19.04.2017 18:20
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Milchmarkt
«Ein Drittel hat ruinöse Preise»
Die Delegiertenversammlung der Schweizer Milchproduzenten (SMP) hat am Mittwoch in Bern einstimmig beschlossen, die Beiträge für die Interessenvertretung zu sinken.

1. Organisation SMP

SMP-Beiträge gesenkt

Die Beiträge der Milchproduzenten für die Interessenvertretung werden von 0,19 Rp./kg auf 0,17 Rp./kg gesenkt. Dafür hatten die Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) dafür Druck gemacht. Laut SMP-Präsident Hanspeter Kern ist dies möglich wegen tieferen Zahlungen an den SBV, wegen Sparmassnahmen (z. B. nur noch 1 statt 2 DV), wegen grösseren Erträgen aus den Finanzanlagen und etwas weniger Ausgaben fürs Personal. Für einen Milchbauern mit 100'000 kg produzierter Milch macht dies im Jahr 20 Franken aus, die er im Portemonnaie behalten kann.  

Marketingbeiträge bleiben

Die Beiträge fürs Milchmarketing und das Käsemarketing wurden in der gleichen Höhe wieder beschlossen. Für die Beiträge ans Milchmarketing beantragt der SMP auch die Allgemeinverbindlichkeit beim Bund, sodass auch die 4% Milchproduzenten, die nicht dem SMP angeschlossen sind, diese Beiträge bezahlen müssen.

Jahresrechnung genehmigt

Die Jahresrechnung des Verbands wurde einstimmig genehmigt. Wie üblich machte der SMP operativ ein Minus von rund einer Million, das dann mit Erträgen aus dem Vermögen (Wertpapiere, Liegenschaften) kompensiert wird. Heuer blieb ein Minus bestehen, aber nur, weil nicht realisierte Kursgewinne (die es im gutem Börsenjahr 2016 sicher gab) in der Rechnungslegung nicht berücksichtigt werden. Der Umsatz des SMP betrug 2016 über 46 Millionen Franken, die Bilanzsumme beläuft sich auf über 100 Millionen Franken.

Neues Vorstandsmitglied

Für den Walliser Milchverband sitzt neu Michel Bonjean im SMP-Vorstand. Bonjean hat 70 Kühe und einen 40-ha-Betrieb in Vouvry VS. Er ersetzt den zurückgetretenen Laurent Tornay, der als schenk eine Glocke erhielt.

Kurt Nüesch verabschiedet

Der im Herbst als SMP-Direktor zurückgetretene Kurt Nüesch wurde von SMP-Präsident Hanspeter Kern verabschiedet. Kern lobte: Nüesch habe sich während 33 Jahren mit vollem Engagement für die Milchproduzenten eingesetzt. Nüesch sieht Grund zum Optimismus für die Milchbranche, wenn die Interessen der Schweizer Milchproduzenten gebündelt vertreten werden und die aufgegleiste Mehrwertstrategie erfolgreich umgesetzt wird.

2. Markt

Marktanteile verloren

Hanspeter Kern bedauerte schon im fünften Satz seiner Eröffnungsrede: «Wir haben Absatz im A-Segment verloren und das schmerzt.» Dieser Trend mache ihm Sorgen.  Gleichzeitig wies er aber auch daraufhin, dass es bei der Käsereimilch und bei der Biomilch gut laufe.

Mehrwerte entstehen beim Bauer

Hanspeter Kern verwies auf eine Studie, welche die SMP im Jahr 2016 erstellen liessen. Demnach seien die Schweizer vor allem deshalb bereit, einen Mehrpreis zu bezahlen, wenn das Tierwohl gewährleistet sei, wenn die Transportwege kurz sind, wenn die Produkte natürlich hergestellt sind und wenn damit die traditionelle Landwirtschaft erhalten bleibe. Weil diese Mehrwerte beim Milchbauern entstehen, müssten diese gerecht an der Wertschöpfung teilhaben können.

Milchpreis nicht nachhaltig

SMP-Direktor Stephan Hagenbuch betonte: «Die aktuellen Molkereimilchpreise von 50 bis 55 Rappen sind nicht nachhaltig.» Molkereien und Detailhandel müssten einen Beitrag zur Verbesserung leisten. Kern kritisierte, dass die Milchbauern preislich von den anderen Mitgliedern der Wertschöpfungskette allein gelassen würden, diese müssten jetzt finanzielle Zeichen setzen. Der SMP setzte bei den Preisen auf Verhandlungen. Kern setzt sich dafür ein, dass die SMP Plattformen organisieren, wo möglichst viel, ja möglichst alle «Milch» am Tisch sitzt.

Ein Drittel hat ruinöse Preise

Hanspeter Kern sagte zum Milchpreis: Ein Drittel der Milchbauern habe aktuell gute Preise, indem er in den Biokanal oder in gute Käsekanäle (Kern dachte wohl an Gruyère, Vacherin fribourgeois, Tête de Moine und Appenzeller) liefern könne. Ein Drittel der Milchbauern habe akzeptable Preise, weil er entweder in etwas weniger gute Käsekanäle (er dachte wohl an Emmentaler AOP oder an grosse Ostschweizer Käsereien) oder an Verarbeiter mit wertschöpfungsstarkem Portfolio liefere (Kern meinte wohl vor allem die Migros-Molkerei Elsa). Und ein Drittel der Milchbauern habe ruinöse Preise, diese fühlten sich nicht mehr getragen von der Branche (Kern bezog sich dabei auf den ÖLN-Molkereimilchbereich, wo verbreitet nur um die 50 Rp./kg bezahlt werden). 

Neuer Fokus im Marketing  

Der neue SMP-Marketingchef Stefan Arnold hatte seinen ersten Auftritt an einer DV. Er erläuterte die angepasste Marketingstrategie. Diese führt die alten Stärken «Genuss» und «Gesundheit/Fitness» weiter, setzt aber einen neuen Fokus bei «Herkunft und Mehrwerten». Ein Teil davon sei, dass das rotweisse Zeichen «Swiss Milk Inside» neu als geschützte Individualmarke registriert sei. Der Schokoladenhersteller Villars setzt dieses Zeichen bereits ein auf drei Schokoladen. Hanspeter Kern betonte, dass sich die Werbung besonders an die Städter richten müsse. Christof Baumgartner aus Märwil TG warnte, dass einige Betriebe mit sehr wenig Land pro Kuh, viel zugekauftem Futter und hohen Kraftfuttergaben die Mehrwertstrategie gefährden würden. 

Riesige Milchpulverlager in Europa 

SMP-Direktor Stephan Hagenbuch erläuterte, dass laut Prognosen die 7 grossen Milchexporteure der Welt ab Herbst 2017 wohl wieder zusätzliche Mengen produzieren würden (in den letzten Monaten hatten sie einen Rückgang gemeldet).Die Weltmarktpreise für Butter hätten sehr stark angezogen, sodass sie wohl nicht mehr steigen würden. Dagegen blieben die Magermilchpulverpreise im Keller, was in der Schweiz ein Teil des Problems sei (er bezog sich damit wohl vor allem auf die Molkerei Cremo, die sehr viel Protein exportiert). Grund für die anhaltend tiefen Preise sei, dass in der EU 400'000 Tonnen Magermilchpulver noch an Lager seien.  

Einer, der aufhört

Den Schlusspunkt an der DV setzte Milchproduzent Pierre-André Grandgirard. Er produzierte 340'000 kg Milch zuhanden der Milchhandelsorganisation Prolait. Doch per Ende Juni werde er aufhören. Zu schlecht seien die Preise, letztes Jahr habe er drei Monate unter 50 Rp. für das kg Milch erhalten. Grandgirard sagte, viele Produzenten seien am Resignieren, und litten unter der schlechten Lebensqualität, was nicht wenige Familien auseinanderbrechen lasse. Der Bund müsse für Rahmenbedingungen sorgen, welche den Milchbauern eine Perspektive böten.

3. Politik

Geschlossenheit ist gefragt

Die Landwirtschaft müsse sich politisch auf einen gemeinsamen Weg einigen, betonte SMP-Präsident Hanspeter Kern. Nur so lasse sich eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Schweizer Milchproduzenten erreichen. Der SMP habe letztes Jahr vom Bundesrat eine Soforthilfe gefordert, doch die Unterstützung habe da gefehlt (Bauernverbandspräsident Markus Ritter zog nicht mit, weil er das Begehren angesichts der Sparprogramme beim Bund für aussichtslos hielt).  

Alle müssen für Schoggigesetz-Lösung weibeln

SMP-Direktor Stephan Hagenbuch stellte die innerhalb der Branchenorganisation Milch (BOM) entwickelte Nachfolgelösung für den heutigen Schoggigesetzmechanismus vor. Es gehe dabei um 11% der Molkereimilch. Hanspeter Kern erklärte, dass die Delegierten der BOM diesem Modell Ende April zustimmen sollten. Es brauche dieses Signal an die Politik, welche die neue Milchzulage dann beschliessen müsse. Dort seien die Mehrheiten knapp, alle Milchbauern seien aufgerufen, sich politisch dafür einzusetzen.

Forderungen beim Agrarpaket 2017 (in Kraft tretend 2018)

Der SMP will ein zweistufiges Raus-Programm etablieren. Wer die Kühe weidet, soll einen zusätzlichen Beitrag erhalten. Dafür kämpfe man weiter mit dem Bauernverband, Mutterkuh Schweiz und dem Tierschutz, am 9. Mai werde man eine Medienkonferenz machen. Beim Budget 2018 müssten die 95 Millionen Franken fürs Schoggigesetz erneut gehalten werden können, damit diese später ins Agrarbudget für die neue Milchzulage umgewandelt werden könnten. Diese Budgets werden vom Parlament im Dezember beraten, das werde zur Herausforderung. 

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE