15.12.2017 08:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Adrian Haldimann
Milchmarkt
«Die guten Zeiten sind vorbei»
Neben der Vorstellung der neuen Marke «Die faire Milch» zeigte Präsident Martin Haab an der BIG-M Generalversammlung die Situation auf dem europäischen Milchmarkt auf.

«Wir haben in 100’000 Stück Liter-Milchpackungen investiert, weil wir davon ausgingen, in einem Jahr rund diese Menge Milch zu vermarkten. Jetzt sieht es so aus, dass wir nach einem halben Jahr wieder bestellen müssen.» Martin Haab, Präsident der Bäuerlichen Interessen-Gruppe für Marktkampf (BIG-M) zeigte sich erfreut darüber, wie «Die faire Milch» in den Regalen von elf Volg-Läden im Säuliamt seit zwei Wochen Anklang findet. 

«Detailhändler und Milchverarbeiter glaubten nie daran»

Im Bezirk sei «Die faire Milch» das Gesprächsthema. Und 50 Prozent der in den Läden verkauften Milch sei «Die faire Milch», teilte Haab als Initiant des Projektes mit. Zusammen mit 42 weiteren Genossenschaftsmitglieder aus dem Bezirk Säuliamt vermarktet Haab Milch mit einem kostendeckenden Produzentenpreis. Die Genossenschaft lässt die Milch der eigenen Betriebe durch den Transporteur der Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) an die Molkerei Höhn (Hirzel) zusammenführen.

Die Vollmilch wird homogenisiert, pasteurisiert, verpackt und an die Landi verkauft. «Wir haben das Glück, dass wir im Säuliamt eine sehr starke Landi haben», so Haab über die erfreuliche Ausgangslage. Die Botschaft der grossen Detailhändler und Milchverarbeiter sei immer gewesen, dass solche Milch niemand kauft. «Wenn wir den Beweis erbringen können, dass fair bezahlte Milch einen Absatz findet, haben wir wieder eine Chance für Diskussionen mit den Grossverteilern», so Haab.

«Unsere Idee ist kopierbar»

«Die faire Milch» ist eine Marke der European Milk Board (EBM), die sich für eine dauerhafte Stabilität einer flächendeckenden, nachhaltigen Milcherzeugung und Milchwirtschaft in Europa stark macht. Die Initianten der BIG-M für faire Milch haben sich daran orientiert, wie es die Bauern in Belgien gemacht haben, die sich ebenfalls in einer Genossenschaft organisierten. «Wir haben es als zielführender Weg angesehen, dass wir das Heft selber in die Hand nehmen und versuchen, die Milch von einer gewissen Anzahl Bauern zu vermarkten», so Haab zur konkreten Umsetzung des Projektes.

Die Genossenschaft zahlt der EBM für die Lizenznutzung 1 Rappen pro Liter fair verkaufter Milch. Der Mehrerlös von rund 25 Rappen pro Liter verkaufter Milch wird pro Jahr mit gleichem Anteil an die 43 Bauern ausbezahlt, die je einen Anteilsschein im Wert von 1000 Franken gezeichnet haben. Sollte die Marke «Die faire Milch» in andere Regionen expandieren, sei es wahrscheinlich, dass eine Mitgliedschaft bei BIG-M erforderlich wird, um die Organisation und die Beitragszahlungen an die EBM zu vereinfachen, so Haab. «Unser Projekt ist kopierbar in andere Regionen.» Die Marke «Die faire Milch» könne genutzt werden, allerdings müsse ein kostendeckender Milchpreis garantiert sein, meinte Haab zu den Kriterien.

«Die guten Zeiten sind wieder vorbei»

«Der Milchpreis sei im vergangenen Jahr in der europäischen Union (EU) extrem stark gestiegen». Haab teilte seine Erkenntnisse mit, die er an der europäischen Jahresversammlung Ende November im Norden von Spanien sammelte. Der Milchpreis sei in gewissen Ländern in den letzten 15 Monaten um 50 Prozent gestiegen. «Aber auch dort sind die guten Zeiten bereits wieder vorbei. Es wird vermutet, dass der Milchpreiszerfall extrem schnell sein wird.» So produziere Irland zur Zeit 13 Prozent und Holland auch fast 10 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. In Holland sei davon ausgegangen worden, dass die neue Obergrenze für Phosphor in der Düngerbilanz zu tieferer Milchmenge führe. Geschehen sei das Gegenteil, weil das Jungvieh nach Deutschland ausgelagert werde.

Als vor zwei Jahren der Milchpreis in der EU ganz tief war, habe diese interveniert und Milchpulver mit einer Gesamtmenge von 109’000 Tonnen eingelagert. Gesamthaft seien 270’000 Tonnen Milchpulver an Lager gewesen, so Haab. In der Zeit, wo der Milchpreis höher war, wurde wieder ausgelagert., allerdings nur etwa 15000 Tonnen. Aktuell seien immer noch über 250’000 Tonnen an Lager. Haab stellte sich der Frage, was passieren wird: «Jetzt hat die EU Angst, dass der Milchpreis bis zur Interventionsschwelle sinken könnte. Denn dann müsste von Gesetzes wegen wieder Milchpulver eingelagert werden. Nur sind aktuell alle Lager voll und alleine die Lagerkosten im ersten Halbjahr 2017 betrugen über fünf Millionen Euro.»

Nun wurde vom EU-Landwirtschaftsminister Phil Hogan beschlossen, dass es keine Einlagerungsaktion mehr geben wird. Das heisst, dass der Milchpreis ins bodenlose sinken wird. «Ich habe Angst vor dem Zustand, wenn der Milchpreis in Europa in den nächsten zwölf Monaten wirklich tief fallen sollte, auch die Preise in der Schweiz sich wieder nach unten bewegen werden», führte Haab aus.

Vorzeigebetrieb in Spanien

Haab sammelte einige Eindrücke während dem Besuch eines Vorzeigebetriebes in Spanien und gab diese wie folgt weiter: «Mir standen die Haare zu Berge als ich sah unter welchen Umständen in Europa Milch produziert wird. Das können wir uns gar nicht vorstellen, obschon uns immer wieder erzählt wird, dass auch Europa ein Gewässer- und Tierschutzgesetz hat. Wenn man solches sieht, muss man sich schon fragen, mit was wir alles geknechtet werden. Gewisse Leute fordern von der Schweizer Landwirtschaft den Perfektionismus. Es sind genau die gleichen Leute, die offene Grenzen verlangen. Wenn ich aber sehe, wie am Beispiel in Spanien der Käse hergestellt wird und wo die Gülle hinfliesst, dann sehe ich schon gewisse Fragezeichen.» 

Auf welchen kostendeckenden Preis sich die BIG-M für «Die faire Milch» stützt und wie sich dieser zusammensetzt, lesen Sie im «Schweizer Bauer» vom 16. Dezember.

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