17.07.2017 08:34
Quelle: schweizerbauer.ch - Raphael Bühlmann
Irland
Milch-Fixpreis: Iren machens vor
Wer investiert, rechnet. Bei der Milch fällt es derzeit allerdings schwer, sich auf verlässliche Zahlen abzustützen. In Europa schliessen deshalb immer mehr Bauern und Abnehmer Festpreis-Kontrakte ab.

Wer heute in die Milchwirtschaft investiert, muss mit einem Preis kalkulieren, der Produktionskosten deckt, Abschreibungen finanziert und unter dem Strich noch einen Gewinn ermöglicht. Je knapper diese Marge ist, umso höher wird das Risiko, den nötigen Cashflow für Ersatzinvestitionen oder zur Tilgung der Bankschuld nicht mehr aufbringen zu können. In der aktuellen Situation sind Investitionsrechnungen daher eher konservativ anzugehen. Zu viele Faktoren sorgen für Unruhe auf den Märkten.

Mehr Planungssicherheit

Die Preisschwankungen sind für die ganze Wertschöpfungskette eine Herausforderung. Innerhalb Europas gehen deshalb immer Milchhändler, -verwerter oder andere Organisationen neue Wege, um zumindest der Volatilität Herr zu werden. So bietet etwa der niederländische Dienstleister Dairy-Trading Online (DTO) Milchpreis-Garantiezertifikate an (vgl. Kasten). Für einen Fixpreis können Milchproduzenten Zertifikate à 50'000 kg Milch für den Lieferzeitraum vom 1. Juni 2017 bis 28. Mai 2018 kaufen.

Zertifikate

Mit dem Kauf eines Festpreis-Zertifikate sichern sich Produzenten einer Ware einen bestimmten Preis. Der Dienstleister, der das Zertifikat anbietet, übernimmt dabei das Preisrisiko von Produzent und Abnehmer. Wie hoch der tatsächliche Preis ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Im Falle der Milchpreis-Garantiezertifikate der DTO ist allerdings noch unklar, ob das Modell dem Wettbewerbsrecht in einem jeweiligen Land entspricht. So prüft in Deutschland die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht das Angebot. rab

Auch die süddeutsche Molkerei Omira bietet seit letztem Jahr für einige Produzenten ein Festpreis-Modell an. Laut dem Agrarmagazin «dlz» ist dieses Angebot möglich, weil Omira mit dem Abnehmer Mondelez (u.a. Hersteller von Milka und Philadelphia) einen entsprechenden Festpreisvertrag über eine bestimmte Menge abgeschlossen hatte. Durch diesen sogenannten Back-to-back-Vertrag wollen Mondelez und die Molkerei den Landwirten mehr Planungssicherheit bieten und die grossen Milchpreisschwankungen minimieren (vgl. Kasten).

Back-to-back

Bei einer sogenannten Back-to-back oder Rücken-an-Rücken-Beschaffung deckt sich der Lieferant exakt zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses mit den Liefermengen ein, die vorab mit dem Kunden vereinbart sind. Diese Methode wird im Allgemeinen zur Risikominimierung im Bereich des Grosshandels und von Commodity-Produkten eingesetzt. Eine der Vorteil liegt darin, dass der Lieferant durch die sofortige Beschaffung das Marktpreisrisiko vermeiden kann. Risiken einer Preisänderung während der Bindefrist können je nach Vertrag durch einen Preisaufschlag auf die Grosshandelspreise berücksichtigt werden. rab

Inputpreise berücksichtigt

Einen ähnlichen Weg geht ebenfalls die irische Glanbia bereits seit 2011. Der international tätige Konzern schliesst mit irischen Milchproduzenten unter anderem ebenfalls Festpreis-Verträge ab. So bietet Glanbia für verschiedene Mengen wahlweise 1-Jahres- oder 3-Jahres-Verträge an. Pat O’Keeffe von Glanbia ergänzt, dass bei Letzterem auch Anpassungsmechanismen eingebaut seien, um gewisse Schwankungen doch auszugleichen. «Wir korrigieren den Preis zum einen, wenn der aktuelle Milchpreis stark von den Prognosen und damit dem Fixpreis abweicht oder es zum anderen grosse Veränderungen bei den Inputpreisen für die Produzenten geben sollte.» So seien etwa die Dünger- oder Futtermittelpreise für das Modell relevant. Sinken oder steigen diese über ein gewisses Niveau, würde der Fixpreis angepasst.

Aber auch wenn der Milch-Spotpreis eine bestimmte Schwelle unter- bzw. überschreite, komme es automatisch zu Korrekturen. «Letztes Jahr schlossen wir 3-Jahres-Verträge für 30,75 Cents pro Liter (CPL)», erklärt O'Keeffe. Dieser Preis bleibe dann unverändert, solange sich der aktuelle Tagespreis zwischen 27,4 Cpl und 33,75 Cpl bewege. Für jeden Cent, welcher der Milchpreis dann in der Folge über oder unter diese Bandbreite fällt, verändert sich der Fixpreis –/+ 0,5 CPL.

Kein Preisvorteil

Laut O’Keeffe hat sich dieses System bewährt, und immer mehr Produzenten wollten zum Fixpreis liefern. Er macht aber keinen Hehl daraus, dass das Modell nicht nur für die eine oder andere Seite von Vorteil ist. «Einmal gewinnt der Produzent, einmal der Abnehmer. Das muss so sein, sonst würde das System nicht funktionieren». Wichtiger dabei sei allerdings, dass die Marktpartner mit konstanteren Preisen rechnen könnten und damit Investitionsentscheide fundierter beurteilen könnten.

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