problem ist nur, dass das Boot von der nachgelagerten Stufe gesteuert wird.

Sind die tiefen Preise und die Intransparenz im Milchmarkt auch die Gründe für Ihren Ausstieg aus der Milchproduktion?
Das wäre zu einfach gesagt. Bei uns sind es vor allem arbeitswirtschaftliche Überlegungen und Fragen der Arbeitsbelastung.  Auch für mich selber. Dass der Entscheid auch begünstigt wurde durch die zunehmend schlechteren Prognosen im Milchverkauf, ist nicht zu leugnen. Wir stellen die Milchproduktion in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres ein.

Sie waren Milchbauer und Viehzüchter mit Leib und Seele. Ist das für Sie nicht ein schwerer Schritt?
Das kann ich wahrscheinlich erst beurteilen, wenn die Kühe weg sind. Im Leben ist es halt so, dass man bestimmte Entscheide fällen muss. Ich war fast 40 Jahre mit Leib und Seele Milchbauer und Viehzüchter, und heute wie vor 40 Jahren gefällt mir die Arbeit mit den Kühen ausserordentlich. Aber jetzt ist der Zeitpunkt da, um einen Strich zu ziehen und aus der Milchproduktion auszusteigen. Nicht jedoch aus der Brown-Swiss-Zucht, die uns ungemein am Herzen liegt. Mein Sohn Simon und ich haben uns entschlossen, dass wir uns auf die Aufzucht von Brown-Swiss-Rindern konzentrieren wollen. Unser Präfix Suissegfeller bleibt daher bestehen. Fünf Suissegfeller-Kühe werden auf dem Zuchtbetrieb von WTS Genetics in Menznau LU untergebracht. Und den Ackerbau werden wir auch behalten.

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