17.04.2020 10:44
Quelle: schweizerbauer.ch - aiz
EU
Coronakrise belastet EU-Milchmarkt
Infolge der Corona-Krise steigt auch der Druck auf die europäische Milchwirtschaft. Die Branche, die EU-Abgeordneten und die Mitgliedstaaten erwarten deshalb Hilfe aus Brüssel. Die EU-Kommission sieht jedoch derzeit keine Möglichkeit zur Finanzierung entsprechender Massnahmen. Im EU-Haushalt 2020 sind keine Reserven vorhanden.

Schon Mitte März hatte der Europäische Molkereiverband (EDA) auf den spürbaren Rückgang der Notierungen für Magermilchpulver aufmerksam gemacht. Mit Beihilfen für die Private Lagerhaltung (PLH) sollte man dem Abwärtstrend entgegensteuern, forderte der Verband in einem Brief an den EU-Agrarkommissar.

Wojciechowski wollte die Forderung im Auge behalten und vertröstete die Branche vorerst. Bei ihrer Sitzung vor Ostern setzte sich zudem die Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten im Sonderausschuss Landwirtschaft für die Öffnung der PLH für Magermilchpulver, Butter und Käse ein. Lediglich Dänemark und die Niederlande lehnten einen Eingriff in den Markt ab. 

Keine Reserven für Marktintervention 

In dieser Woche schlossen sich nun zahlreiche Europaabgeordnete in ihrer Ausschusssitzung der Forderung nach Öffnung der PLH an. Diesmal erklärte der EU-Agrarkommissar die Gründe für sein Zögern: "Im EU-Haushalt 2020 gibt es keine Reserven mehr für die Marktintervention", stellte Wojciechowski im Ausschuss fest. Er wäre zwar mit einer Preisstützung einverstanden, könne sie aber aus haushaltstechnischen Gründen nicht veranlassen. 

Dem gegenüber appellierte der französische Landwirtschaftsminister Didier Guillaume diese Woche in einem Brief an den EU-Agrarkommissar, man dürfe mit den Lagerbeihilfen nicht länger warten. Weil Brüssel noch mauert, geht Frankreich inzwischen einen eigenen Weg bei der Stützung seines Milchmarktes. Die Interprofession der französischen Milcherzeuger (CNIEL) bietet ein freiwilliges Herauskaufprogramm an. Allerdings muss die EU-Kommission das Programm, mit dem die Angebotsspitze in Frühjahr abgeflacht werden soll, noch genehmigen. 

Notierungen deutlich gesunken 

Die Milchmarkt-Beobachtungsstelle der EU-Kommission weist in ihrer jüngsten Statistik darauf hin, dass die Erzeugermilchpreise im März 2020 noch relativ stabil geblieben sind. Ein deutlicher Rückgang zeigt sich jedoch bei der Notierung für Spotmilch. Diese lag am 12. April in Lodi (Italien) nur mehr bei 30,5 Cent je kg (32,1 Rp.) - im März waren es noch 35 Cent (36,8 Rp.) und im Februar rund 38 Cent (40 Rp.). Die Verringerung fällt somit deutlicher aus als die übliche saisonale Abwärtstendenz. 

Die Kurse für Standard-Milchprodukte tendieren am EU-Markt weiter nach unten. Den Angaben der Kommission zufolge lag die Notierung für Butter am 12. April 2020 im EU-Schnitt bei 300 Euro/100 kg (316 Fr.), das bedeutet gegenüber dem Vormonat ein Minus von 12%. Magermilchpulver notierte im EU-Mittel bei 197 Euro/100 kg (207 Fr.), was einem Rückgang von ebenfalls 12% entspricht. Vollmilchpulver gab gegenüber dem Vormonat um 6% auf 268 Euro/100 kg (282 Fr.) nach. Annähernd stabil ist die Notierung von Cheddar-Käse mit 299 Euro/100 kg (315 Fr.) (-2%). 

US-Anbieter verschärfen Wettbewerb 

Am Weltmarkt sind die EU-Milchverarbeiter trotz dieser deutlichen Kursverringerungen derzeit nicht wirklich wettbewerbsfähig. In den USA sind die Notierungen für diese Milchprodukte allein in den letzten zwei Wochen noch wesentlich stärker gefallen als in Europa oder Ozeanien: Bei Butter sanken die US-Preise im Schnitt um 22,6%, bei Cheddar-Käse sogar um 36,8%, bei Magermilchpulver um 8,8% und bei Vollmilchpulver um knapp 10%.

Die US-Produzenten können somit die meisten dieser Erzeugnisse global am billigsten anbieten, nur bei Vollmilchpulver sind die EU und Ozeanien noch günstiger als die USA. 

Rabobank erwartet drei "Marktwellen"

Laut einer Prognose der Rabobank kommen in den nächsten zwölf Monaten insgesamt drei "Marktwellen" auf die globale Milchbranche zu. Die erste Phase sei von Panikkäufen im Lebensmitteleinzelhandel als Folge der eingeschränkten Mobilität der Konsumenten geprägt. Während der zweiten Welle werde diese erhöhte Nachfrage zurückgehen, dies könne in der Folge zu Lageraufstockungen und Preisrückgängen führen.

In der Phase drei rechnen die Fachleute mit einem anhaltenden Preisdruck aufgrund einer erwarteten globalen Rezession, berichtet die "agrarzeitung" online. Die Analysten begründen ihre pessimistische Prognose unter anderem mit der schwächeren Nachfrage der Gastronomie, weil der Ausser-Haus-Konsum im Zuge der Corona-Pandemie stark rückläufig sei. 

Lichtblick Neuseeland 

Einen Lichtblick am Weltmilchmarkt gibt es in Neuseeland: Die Preise für Milcherzeugnisse sind an der internationalen Handelsplattform GlobalDairyTrade vergangene Woche - erstmals seit Anfang Februar - nicht mehr gefallen, sondern leicht gestiegen. Der GDT-Gesamtindex, in dem eine Bandbreite von verschiedenen Milchprodukten und Kontrakt-Zeiträumen zusammengefasst ist, legte um 1,2% zu. Während bei Magermilchpulver die mittlere Notierung gegenüber dem vorherigen Event leicht nachgab (-0,8%), konnten die Preise für andere Produkte zulegen (zum Beispiel Vollmilchpulver +2,1%, Butter +4,5%, wasserfreies Milchfett +0,4%). 

Mike Cronin, Manager beim Molkereiriesen Fonterra, erklärte, dass chinesische Käufer offensichtlich an die GDT zurückgekehrt seien, was sich vor allem im gestiegenen Kurs für Vollmilchpulver zeige. Dies sei hoffentlich ein Zeichen, dass sich die Wirtschaft in der Volksrepublik auf dem Weg zur Normalität befinde. 

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