17.08.2018 11:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Bern
Milch vom Bauern zum Coiffeur
Weniger Abfall, regionales Produkt und fairer Preis für die Produzenten. Das schwebte Dany Affolter und Donat Berger für ihren Milchvertrieb vor. Familie Gilgen liefert nun die Milch und bekommt einen guten Preis.

Auf der rechten Seite sieht der Raum wie ein normaler Coiffeursalon aus. Grosse Spiegel, davor Stühle und nebendran ein Waschbecken mit einer Einbuchtung für den Hals der Kunden. Nur der Geruch irritiert. Nicht ein Duft von Shampoo steigt einem in die Nase. Nein, im Salon Enrico Bizzarro riecht es nach Kaffee.

Und tatsächlich: Auf der linken Seite des Salons steht ein Möbel. Darauf eine Kaffeemaschine, eine braune Packung Bohnen, Tassen, Zucker und Pappbecher und zuvorderst eine Glasflasche mit Vollmilch. Dieses sogenannte Pop-up-Café namens «jusq’a» betreibt Dany Affolter. Für eine gewisse Zeit schenkt er seine Getränke in einem Coiffeursalon aus, dann fängt er an einem andern Ort neu an. 

Neuartiger Milchvertrieb

Wer Kaffee verkauft, verkauft auch Milch. Affolter hat sich deshalb Gedanken zu diesem Rohstoff gemacht. Zusammen mit Donat Berger, der das Café Apfelgold in Bern führt, hatte er die Idee eines Milchvertriebs. «Durch die Milch sollte möglichst wenig Abfall anfallen, sie sollte aus der Region sein und dem Produzenten einen fairen Preis bringen», sagt Affolter.

Er machte sich deshalb auf die Suche nach einem geeigneten Produzenten. «Wir brauchen jemanden, der die Milch auch pasteurisiert», sagt Berger. So sind sie auf Frank Baumann aus Oberwangen BE gekommen. Er produziert Bauernhofglace  und ist deshalb fürs Pasteurisieren ausgerüstet. Baumann bezieht die Milch für seine Glacen von der Familie Gilgen im gleichen Dorf. Er fragte sie, ob sie ihre Vollmilch liefern wolle.

Fairer Preis

«Als uns Frank Baumann fragte, habe ich nicht lange gezögert», sagt Stefan Gilgen. Er, seine Frau Kathrin und Sohn Michael sitzen im Garten in Oberwangen BE. Hinter ihnen ist ein stattliches Berner Bauernhaus, daneben ein – trotz der Trockenheit – üppiger Garten und rund um sie Obstbäume. Affolter und Berger zahlen den Gilgens pro Kilo Milch 85 Rappen. Für die Bauernfamilie, die ihre Milch sonst als normale Industriemilch an Emmi liefert und letzten Monat knapp 60 Rappen pro Kilo bekam, ist das ein grosser Mehrwert – ohne dass sie viel mehr machen muss.

Pasteurisieren, abfüllen und an die Kundschaft liefern, das macht Frank Baumann. Dafür bekommt er 65 Rappen pro Kilo Milch. «Wir hatten Glück, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Jetzt können wir einen kleinen Teil der Milch zu einem faireren Preis verkaufen», sagt Stefan Gilgen.

«Es geht rasant»

Das Projekt ist  sehr gut angelaufen. «Dany Affolter und Donat Berger haben uns gesagt, dass sie in den Sommerferien erst einmal Werbung machen und danach richtig starten wollen. Aber die Nachfrage ist bereits rasant in die Höhe gegangen», so Gilgen. «Wir verkaufen zurzeit bereits 500 Liter Milch pro Woche», erzählt Berger im jusq’a. Zur Kundschaft gehören einige Cafés, drei Lebensmittelgeschäfte und ein Hotel in Bern. Diese zahlen pro Liter Fr. 1.70. Privatkunden, die die Glasflaschen im Coiffeursalon und in Bergers Apfelgold kaufen können, zahlen 2 Franken. Auf den Flaschen sind zudem 2 Franken Depot.

Damit bleiben Berger und Affolter eine Brutto-Marge zwischen 20 bis 50 Rappen pro Flasche. «Unsere Marge ist schlussendlich klein», sagt Affolter. «Aber wir machen das nicht, um reich zu werden.» Ihnen gehe es darum, Abfall zu vermeiden und darum, die Konsumenten auf die Situation der Bauern aufmerksam zu machen. «Ich wusste vorher nicht, dass Bauern einen so schlechten Preis für ihre Milch bekommen, das soll den Konsumentinnen und den Konsumenten bewusst werden», so Affolter. «Zudem legen wir Wert auf kurze Transportwege», ergänzt Berger. Ihr Ziel ist es, pro Woche 1000 Liter zu verkaufen. Stefan Gilgen freut sich darüber. 

Betriebsspiegel

Die Familie Gilgen hat einen 24-Hektaren-Betrieb, den sie nach IP-Suisse-Richtlinien führt. Den Betriebszweig Milchwirtschaft führen sie in einer Betriebszweiggemeinschaft mit ihrem Nachbarn Werner Burren. Sie haben 45 Kühe. jul

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