7.07.2013 10:12
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann/Samuel Krähenbühl
Milchmarkt
«Es geht lange, bis der Milchpreis steigt»
Rudolf Bigler ist neuer Vizepräsident der Branchenorganisation Milch (BOM) und steht damit der Produzentenfamilie vor.

«Schweizer Bauer»: Welche Ziele haben Sie sich als neuer Vorsteher der Produzenten in der BOM vorgenommen?
Rudolf Bigler: Wir müssen mit einer Stimme auftreten, damit wir unsere Anliegen durchbringen. Es ist aber auch unsere Aufgabe, uns zu überlegen, wie es in Zukunft weitergehen soll. Was ist, wenn wir wieder zu viel Milch auf dem Markt haben? Hier sollten wir die Zusammenarbeit mit den Schweizer Milchproduzenten (SMP) suchen. Dies, damit in Phasen, in denen es aus saisonalen Gründen zu viel Milch auf dem Markt hat, die Preise nicht wieder zusammenfallen. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise ein Überschussfonds, ähnlich, wie es ihn in der Getreide- oder der Kartoffelbranche gibt.

Die BOM hat den Marktentlastungs- und den Interventionsfonds aufgegeben. Aber ohne BOM gibt es wohl keine Allgemeinverbindlichkeit des Bundes...
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir keine Allgemeinverbindlichkeit bekommen, ist hoch. Doch eine Mehrheit der Verarbeiter sieht auch, dass sie eigentlich kein Interesse daran haben, wenn die Preise massiv zusammenfallen. Denn wenn wir die Milch billiger liefern müssen, dann drücken auch die Detailhändler die Preise.

Die BOM hat bei den Milchbauern nicht den besten Ruf. Zu Recht oder zu Unrecht?
Zu einem grossen Teil zu Unrecht. In der BOM  ist die ganze Branche, vom Produzenten bis zum Detailhändler, vertreten. Ziel der BOM ist es, dass die ganze Wertschöpfungskette Anteil an der Wertschöpfung hat. Die Gewerkschaft sind die SMP, welche rein die Produzenteninteressen vertreten. Wir in der BOM müssen Lösungen suchen, für die es einen Konsens gibt. Die Aufgaben von BOM und SMP unterscheiden sich also. Das haben nicht alle begriffen.

Die BOM führte viele Instrumente ein, setzte sie aber kaum um und schaffte sie zum grössten Teil wieder ab. Was macht die BOM heute noch aus?
Die Segmentierung wollen wir jetzt zum Laufen bringen. Das ist auf guten Wegen. Sie sollte bewirken, dass bei Produkten im A-Segment der Grenzschutz preislich zum Tragen kommt. Dann sollte in Phasen von Überschussproduktion die Lieferung von C-Milch freiwillig sein. Der Richtpreis ist auch ein wichtiges Instrument. Weiter muss sich die BOM Gedanken machen zur Zukunft des Milchmarktes.

Die Cremo hat ein Milchpreismodell eingeführt, das rein technisch nicht mit der Segmentierung kompatibel ist.
Das ist richtig. Das Cremo-Modell ist mit der Segmentierung, wie wir sie verstehen, nicht kompatibel. Ich bin gespannt, wie die Cremo die Anforderungen zu erfüllen gedenkt. Sonst wird die Sanktionskommission sich des Themas annehmen. Sie kann hohe Bussen aussprechen.

Heute vertreten ja vor allem Handelsorganisationen die Produzenten. Müsste die BOM nicht ein Dreifamilienmodell von Produzenten, Handel und Verarbeitern anstreben?
Das System mit drei Familien ist aus meiner Sicht chancenlos. Ich schaue unser aktuelles System nicht als so schlecht an. Es ist gut, dass wir neben aktiven Milchproduzenten auch Geschäftsführer von Produzentenorganisationen in unserer Familie haben, welche tagtäglich Milch handeln und den Markt kennen. Der Mix ist im Moment gut. Wir räumen uns auch viel Zeit ein, um die Sitzungen vorzubereiten.

Der Richtpreis für A-Milch ist per 1. Juni auf 69 Rp./kg gestiegen. Über die ganze Menge und mit allen Abzügen ist der reale Milchpreis wesentlich tiefer. Sollten die Milchpreise jetzt nicht stärker anziehen?
Der Richtpreis gilt franko Rampe für das A-Segment. Der Bauer erhält einen Mischpreis,von  A- und B-Segment (C-Milch ist heute faktisch verschwunden), der eben nicht franko Rampe ist. Die Differenzen umfassen die Kosten von Logistik und Administration sowie die Abzüge für Verbände und Marketing. So hat der Bauer im Mai dann vielleicht nicht einmal 60 Rp./kg unter dem Strich erhalten. Jetzt im Juni gehe ich davon aus, dass die Mehrheit der Bauern 60 Rp./kg bekommen sollte.

Es gibt Bauern, welche im Mai nach allen Abzügen 47 Rp./kg ausbezahlt erhielten.
Dann ist es wahrscheinlich einer, der noch im Modell der Jahresmenge ist. Das heisst, dass er im Mai einen saisonalen Abzug erhält. Im Juni gibt es keine saisonalen Abzüge, und der A-Preis steigt um 3 Rp., das ändert jetzt massiv, und das muss es auch, das ist dringend. Seit letztem Herbst hört man, dass die Milch rar ist, aber für den Milchproduzenten geht es sehr lange, bis der Preis deutlich steigt.

Der Kieler Rohstoffwert  ist bei 43,2 Cent oder 54,3 Rp./kg. Mit der SMP-Formel  –  EU-Preis plus 10% Swissness plus Verkäsungszulage – kommen wir auf 74,3 Rp./kg für die ganze Menge. Da ist noch ein Loch.
Das ist so. Der Milchpreis dürfte heute höher sein, wenn wir sehen, was im Ausland bezahlt wird. Ich machte in der BOM einmal einen Vorstoss, dass man für den C-Richtpreis einfach den Wert der Kieler Rohstoffbörse nimmt. Da sagten die Verarbeiter ganz klar: «Nein, das wollen wir nicht.» Zum Teil mit der Begründung, sie hätten höhere Verarbeitungskosten. Da muss der Schweizer Bauer also die höheren Verarbeitungskosten in der Schweiz mitfinanzieren. Bezüglich EU-Milchfreihandel ist das auch ein Indiz dafür, dass die Verarbeiter ebenfalls nicht wettbewerbsfähig sind, nicht nur wir Bauern. Der Milchfreihandel wird übrigens auch die BOM beschäftigen.

Was sagen Sie zum Milchfreihandel mit der EU?
Ich bin sehr skeptisch. Ich bezweifle, dass dies für uns so viele Chancen bringen soll und dass die Risiken nicht grösser sind. Bemerkenswert ist auch, dass einige Verarbeiter nicht für den Milchfreihandel sind.

Zum Betrieb

Der 53-jährige Rudolf Bigler produziert in Moosseedorf BE mit 70 Kühen Milch zuhanden der Aaremilch AG. Er bewirtschaftet 60 Hektaren Land, betreibt Ackerbau sowie Schweinezucht und -mast. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Auf dem Betrieb arbeiten zwei Lehrlinge, zwei Teilzeitangestellte und eine Tochter mit, die gelernte Landwirtin ist. sal

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