16.12.2012 07:31
Quelle: schweizerbauer.ch -
Milchmarkt
«Die Marktentlastung kostete das Doppelte»
Roland Werner, Präsident der ThurMilchRing AG will eine Grenzöffnung des ganzen Milchmarktes prüfen.

«Schweizer Bauer»: Die Butterlager sind tief, dennoch scheinen, anders als Sie befürchtet haben, keine Importe nötig zu sein.
Roland Werner:
Ich habe immer gesagt, es werde sehr knapp und es könne sein, dass Importe nötig sind. Ich bin aber immer davon ausgegangen, dass die Verantwortlichen alles tun werden, um solche zu verhindern. Denn Butterimporte wären nach dem mühsamen Butterbergabbau eine riesige Lachnummer.

Ist das Buttermanko nach der Weihnacht kein Thema mehr?
Nach der Weihnacht sinkt der Konsum, und die Lager werden leicht steigen. Sicher wird man aber auch im Frühling nicht mehr so viel überschüssige Butter haben wie dieses Jahr. Ich rechne damit, dass wir im kommenden Sommer einen normalen Lagerbestand in der Höhe von etwa 4000 Tonnen haben. So viel, wie wir eben ungefähr brauchen.

Die Butterbergproblematik ist also gebannt?
Das hängt davon ab, ob wir erneut Anreize zur Bildung von Butterlagern schaffen werden. Wenn wir Bauern den Verarbeitern nach wie vor garantieren, dass wir die Überschussverwertung bezahlen, werden wir rasch wieder über den Butterberg diskutieren. Wenn wir die Überschüsse künftig nicht mehr finanzieren, werden keine entstehen. Dann würde die Segmentierung wohl ausreichen. Denn kaufen die Verarbeiter Überschüsse zum C-Preis ein, kann man diese ohne Entlastungsfonds exportieren.

Hat man denn zu rasch zu viel Butter exportiert?
Man stellte den Butterexporteuren in Aussicht, die Ausgleichszahlungen zu reduzieren – was dann auch geschah. So hatten die Butterproduzenten ein grosses Interesse, möglichst rasch viel Butter zu exportieren. Interessant dabei ist auch, dass die Butterfabrikanten zuvor immer sagten, es sei ein logistisches Problem, viel Butter zur selben Zeit zu exportieren. Plötzlich, als klar wurde, dass ab Sommer 2012 das Geld aus dem Marktentlastungsfonds nicht mehr so reichlich fliessen wird, konnten sie allein im Mai aber ganze 3000 Tonnen über die Grenze schaffen.

Sie kritisierten seit je diese Kässelipolitik. Das muss Wasser auf Ihre Mühle sein?
Ja, so kann das nicht weitergehen. Ich bin der Auffassung, dass die Kässelipolitik jetzt aufgegeben werden muss. Will man dennoch an ihr festhalten, müssen die Exporthilfen an strengere Bedingungen gebunden werden. Die falschen Anreize, welche die Fonds immer begleiten, müssen zwingend beseitigt werden

Hinter den Kulissen wird darüber diskutiert, ob die Produzenten in Zukunft Überschüsse selber aufkaufen und dann zu einem günstigen Zeitpunkt exportieren.
Diese Idee habe ich in einer Arbeitsgruppe eingebracht. Schliesslich soll, wer bezahlt, auch sagen können, wann wie viel exportiert wird. Beim aktuellen System haben die Geldempfänger einen viel zu hohen Einfluss, was wann mit den Mitteln geschieht. Die Industrie wehrt sich aber gegen jede Form eines solches Systems. Sie fürchten, dass die Produzenten plötzlich etwas zu sagen hätten. Den Milchproduzenten fehlt aber das nötige Selbstvertrauen, ein solches System gegen den Willen der Verarbeiter durchzusetzen.

Man kann die  Butterexporte nicht nur schlechtreden. Schliesslich zeigen sie jetzt über die steigende Nachfrage nach Milch ihre Wirkung.
Das mag sein, doch hätte man den Butterberg schon im Vorjahr abbauen können. Dass es zu wenig Milch hat, hat vor allem mit den tiefen Milchpreisen und dem schlechten Grundfutter zu tun. Und die Gewissheit, dass die Bauern die Überschüsse entsorgen, ja die Lagerhalter gar für ihre Lagerkosten entschädigen, führte dazu, dass die Verarbeiter über die letzten drei Jahre immer zu viel Milch unter Vertrag nahmen und Überschüsse anhäuften. Dass die Lager abgebaut wurden, dafür tragen aber auch die Kläger gegen die Marktentlastung Verantwortung.

Die Kläger?
Ja, sie handelten mit der Branchenorganisation Milch (BOM) einen Vergleich aus. Damit wurde erstmals Licht ins Dunkel der Butterlager gebracht.

Glaubt man Ihrer Prognose, wird es im Frühling  keinen grossen Butterberg mehr geben. Weshalb bezahlen denn die Bauern immer noch in den Fonds ein?
Dieses Geld braucht es noch, um den Lagerhaltern die zugesagten Exportbeiträge zu bezahlen. Der erfolgte Export des überschüssigen Milchfettes kostete nicht 30 Mio. Franken, sondern rund 60 Mio. Die BOM schuldet den Exporteuren also noch Geld. Um diese Schulden zu bezahlen, müssen die Bauern weiter in den Fonds einzahlen.

Sie forderten schon vermehrt einen Paradigmenwechsel bei der Milchpolitik. Was müsste sich ändern?
Das Hauptproblem ist, dass die weisse und die gelbe Linie nicht gleich behandelt werden. Wir haben parallel viele verschiedenen Systeme und eine Mischform zwischen Markt- und Planwirtschaft. Man muss sich gut überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, bei der Molkereimilch den Grenzschutz abzubauen und ähnlich wie beim Käse eine Art Verkäsungszulage auf der ganzen Milch zu entrichten. Dies würde viele Probleme lösen. Und wenn ich schaue, wie viele Molkereien im Umkreis von 250 km meines Betriebes liegen, würde dies zu einem grösseren Wettbewerb der Verarbeiter um die Milch führen.

Sie möchten also einen Direktzahlungsbeitrag je Kilo Milch?
Das wäre mir am liebsten. Vielleicht wäre es aber politisch nicht mehrheitsfähig. Mehrheitsfähig wäre wohl eine Milchkuhprämie. Eine solche würde auch keine Anreize für eine intensive Produktion schaffen.

Sie wollen also den Molkereien unsere Milch zum EU-Preis liefern und den Bauern eine Swissnessprämie durch den Bund bezahlen lassen?
Wir sprechen hier nicht von einer Swissnessprämie, sondern von einer Ausgleichszahlung für das höhere Kostenumfeld wie wir sie heute schon in anderen Bereichen kennen, als Beispiel erwähne ich den Zuckerrübenanbau. Unsere Molkereien erklären immer wieder, ein grosses Problem heute sei der teure Rohstoff. Bei genauerer Betrachtung stimmt dies nicht. Wenn wir vom heute  bezahlten Milchpreis die direkte Stützung (Verkäsungszulage usw.) und die indirekte Stützung (Grenzschutz) abziehen, kommen wir bei viel Milch auf einen tieferen Preis als den durchschnittlichen Preis in den umliegenden Ländern. Und wenn sie diesen Preis nicht bezahlen, bringen wir die Milch über die Grenze. Das ist Markt.

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