1.09.2013 06:16
Quelle: schweizerbauer.ch - Jonas Ingold und Markus Rediger, lid
SMP
«Die ganze Wertschöpfungskette Milch würde massiv verlieren»
Hanspeter Kern, seit drei Monaten Präsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP), über eine weitere Liberalisierung des Milchmarktes, die Folgen der neuen Agrarpolitik für die Milchbauern und Exportmöglichkeiten in Asien.

Die Lage am Milchmarkt ist für die Bauern besser als auch schon: Derzeit muss keine Butter im Ausland verramscht werden, die Preise für Milch steigen. Eine gute Ausgangslage für die neue SMP-Verbandsspitze.
Hanspeter Kern: Milch ist derzeit gesucht. Die Produzenten lösen höhere Preise für ihre Milch. Das ist dringend nötig. Verarbeiter werden gezwungen, ihre Produktpalette so auszurichten, dass sie eine gute Wertschöpfung haben. Davon profitieren schliesslich alle, inklusive der Konsumenten. Und natürlich ist es einfacher einen Verband zu führen, wenn die Preise rauf- statt runtergehen.

Mit Kurt Nüesch hat der SMP-Vorstand den bisherigen stellvertretenden Direktor zum Direktor ernannt. Auch sie waren vor ihrer Wahl zum Präsidenten bereits im Vorstand vertreten. Ist die interne Besetzung Stillstand oder ein Vorteil?
Nach der Aufregung, die wir Anfang Jahr gehabt haben, ist es für den Verband gut, wenn er sich ruhig und pragmatisch neu organisieren und das Vertrauen innerhalb der internen Gremien wieder festigen kann. Derzeit überdenken wir unsere Strategie. Zudem tritt ab nächstem Jahr eine neue Agrarpolitik in Kraft, was uns stark fordern wird. In solchen Zeiten ist es für den Verband gut, wenn man auf bewährte Kräfte setzt. Die Vorstandssitzungen verlaufen gut, die Mitglieder ziehen alle am gleichen Strick. Die Zerrissenheit, die von den Medien anfangs Jahr thematisiert wurde, gibt es nicht.

Der Grat zwischen Über- und Unterversorgung des Milchmarktes ist schmal. Die SMP wollte die Menge deshalb stets zentral steuern, die Politik lehnte aber ab. Sind diese Pläne nun vom Tisch?
Es gibt heute keine Instrumente, um aktiv in die Mengensteuerung einzugreifen. Unsere Aufgabe ist es, den Milchproduzenten und deren Organisationen möglichst präzise Informationen über den Milchmarkt zu liefern, damit die Bauern ihre Produktion entsprechend ausrichten können.

Die Milchproduktion ist im ersten Halbjahr 2013 gesunken. Ein kurzfristiger Trend?
Alle Vorzeichen deuten heute daraufhin, dass die Milchproduktion nicht innert Kürze wieder stark zunehmen wird. Einerseits aufgrund des tiefen Kuhbestandes. Andererseits aufgrund des qualitativ schlechten Futters. Die derzeit höheren Preise werden einzelne Bauern eventuell motivieren, wieder mehr Milch zu produzieren. Aber: Die Milchproduktion wird mittelfristig nicht in unkontrollierbare Höhen steigen. Die künftigen agrarpolitischen Rahmenbedingungen fördern die Milchproduktion nicht.

Sie sprechen die AP 2014/17 an. Werden Milchbauern vermehrt aussteigen, weil sie mit weniger Aufwand mehr verdienen können?
Auch in Zukunft werden diverse Produzenten aussteigen. Einige werden das tun, weil sie merken, dass man mit der neuen AP mit weniger Arbeit gleich viel verdienen kann. Dazu kommt der Generationenwechsel: Bevor ein Jungbauer einen Hof übernimmt, wird er sich fragen müssen, ob er noch Milch produzieren will und kann. Stimmt mein Stundenlohn noch? Diese Entscheidung wird in einzelnen Fällen unter Umständen zu Ungunsten der Milchproduktion ausfallen.

Die EU hebt 2015 die Kontingentierung auf. Und in der Schweiz wird über eine Marktöffnung der Weissen Linie (Anm. d. R.: Darunter fällt unter anderem Trinkmilch, Joghurt etc., Käse wird als Gelbe Linie bezeichnet) debattiert. Was würde das für die Bauern bedeuten?
Man geht heute davon aus, dass die Quotenaufhebung keine grossen Auswirkungen auf die Milchmenge haben wird. Heute wird die Quote gesamteuropäisch nicht ausgeschöpft. Wir werden in Zukunft nur wettbewerbsfähig sein, wenn die Betriebe weiter wachsen. In ein paar Jahren wird man feststellen, dass es zumindest im Talgebiet keine mittleren Betriebe mit 10 bis 20 Kühen mehr gibt. Ob das die Konsumenten wollen, bezweifle ich allerdings. Aber die Politik gibt klar einen Wachstumskurs vor. Heute wird insbesondere im Talgebiet nur noch in Ställe investiert, die für 50 und mehr Kühe Platz bieten. Betreffend Öffnung der weissen Linie: Wir werden dazu im September eine Studie präsentieren, die wir in Auftrag gegeben haben. Die ganze Wertschöpfungskette Milch wird massiv verlieren.

Viele westliche Firmen versuchen derzeit, im Wachstumsmarkt China Fuss zu fassen. Kann auch die Schweizer Milchbranche vom Boom in Asien profitieren?
Heute gibt es einzelne Firmen, die ihr Glück in Asien suchen. Ich glaube, dass Schweizer Milchprodukte in Asien Chancen haben, aber nur im Top-Segment. Die Käuferschicht, die sich dort hochpreisige Schweizer Produkte leisten kann, ist zwar noch klein, aber sie wächst. Im Ausland redet man von Schweizer Uhren und Käse. Käse ist beste Imagewerbung für die Schweiz. Wir exportieren nicht nur Käse, sondern auch Sympathien.

Bei den Verkäufen von Konsummilch legen die Discounter zu, die klassischen Detaillisten verlieren Marktanteile. Was hat dieser Trend hin zu tieferen Konsumentenpreisen für Auswirkungen auf die Milchproduzenten?
Auf die Preisgestaltung der Detaillisten haben wir keinen Einfluss. Wenn es den Discountern gelingt, ein Produkt mit weniger Marge zu verkaufen, den Produzenten aber gleich viel bezahlen wie die übrigen Detaillisten, haben wir nichts dagegen. Was nicht passieren darf ist, dass der Druck an die Produzenten weitergegeben wird. Wir sind der Meinung, dass ein hochstehendes Produkt wie Milch mehr kosten darf als Mineralwasser.

Sitzen Bauern und Verarbeiter im selben Boot?
Ja, alle Akteure der Wertschöpfungskette sitzen im gleichen Boot. Die Produzenten sind verpflichtet, ein hochstehendes Produkt herzustellen. Die Verarbeiter hingegen sollen dieses zu guten Preisen verkaufen. Dann haben alle ihren gerechten Anteil. Die Milchpreise müssen fair sein. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Was zählt, ist die Wertschöpfung.

Was sind die künftigen Herausforderungen der SMP?
Eine der grossen Herausforderungen wird sein, dass wir die Milchproduktion in der Schweiz auf dem heutigen Niveau halten können. Wir werden weiterhin mit unseren Marketing-Anstrengungen auf die gesundheitlichen und natürlichen Aspekte der Milch hinweisen. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass der Milch-Konsum auf dem derzeit hohen Level bleibt.

Was erwarten Sie von den Konsumenten?
Wir sind überzeugt, dass Konsumenten bereit sind, für Swissness mehr zu bezahlen. Unsere Produkte sind qualitativ hochwertiger und die Produktionskosten höher als im Ausland.

Milchbauer und Winzer
Hanspeter Kern ist seit rund drei Monaten Präsident der SMP. Der 59-jährige Meisterlandwirt bewirtschaftet in Buchberg SH einen Landwirtschaftsbetrieb mit Ausrichtung auf Milchwirtschaft, Viehzucht und Rebbau. Kern folgte auf Peter Gfeller, der – zusammen mit Direktor Albert Rösti – im Frühjahr 2013 wegen Querelen im Verband das Handtuch warf. Seit Ende August haben die SMP wieder einen Direktor: Kurt Nüesch. Der 61-jährige Agronom ist seit 1984 für den Verband tätig. lid

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