8.09.2013 10:08
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
Emmi
«Es gibt mehr Gefahren als Chancen»
Für Emmi ist klar: Bei einem EU-Milchfreihandel sind die Marktanteilsverluste im Inland nicht im Export wettzumachen.

«Schweizer Bauer»: Sie sagten am ZMP-Polittreffpunkt, eine rasche sektorielle Grenzöffnung bei der Milch wäre «ein Spiel mit dem Feuer». Ist Emmi also schon dagegen, bevor der Bundesrat seinen Bericht dazu veröffentlicht hat?
Urs Riedener: Ich glaube, mit unserer internationalen Erfahrung, unserer internationalen Präsenz in über zehn Ländern wissen wir in etwa, wie die Märkte funktionieren. Aufgrund dieser Basis ist es relativ klar, dass es in den Bereichen Milch, Rahm, Butter mehr Gefahren als Chancen gibt. Deshalb stehen wir diesem Anliegen kritisch gegenüber.

Das heisst, Marktanteilsverluste, die sich im Inland ergäben, könnten nicht durch zusätzliche Exporte kompensiert werden?
Genau. Exporte sind möglich, wo die Wertigkeit der Produkte stimmt, wo wir ganz andere Produkte anbieten als jene, die man im Ausland findet. Das ist beim Käse, beim Caffè Latte, bei einem Müesli der Fall. Exporte sind aber sehr schwierig, wenn es um Milch, Rahm und Butter geht, wo eine Differenzierung kaum möglich ist: Diese schmecken immer etwa ähnlich. Und genau bei diesen Produkten gibt es zahlreiche Personen, die beim Kauf ausschliesslich auf den Preis schauen. Die zusätzlichen Marktchancen im Export sind also kleiner als die Gefahren durch Importe, die hereinkämen. Diese würden das Preisniveau von Milch, Butter und Rahm in der Schweiz hinunterbringen, ohne dass wir gleichzeitig im Ausland neue Märkte aufbauen könnten.

Würden Sie also ein umfassendes Agrarfreihandelsabkommen mit der EU vorziehen?
Um zwischen den Varianten «sektoriell» und «Freihandel insgesamt» entscheiden zu können, müsste man prüfen, was der «Freihandel insgesamt» bringt. Am Ende werden sich dort ähnliche Fragen stellen: Fragen nach Begleitmassnahmen, Fragen nach der Notwendigkeit, die Frage, was man gewinnen und was man verlieren könnte. Dies ist auch eine gesamtpolitische Frage und nicht nur eine landwirtschaftliche. Aber ich glaube, man muss darauf achten, dass man sich mit einer sektoriellen Öffnung nicht grosse Nachteile einhandelt. Sektoriell ist darum ungünstig, weil die Milchwirtschaft die konkurrenzfähigste Branche in der Agrarwirtschaft ist. Diese sollte man nicht preisgeben und die Leute allenfalls in eine höhere Staatsabhängigkeit schicken, beispielsweise in der Fleischproduktion. Würde später einmal auch dort geöffnet, dann weiss man, dass der Fleischsektor viel weniger konkurrenzfähig ist und auch nicht über internationale Vertriebsstrukturen verfügt. Bei der Milch, wo die Schweiz insgesamt recht konkurrenzfähig ist, haben wir wohl die stärkste Wertschöpfungskette, und trotzdem sind wir nicht so optimistisch. Man  sollte die Leute nicht aus derjenigen Branche hinaustreiben, die sich bei einer kompletten Öffnung  wohl noch am besten halten könnte. Darum ist die sektorielle Öffnung sicher die schlechtere Variante als eine umfassende Öffnung. Aber die Politiker werden entscheiden, ob das je  kommt oder nicht.

Sie sagen, die Milchbranche sei am wettbewerbsfähigsten, und stehen einer Öffnung der weissen Linie trotzdem kritisch gegenüber. Wie soll es denn bei Fleisch und Gemüse bei einer Öffnung überhaupt gewisse Chancen geben?
Ähnliche Fragen werden sich auch dort stellen, die wir jetzt für die weisse Linie diskutieren. Am Schluss wird die Frage sein: Wie viel wollen wir der Landwirtschaft zumuten? Wie viel Landwirtschaft wollen wir? Wie viel wollen wir für die Landwirtschaft ausgeben? Will man Einkommensausfälle kompensieren oder einen starken Strukturwandel in Kauf nehmen? Ich stehe jetzt hier für die Milchbranche, und da sage ich: Wir sind am konkurrenzfähigsten, und trotzdem bin ich nicht so optimistisch. Und da haben Sie recht, dass es dann auch weniger Anlass zu Optimismus für andere Bereiche gibt, aber das ist nicht mein Gebiet.

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