5.07.2017 11:44
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Milchmarkt
Milch: „Grosser Nachholbedarf“
Der Schweizer Bauerverband (SBV) hat die Milchabnehmer aufgefordert, auf Ende Juni auf ungerechtfertigte Abzüge zu verzichten. Sein Fazit: Es hat sich etwas getan, aber fast bei sämtlichen Händlern und Verarbeiter besteht weiterhin grosser Handlungsbedarf. Mit Video

Die Produzenten von Molkereimilch kämpfen mit widrigen Bedingungen. Die Milchpreise sind tief, die Kosten lassen sich kaum decken. Und obwohl die Milchmenge in den vergangenen Monaten deutlich rückläufig war und die Preise auf dem europäischen Markt massiv gestiegen sind, blieben die Produzentenpreise in der Schweiz unverändert.

In Deutschland steigen Preise weiter

So ergaben kürzlich die Berechnungen des Kieler Informations- und Forschungszentrums für Ernährungswirtschaft (ife) einen Milchwert für ein Kilogramm Standardmilch ab Hof mit 4,0% Fett- und 3,4% Eiweissgehalt im Berichtsmonat Juni von 38,3 Cent (41.8 Rp.). Er übertraf damit den Maiwert um 5,1 Cent (5.55 Rp.) oder 15,4%. Im Vergleich zum niedrigen Vorjahresniveau ist sogar ein Plus von 16,2 Cent (17.7 Rp.) oder 73,3% zu verzeichnen.

Marktexperte Erhard Richarts vom Kieler ife geht davon aus, dass die Entwicklung der Produktpreise am Milchmarkt in den kommenden Monaten spürbar steigende Produzentenpreise ermöglichen wird. Der Preis leitet sich ab aus den Verkaufserlösen von Milchpulver und Butter.

Grosse Unterschiede

Aufgrund der steigenden Preise im europäischen Umfeld forderte der Bauernverband die Händler und Verarbeiter auf den 1. Juli auf, den  gemeinsam festgelegten Richtpreis von 65 Rappen für Milch der höchsten Wertschöpfungsstufe und 47.9 Rappen für B-Milch zu bezahlen sowie  ungerechtfertigte Abzüge einzustellen.

An einer Medienkonferenz von Mittwoch in Bern zog der Bauernverband Bilanz. Es habe Anfang Juli eine Bewegung in die richtige Richtung gegeben, so der SBV. „Gewisse Abnehmer haben  die Abzüge reduziert. Aber die vom SBV erstellte Übersicht weist nach wie  vor Lücken zu den Richtpreisen, ungerechtfertigte Abzüge sowie grosse Unterschiede zwischen den Abnehmern auf“, erklärt der Bauernverband.

Migros-Tochter zahlt den höchsten Produzentenpreis

Gemäss den Daten des Bauernverbandes sind die Abweichungen von Richtpreis gross. Emmi und Migros-Tochter Elsa haben einen A-Basispreis von 65 Rappen je Kilo, jener von Hochdorf liegt 63.20 Rappen. Den tiefsten Basispreis entrichtet die Freiburger Cremo mit 55 Rappen. Emmi (-1.4 Rp.) und Hochdorf (-2.5 Rp.) machen Abzüge, Elsa und Cremo machen keine Abzüge. Drei der vier grössten Verarbeiter zahlten nach wie vor einen Netto-Basispreis, der unter dem Richtpreis liege, kritisiert der Veband.

Der B-Basispreis ist bei Cremo mit 47.90 Rp., bei Emmi 46.50 Rp. und bei Hochdorf 42.40 Rp. Bei Elsa wird ein Preis von 39 Rp. ausbezahlt. Bei Emmi und Cremo ist der B-Anteil 34 respektive 30 Prozent sehr hoch. Den Milchproduzenten werden dadurch nochmals deutlich tiefere Preise bezahlt. „Das führt dazu, dass die effektiv ausbezahlten Mischpreise auf einem sehr tiefen Niveau sind“, mahnt der Bauernverband.

Die Migros-Tochter Elsa zahlt gemäss der Schätzung des Bauernverbandes mit 58.95 Rp./kg den höchsten Produzentenpreis aus, es folgen mit 4 Rappen Differenz Hochdorf (55.70 Rp./kg) und Emmi (55.55 Rp./kg). Am Schluss der vier grossen Verarbeiter steht Cremo (50.55 Rp./kg).

Fairen Anteil an der Wertschöpfung

An der Medienkonferenz waren auch zwei Milchbauern zugegen. Pierre-André Grandgirad aus Cugy (FR) legte dar, dass er unter  den aktuellen Bedingungen keine Perspektive mehr sieht und die  Milchproduktion aufgeben wird. Stefan Schafroth aus Urtenen-Schönbühl (BE) ortet grossen Handlungsbedarf im Molkereimilchmarkt. „Die preislichen Bedingungen sind absolut ungenügend für die Bauernfamilien“, macht er deutlich.

Die Produzenten verkauften ihre Milch weit unter den Produktionskosten, sagte SBV-Präsident Markus Ritter. «Die Bauern legen tagtäglich Geld drauf.» Gleichzeitig werde mit Milch viel Geld verdient. Der Verband fordere lediglich einen fairen Anteil an der Wertschöpfung. Vor einem Jahr fand auf dem Gurten bei Bern der Milchgipfel statt. Er schaue mit Ernüchterung zurück, sagte Ritter. Ausser Lippenbekenntnissen sei nicht viel übrig geblieben.

Bauern sollen Situation überprüfen

Man werde aber nie aufgeben, betonte Ritter. Über den Sommer will der Verband die Medien mit konkreten Beispielen von Bauernfamilien beliefern, die unter dem tiefen Milchpreis leiden. Es gehe darum, die Konsumenten mit ins Boot zu holen, so Ritter. Im August werde der Verband über das weitere Vorgehen entscheiden.

Ritter fordert die Milchbauern auf, vor allem vor grossen Investitionen die eigene Situation zu analysieren - und allenfalls aus der Milchproduktion auszusteigen. Einfach sei dies aber häufig nicht, sei es aufgrund von bereits getätigter Investitionen, des Alters der Bauern oder schlicht weil «Bauern ihre Kühe lieben und nicht gerne weggeben».

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