8.02.2017 09:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Milchmarkt
«Einen Franken pro Liter»
Landwirt Jonathan Nicolet aus Lignerolle VD kann einen Teil seiner Milch pasteurisieren lassen und erhält von seinem Käser einen Franken pro Liter. Im Interview erklärt er, wie verschiedene Partner zusammenarbeiten. Wie beurteilen Sie das Modell dieser Waadtländer Bauern? Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab.

«Schweizer Bauer»: Wie sieht Ihr Milchpreis aktuell aus?
Jonathan Nicolet: Wir produzieren Milch für die Gruyère-Produktion. Den Hauptteil unserer Milch verkaufen wir für 84 Rappen pro Liter. Für die Milch, die als pasteurisierte Trinkmilch verkauft wird, erhalten wir einen Franken.

Um wie viel Milch handelt es sich dabei?
Insgesamt produzieren wir mit unseren 70 Kühen rund 620'000kg Milch pro Jahr, davon verkaufen wir im Schnitt 5'000 Liter als pasteurisierte Milch. Dies ist im Verhältnis zwar nur ein kleiner Prozentsatz, aber für uns ist es trotzdem wichtig.

Inwiefern ist es wichtig?
Die Milch wird im Laden speziell als «faire Milch» gekennzeichnet. Der Konsument weiss, dass wir für unsere Milch einen Franken erhalten. Er sieht im Laden auch, dass der Käser 55 Rappen für das Pasteurisieren, Einfüllen, Etikettieren und Liefern verlangt und dass die Marge des Ladens auf die Milch  22 Prozent beträgt. Er versteht, wieso die Milch am Schluss 1.90 Franken kostet, und ist bereit, diesen Preis zu zahlen.

Wie hat sich die Nachfrage in den letzten Jahren entwickelt?
Wir haben im Jahr 2005 mit 50 Liter pro Woche angefangen. Danach hat sich die Nachfrage auf gut 100 Liter pro Woche eingependelt. Bis letzte Woche.

Wieso bis letzte Woche?
Die Nachfrage hat sich quasi über Nacht verdoppelt.

Was war der Auslöser dazu?
Am Donnerstag vor einer Woche lief im Westschweizer Fernsehen RTS der Dokumentarfilm «Paysan en détresse». Ein Kunde des Direktvermarktungsladens «La ferme» in Yverdon, in dem unsere Milch verkauft wird, hat diesen Dokumentarfilm gesehen. Daraufhin hat er am Samstagabend auf Facebook einen Eintrag mit dem Foto unserer Milch gemacht und veröffentlicht. Bis am Sonntagmorgen wurde sein Beitrag schon über 1200-mal geteilt.

Was stand in diesem Eintrag?
Dass er nicht einverstanden sei mit dem miserablen Preis, den die Grossverteiler den Produzenten zahlen würden und dass er das nicht mehr länger unterstütze. Es gäbe Mittel, um dieses Spiel als Konsument nicht mehr länger mitzumachen, zum Beispiel, indem man die Milch direkt beim Bauer kaufe. Oder wie er es getan habe, im Laden «La ferme», welcher garantieren würde, dass der Produzent einen Franken pro Liter Milch erhalte. Vielleicht würde seine Handlung nur als Tropfen auf den heissen Stein angesehen werden. Aber wenn selbst Leute, welche von dem Film tief betroffen seien, nichts unternähmen, dann werde sich niemals etwas ändern.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Wir persönlich haben natürlich die zahlreichen Kommentare zum Eintrag auf Facebook mitverfolgt, aber direkt darauf reagiert haben vor allem unser Käser Steve Berger und der Besitzer des Direktvermarktungsladen Roy Gérard.

Wie ist der Verkauf Ihrer pasteurisierten Milch organisiert?
Wir liefern unsere gesamte Milch am Morgen und am Abend in die Käserei von Steve Berger in Lignerolle. Er kauft uns die Milch ab, pasteurisiert einen Teil der Milch, füllt sie in Flaschen und liefert sie in den Laden von Roy Gérard und dieser verkauft sie schliesslich an den Konsumenten. Es ist also Roy Gérard, der anhand der Konsumentennachfrage bei unserem Käser die gewünschte Menge Milch bestellt. Für den Teil unserer Milch, den Steve Berger als pasteurisierte Milch an Roy Gérard verkaufen kann, wird uns am Ende jeden Monats einen Franken pro Liter bezahlt. Nach dem Abliefern der Milch am Morgen und am Abend haben wir nichts mehr mit der Direktvermarktung zu tun.

Wieso liefern Sie nicht direkt an den Laden?

Früher haben wir das so gemacht. Wir haben die Milch zu Steve Berger gebracht, sie pasteurisieren lassen und danach selbst fast jeden Tag nach Yverdon ausgeliefert und direkt an «La ferme» verkauft.

Und weshalb machen Sie das nicht mehr?

Als wir vor zwölf Jahren mit dem Pasteurisieren der Milch begonnen haben, arbeitete meine Mutter als Angestellte im Laden «La ferme». Sie konnte unsere pasteurisierte Milch also immer direkt mitnehmen, wenn sie zur Arbeit ging. Meine Mutter war es übrigens auch, die damals die Idee hatte, dass man pasteurisierte Milch ins Ladensortiment  aufnehmen könne. Nachdem Sie Ihre Tätigkeit bei «La ferme» beendet hatte, war es für uns sehr aufwendig, die Milch extra von Lignerolle nach Yverdon zu liefern. Wir hatten auch kein Kühlauto und keine Einrichtungen, um die Milch bei uns lagern zu können. Deshalb hat Steve Berger seit 2012 diesen Teil übernommen und liefert mit seinen Käsespezialitäten gleichzeitig auch die Milch aus.

Könnte die Direktvermarktung der Milch für Sie wieder ein Thema werden?

Ich denke eher weniger. So, wie es jetzt organisiert ist, läuft es für alle Beteiligten am besten. Die Direktvermarktung ist nicht so einfach, wie einige meinen. Man muss der Typ dazu sein. Es steckt ein grosser Arbeitsaufwand dahinter. 

Direktvermarktung «La FERME»

Vor 20 Jahren entschied sich der Landwirt  Roy Gérard, seine Produkte direkt zu vermarkten. Dazu kaufte er einen Laden an der Hauptstrasse in Yverdon VD. Heute liefern rund 110 Waadtländer Produzenten ihre Produkte in den Direktvermarktungsladen. Zurzeit arbeiten 15 Frauen mit bäuerlichem Hintergrund temporär im Laden. Insgesamt gibt es neun Vollzeitstellen. Rund 140'000 Kundinnen und Kunden besuchen «La ferme» pro Jahr und kaufen dort ein. Täglich werden Käse- und Fleischplatten für gut 150 Personen hergestellt. Beliebt sind auch die Geschenkkörbe mit Waadtländer Produkten. Pro Jahr verlassen 7000 selbst gemachte Geschenkkörbe den Laden in Yverdon. ats 

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE