5.01.2014 11:25
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Samuel Krähenbühl
Interview
«Die Segmentierung ist eine Baustelle»
Daniel Gerber ist per Ende Jahr als Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM) zurückgetreten und wird neuer Geschäftsführer der Suisselab. Er blickt auf seine knapp vierjährige Tätigkeit bei der BOM zurück.

«Schweizer Bauer»: Sie waren knapp vier Jahre BOM-Geschäftsführer. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?
Daniel Gerber: Man ist in der Branche näher an die Marktrealität gekommen. Denn am Anfang waren die Erwartungshaltungen gross. Der Bund zog sich aus der Regulierung weitgehend zurück. Die Erwartung war, dass die BOM die Regulierungslücke auffüllt. Man beschloss beispielsweise eine Mengensteuerung. Diese Beschlüsse waren rückblickend gesehen weder rechtlich noch von der Interessenlage eines Teils der Mitglieder her überhaupt umsetzbar. Heute stellt man sich eher die Frage nach dem Machbaren.

Was haben Sie nicht erreicht?
Ich persönlich hätte gerne erreicht, dass man stärker auf der Konsensebene Beschlüsse gefällt hätte. Man hatte mehrmals Beschlüsse für Instrumente wie etwa den Interventionsfonds oder den Marktentlastungsfonds gefällt, welche umgesetzt wurden und gut funktionierten, dann aber kontrovers diskutiert und schlussendlich wieder abgeschafft wurden. Die bestehenden Maximalforderungen aus verschiedenen Ecken waren oft nicht mit der erforderlichen Kompromissbereitschaft verbunden. Die Umsetzung der gefällten Beschlüsse war folglich nicht immer wunschgemäss.

Die Milchpreise haben sich seit einem Jahr erholt. Trotzdem sind die Stundenlöhne nach wie vor tief. Was raten Sie einem jungen Bauern: Soll er noch in die Milchwirtschaft investieren oder nicht?
Die Wertschöpfung definiert sich am Verkaufspunkt. Letztendlich ist entscheidend, was mit der Milch passiert. Die Frage kann man deshalb nicht allgemein beantworten. Es gibt Produzenten, welche in einer Wertschöpfungskette sind, in der sie nach wie vor Geld verdienen. Wenn man eine solche Perspektive hat, dann sollte man unbedingt Milch produzieren. Der junge Bauer soll primär Unternehmer sein und die Betriebsrechnung so machen, dass er eine saubere Entscheidungsgrundlage hat. Es ist eine Realität, dass heute viele Milchbauern in einer wirtschaftlich schwierigen Situation sind. Deshalb muss sich ein junger Bauer fragen: Was bietet mir der Markt als Rohstoffproduzent? Dort gibt es Beispiele, wo die Rechnung durchaus aufgehen kann.

Bauernverbandspräsident Markus Ritter hat vorgerechnet, dass der Milchpreis um etwa 7Rp./kg steigen müsste, um die wegen der AP 2017 wegfallenden Tierbeiträge  zu kompensieren. Da reicht doch die Erhöhung von 2 Rp./kg auf 1. Januar hinten und vorne nicht…
Die AP 2017 ist ein weiterer konsequenter Schritt im Liberalisierungsprozess. Seit 15 Jahren geht die Entwicklung immer mehr in Richtung Markt. Nach dem Primat der Politik haben wir heute das Primat des Marktes. Und die neue AP ist da konsistent. Mit dem erforderlichen Marktfokus muss sich jeder die Frage stellen, was die neue Ausgangslage bietet. Hier ist Unternehmertum, Flexibilität und Kreativität gefragt.

Schweizer Bauer: Mit der AP 2017 kann man vor allem Geld verdienen, wenn man sich von der Produktion in Richtung Ökologie bewegt. Könnte dies für die Milchwirtschaft nicht ein Problem geben, wenn zu viele Bauern die Produktion zurückfahren?
Daniel Gerber: Es besteht eine gewisse Gefahr, dass mit der Agrarpolitik viele auf die Extensivierung setzen. Das ist insofern eine Gefahr, als dass man von politischen Entscheiden abhängig ist. Ich schliesse nicht aus, dass der volkswirtschaftliche Nutzen der soeben beschlossenen Extensivierung bzw. das Ausmass der dafür vorgesehenen Direktzahlungen in einer nächsten politischen Runde wieder infrage gestellt wird. Wenn hier Mittel gekürzt werden, steht dann manch einer wieder mit dem Rücken zur Wand. Ich persönlich möchte im Rahmen der unternehmerischen Möglichkeiten Entscheide fällen, anstatt mich von politischen Entscheiden abhängig zu machen.

Noch immer funktioniert die  Segmentierung nicht richtig. So hat beispielsweise die Cremo ein Milchpreissystem, das mit dem Reglement nicht konform ist. Wann wird sie endlich durchgesetzt?
Ich rede hier nicht über Segmentierungssysteme einzelner Marktakteure. Aber Sie haben recht: Die Segmentierung ist eine Baustelle. Man hat zwar wesentliche Verbesserungen erreicht. Die Frage ist: Erreicht man mit der Segmentierung die gewünschte Wirkung? Und die Wirkung muss letztendlich sein, einen Preiszerfall bei einer Überproduktion zu verhindern. 2013 hatten wir eine komfortable Mengensituation. Mich irritiert deshalb, dass man nicht nach Lösungen gesucht hat, bevor wieder eine Überschusssituation entstehen wird. Für mich stellt sich nicht die Frage, ob eine neue Überschusssituation entstehen wird, sondern wann sie entstehen wird. Und dann wird man reagieren müssen, sei es über die Segmentierung, sei es über andere Instrumente. Ich bin nicht so zuversichtlich, dass man genügend gewappnet ist, um eine neue Preiserosion zu verhindern.

Die Frage der Grenzöffnung wird weniger heiss diskutiert als auch schon. Bleibt die Öffnung der weissen Linie für Sie eine Perspektive?
Es geht mit dem aktuellen Kenntnisstand nicht um die Frage, ob man für oder gegen eine Öffnung der weissen Linie ist. Sondern es geht um Rahmenbedingungen, damit man nicht den Mehrpreis von 18 bis 20 Rp./kg Milch in der Schweiz opfert. Die Frage ist, welche Kompensationsmöglichkeiten es gibt. Ich möchte, dass man diese Diskussion offen, kreativ und lösungsorientiert führt und nicht in einem Abwehrreflex die Diskussion blockiert. Eins ist klar: Die Tendenz geht in Richtung Grenzöffnung. Und folglich besteht die Gefahr, dass wir sonst auf einmal vor vollendete Tatsachen gestellt werden.

Wie müssten die Rahmenbedingungen aussehen?
Es müsste eine produktbezogene Stützung sein, welche die Wertschöpfung in der Schweiz erhält. Es geht schlussendlich um die 18 bis 20 Rp./kg, welche die Schweizer Milchbauern noch immer mehr erhalten als ihre Kollegen im Ausland.

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