22.06.2014 06:10
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: sal, sam
Milch
«Ich bin sicher bei 20 Franken pro Stunde oder mehr»
«Ich bin sicher bei 20 Fr. pro Stunde oder mehr»Roland Werner, Präsident der Thur Milch Ring AG, steht der Lactofama AG kritisch gegenüber. Anstatt die Milch vom Markt zu nehmen, werde nur die C-Milch subventioniert, kritisiert der Milchbauer aus Wäldi TG.

«Schweizer Bauer»: Vor zwei Jahren schlugen Sie  vor,  die Milchbauern sollten  Überschüsse selbst aufkaufen und  exportieren. Nun hat sich Lactofama dies vorgenommen, aber Sie sind kritisch. Warum?
Roland Werner: Von Lactofama weiss man offiziell sehr wenig. Um Ihre Aktivitäten macht sie ein Staatsgeheimnis, obwohl das Geld aus einem Fonds fliesst, in den jeder Milchproduzent einbezahlt hat. Mein Wissensstand ist, dass Lactofama eben gerade nicht Milch aufkauft, verarbeiten lässt und sie so vom Markt nimmt. Sondern es wird einfach C-Milch subventioniert, die ganz normal zu tiefen Preisen über den Handel läuft, und Lactofama macht dann eine Ausgleichszahlung an die Handelsorganisationen. Soviel ich weiss, wird für C-Milch dann ungefähr der B-Milch-Preis bezahlt.

Lactofama macht also nicht das, was Sie damals forderten?

Man macht nichts anderes, als was man früher machte. Vermutlich lief damals die Segmentierung noch nicht so sauber wie heute. Diese sagt ja: Wir haben bestimmte Volumen, die wir zu normalen Preisen verkaufen können. Wenn darüber hinaus produziert wird, ist es C-Milch. Dieser tiefe Preis, kombiniert mit einer wirklichen Freiwilligkeit der C-Milch, bedeutet eine sehr gute Mengenführung. Jetzt wird einfach die Menge hochgehalten, sodass der Markt über lange Zeit überversorgt ist.

Aber warum griff die Segmentierung bislang nicht?

Immer, wenn sie irgendwo ein bisschen weh tut, wird sie geändert, oder man kommt mit einer Übung wie jetzt mit Lactofama. Hätte es diesen Frühling  C-Milch mit C-Preis gegeben, dann hätte es sehr wahrscheinlich eine relativ rasche Korrektur auf dem Markt gegeben. 

So kippt man also den mengenführenden Aspekt?
Genau. Ja, man schafft nun sogar einen Produktionsanreiz.

Irgendwann ist der Milchstützungsfonds leer. Dann werden die SMP Geld eintreiben wollen. Die Thur Milch Ring AG wird sich widersetzen, oder?
Wir werden kritische Fragen stellen, etwa, wofür das Geld gebraucht worden ist und welche Wirkung erzielt wurde. Es sind ja beim Start nicht einmal alle Organisationen eingeladen worden. Gut, wir haben bei der Thur Milch auch keine C-Milch.

Sie wollen die Schweizer Landwirtschaft zur EU öffnen. Wäre Ihr Hof bei Agrarfreihandel wettbewerbsfähig?
Das muss man umfassender anschauen. Wenn man von Freihandel spricht, dann reden wir auch von Ausgleichszahlungen. Wir haben schon heute viele Ausgleichszulagen wie die Verkäsungszulage, das Schoggigesetz und auch den Grenzschutz. Wenn wir diese Ausgleichszahlungen  vom Milcherlös abziehen, dann liegt der effektive Schweizer Milchpreis unter dem EU-Preis. Die wenigsten merken es, aber am offensichtlichsten ist es, wenn man die C-Milch anschaut.  Der C-Milch liegt die gleiche Verwertungsart wie beim  Kieler Rohstoffwert zugrunde.  Der C-Milch-Preis ist aber 5 bis 8 Rp./kg tiefer als der Kieler  Rohstoffwert. Man kommt mit wenigen Ausnahmen bei allen Verwertungsarten unter den EU-Milchpreis. Im Schnitt melken die meisten Milchbauern effektiv zu tieferen Milchpreisen als in der EU. Meine Kollegen in Süddeutschland haben deshalb kaufkraftbereinigt bessere Einkommen.

Können Sie heute mit der Milch 20 Fr./h erwirtschaften?
Das muss sein. Denn ich habe Angestellte. Und denen muss ich den Lohn zahlen. Ich kann nicht jedes Jahr Defizit machen. Wenn man Angestellte hat, dann geht man bewusster mit der Arbeit um. In der Marktwirtschaft gibt es einen bestimmten Preis, den man am Markt erzielen kann. Dann muss man überlegen, ob man zu dem Preis noch kostendeckend produzieren kann. Sonst steigt man besser aus.

Wie viel verdienen Sie konkret bei einer Vollkostenrechnung aus der Milchwirtschaft?
Ich bin sicher bei 20 Fr./h oder mehr. Es ist immer die Frage, wo und wie man die Direktzahlungen verbucht. Ich sage immer, dass man pro eingesetzte Arbeitsstunde 100 Liter Milch produzieren muss.

Was sagen Sie zum Vorwurf, Sie würden mit dem Richteramt und der Pouletmasthalle Ihre Milchproduktion quersubventionieren?

Meine 4000er-Poulethalle ist so klein, dass sie heute schon fast als Hobby gelten muss. Das Amt des Laienrichters gibt zwar einen anständigen Stundenlohn, aber nicht viele Stunden. Das Gleiche gilt für das Präsidium der Güterzusammenlegung in Fischingen TG. Diese Ämter sind ein schöner Ausgleich, machen aber das Management meines Betriebs anspruchsvoller. Mein Stundenlohn kann dadurch höher sein, weil der Anteil meiner Zeit, die ich als Betriebsleiter einsetze, höher ist als bei jemandem, der 100% auf dem Betrieb arbeitet.

Sie stellen also in Abrede, dass Sie die Milchproduktion quersubventionieren?
Ich führe nun seit dreissig Jahren mit meiner Frau zusammen den Betrieb.  Wir haben kein Bauland verkauft, alles, was wir besitzen, haben wir selber verdient.   Ich sage immer, ein Landwirt sollte, um ein sorgenloses Alter zu verbringen, eine halbe Million Franken in der zweiten und der  dritten Säule haben. Das haben wir jetzt schon erreicht.

Der Bundesrat schlägt in seinem Bericht zum Milchfreihandel vor, die Ausgleichszahlungen wie Schoggigesetz und Verkäsungszulage in Flächenbeiträge umzulegen...
Es kommt darauf an, welche politischen Ziele man verfolgt. Denn man kann damit Einfluss nehmen, wo der Schwerpunkt der Milchproduktion sein soll und wie die Strukturen sind. Wenn man den Beitrag aufs Grünland gibt, dann fördert man die extensive Milchproduktion. Wenn man hingegen einen Beitrag pro Kilo Milch geben würde, dann fördert man die intensive Produktion. Es geht also darum, ob man eher gesellschaftspolitische Ziele verfolgt oder ob man eine möglichst wettbewerbsfähige Milchproduktion will. Die Milchproduktion gehört eher ins Mittelland und die extensive Fleischproduktion gehört eher ins Berggebiet. Schon von der Logistik her macht das Sinn.

Sie selber sind also eher für einen Beitrag pro Kilo Milch?
Ja, ich wäre eher für einen Beitrag pro Kilo Milch oder dann Direktzahlungen pro Kuh.

Wie hoch müssten die Ausgleichszahlungen sein?
Im Prinzip die heutige Differenz zum EU-Milchpreis, also etwa 15 bis 20 Rp./kg Milch. Wir sprechen also von rund 600 Millionen Franken pro Jahr, welche der Bund aufwerfen müsste. Heute sind für Verkäsungszulage und Schoggigesetz schon 300 Millionen im System. Es bräuchte also noch etwa 300 Millionen zusätzlich.

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