11.06.2020 11:20
Quelle: schweizerbauer.ch - rup
Milch
Gefrierpunkt auf dem Prüfstand
Eigentlich ist der Gefrierpunkt dazu da, die Wässerung von Milch aufzudecken. Doch in letzter Zeit häuften sich die Fälle von erhöhten Gefrierpunkten ohne Wässerung. Deshalb wird das Kriterium nun untersucht.

Letzten August äusserte ein Landwirt im «Schweizer Bauer», er habe einen Milchpreisabzug wegen einer Überschreitung des Gefrierpunkt-Grenzwerts von –0,520 °C gehabt. Doch er habe ganz sicher keine Milch gewässert.

Branche reagiert

So muss es seither noch vielen weiteren Landwirten ergangen sein. André Bernet von den Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) bestätigt dies: «Im April waren 70 Prozent der Proben der ZMP-Mitglieder unter der Beanstandungsgrenze von –0,5190 °C.» Das heisst aber auch, dass die restlichen 30 Prozent einen zu hohen Gefrierpunkt hatten. 

Was nun? Die Milchprüfungskommission will der Sache nun auf den Grund gehen. Laut Jacques Gygax, Direktor des Käserverbands Fromarte, hat die Milchprüfungskommission am 14. Mai eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Sie besteht aus verschiedenen Branchenvertretern, wobei insbesondere auch Agroscope vertreten ist. Pikant: Dabei soll unter anderem die Verlässlichkeit der Resultate von Suisselab geprüft werden. «Es geht um eine vertiefte Abklärung der Ursachen erhöhter Gefrierpunkte», erklärt Gygax. 

Kriterium entfernen?

Als öffentlich-rechtliches Kriterium ist der Gefrierpunkt schon länger nicht mehr relevant. Der Gefrierpunkt ist auf privatrechtlicher Basis mittels Branchenvertrag, der zwischen Fromarte, den Schweizer Milchproduzenten (SMP) und der Vereinigung der Schweizer Milchindustrie (VMI) verhandelt wird, geregelt. André Bernet erklärt wie folgt: «Nach wie vor ist der Gefrierpunkt die einzige praktikable Möglichkeit, um eine Wässerung der Milch festzustellen.»

Deshalb sei man auf die Gefrierpunkt-Untersuchung weiterhin angewiesen, so Bernet. Laut Jacques Gygax prüft die Arbeitsgruppe nun, aber sie entscheidet nicht. «Aufgrund der Ergebnisse werden wir das weitere Vorgehen in der Branche beschliessen. Das Kriterium Gefrierpunkt könnte erst in einem nächsten Schritt mittels Verhandlung der Dachverbände in Frage gestellt werden», so der Direktor von Fromarte. 

Aussetzung des Abzugs

Offenbar hat die Branche zum Teil eingesehen, dass das Kriterium auf wackligen Füssen steht. Reto Burkhardt, Mediensprecher der SMP, sagt: «Die SMP empfiehlt aktuell, auf gefrierpunktbedingte Abzüge zu verzichten, solange keine Klarheit herrscht.» Er habe von Käsereien in der West- und  Ostschweiz gehört, die dieser Empfehlung folgten. Doch die meisten Milchkäufer würden die gewohnte Praxis momentan weiterführen. So auch die Emmi. Dort kann es schon mal zu einer Doppelbestrafung kommen.

Etwa, wenn ein Bauer, der normalerweise den Qualitätszuschlag von 0,5 Rp./kg erhält, einen Gefrierpunkt von –0,510 °C ausweist. Einerseits verliert er dann den halben Qualitätsrappen und andererseits kriegt er einen Milchpreisabzug von einem Rappen aufgebrummt. Immerhin: Gemäss Emmi-Mediensprecherin Sybille Umiker sollen bei einer Anpassung der Qualitätsanforderungen per Januar 2021 in Absprache mit den Lieferanten  die Vorgaben für den Gefrierpunkt überarbeitet werden.

Bei den ZMP bleiben die Abzüge ebenfalls in Kraft. Allerdings wird erst bei einem Gefrierpunkt von über –0,516 °C beim Milchpreis abgezogen. Bernet: «Die Grenze für Milchpreisabzüge wurde wegen erhöhter Gefrierpunktwerte bereits 2011 erhöht.» Auf die Verarbeitung der Milch hat der Gefrierpunkt  übrigens keinen Einfluss, wie Umiker bestätigt: «Ein höherer Gefrierpunkt hat keine Auswirkungen auf die Verarbeitung.»

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