27.02.2019 14:49
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Umfrage
Milch: Was gegen die Misere tun?
Die Produzentenpreise für Molkereimilch sind seit Jahren im Keller. Auch eine deutliche Reduktion der Einlieferungen vermochten keine Trendumkehr einzuleiten, die Abzüge sind gar gestiegen. Welche Mittel gibt es, dass die Preise wieder steigen? Mitdiskutieren und abstimmen.

Vergangene Woche gab die Branchenorganisation Milch (BOM) bekannt, dass der Richtpreis für industrielle Molkereimilch unverändert bleibt. Der Richtpreis verharrt seit dem 3. Quartal 2017 auf 68 Rp./kg. Im Richtpreis inkludiert ist seit dem 1. Januar 2019 die vom Bund direkt mit der Milchproduktion verknüpfte Milchzulage von 4,5 Rp. pro kg.

Abzüge scharf kritisiert

Die Mitteilung der BOM war dürr. Die deutlich geringeren Milcheinlieferungen in den vergangenen Monaten haben bei der Preisfindung keine Rolle gespielt. Begründet wurde das Belassen des Richtpreises mit der stabilen Situation im Milchmarkt bei leicht rückläufigen Milcheinlieferungen. Doch der Richtpreis entspricht bei Weitem nicht dem ausbezahlten Preis.

Der Schweizer Bauernverband kritisiert die Abzüge. Die würden die Milchzulage übersteigen. «Die Preisbildung im Molkereimilchmarkt ist bekanntlich nicht sehr transparent. Daher ist es sehr schwierig, genaue Angaben zu machen. Wir haben aber Hinweise, dass teilweise über 10 Rappen abgezogen werden», sagte Martin Rufer, Leiter Märkte beim SBV, zu «Schweizer Bauer». «Die SMP kommen zu den gleichen Einschätzungen. Solche Abzüge sind nicht akzeptabel», macht er deutlich.

Fehelende Transparenz

Auch BIG-M ist über die Abzüge erzürnt. «Für die Mooh-Lieferanten kommt es nun knüppeldick: Der Milchpreis beim grössten Milchhändler der Schweiz sinkt im Februar um weitere zweieinhalb Rappen auf 48 Rappen pro Kilo Milch. Eigentlich müsste der Milchpreis gegenüber dem Februarpreis vom Vorjahr steigen, da die Milcheinlieferungen markant tiefer sind als vor einem Jahr», betont BIG-M.

Die Organisation kritisiert ebenfalls die fehlende Transparenz: «Zwischen unserem Milchpreis und dem von den BOM festgelegten A-Richtpreis liegen mittlerweile 10 bis 20 Rappen Differenz. Da werden Abzüge für «Milchabholung», «Preiskorrektur Milchgeldzulage», «Marktabzüge», «Betriebskosten SMP» usw. gemacht.» Wo der effektive A-Preis läge, wüssten nur die Geschäftsführer der Milchkäufer, kritisiert BIG-M.

Mooh: Marktentwicklung und Export

Bei Mooh ist der Basispreis seit Januar um 4.5 Rappen pro Kilo tiefer. Das sind die 4.5 Rappen, die der Bund den Bauern direkt bezahlt «Bereinigt um diese Rappen ist der ausbezahlte Preis für ÖLN-Silomilch im Januar einen und im Februar zweieinhalb Rappen unter dem Vorjahresniveau», schreibt der grösste der grössten Milchhändler der Schweiz. Im März rechnet die Genossenschaft mit einem Basispreis von 0.5 Rappen unter Vorjahr und im April voraussichtlich mit 0.5 Rappen über Vorjahresniveau. 

Die Mooh nennt in den Produzenten-Info von Februar 2019 zwei Gründe: Einerseits die vergangene Marktentwicklung. Diese zeigte eine negative Tendenz und drücke somit auf den Preis. «Der internationale Fettpreis war Ende 2018 deutlich unter dem Vorjahresniveau», schreibt Mooh. Andererseits bringt die Milchhändlerin das Exportgeschäft ins Spiel. Die Nachfolgelösung des Schoggigesetzs decke nur noch den Milchpreisunterschied Schweiz – EU, aber nicht die höheren Verarbeitungskosten in der Schweiz. «Da neu weniger Geld zur Verfügung steht, entsteht ein Druck auf den Milchpreis», schreibt die Mooh.

Sie zeigt sich aber «optimistisch». In der EU falle der saisonale Rückgang der Produzentenpreis weniger gross aus als in den Jahren zuvor. «Die Verarbeiter scheinen sich so die Milchmengen sichern zu wollen, die diesen Frühling gemäss Erwartungen deutlich unter Vorjahr sein werden», heisst es im den Produzenteninfo. Für die Schweiz umgemünzt schreibt Mooh: «Die jüngsten Aufhellungen am Markt stimmen uns zuversichtlich, dass wir für das ganze Jahr 2019 im Schnitt das Vorjahresniveau realisieren können.»

Verarbeitungskapazitäten senken

Umformuliert heisst dies, dass trotz deutlich sinkenden Milcheinlieferungen nur ein Halten des Preises möglich ist. Ist ein Entrinnen aus der Preismisere überhaupt noch möglich? Für Martin Rufer gibt es auch kein Patentrezept. Eine Stossrichtung gibt er an:  «Ich bin der Meinung, dass wir nur aus der Misere herauskommen, wenn wir uns aus den wertschöpfungsschwachen Märkten zurückziehen. In Märkten, in denen nur der Preis zählt, können wir nicht mithalten, und die Milchproduzenten werden dabei nie Geld verdienen.»

Die Frage der Überkapazitäten müssen nun angegangen werden, so Rufer. Denn bestehende Verarbeitungskapazitäten werden die Molkereien immer versuchen, auszulasten. «Wir müssen die Verarbeitungskapazitäten dem Absatzvolumen anpassen, das wir mit guter Wertschöpfung verkaufen können», macht er deutlich.

Immer weniger Milchbauern

Denn sonst dürfte sich der Rückgang der Milchproduzenten weiter fortsetzen oder gar verstärken. 2018 haben 643 Betriebe die Produktion für immer aufgegeben. Ende 2018 zählte die Schweiz noch 19'568 Milchbauern, 3.2 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Damit wurde erstmals die Grenze von 20'000 Betrieben unterschritten. Noch im Jahr 2010 gab es hierzulande 26'000 Milchbauern.

Wie gelingt es, die Produzentenpreise in der Schweiz wieder zu erhöhen? Muss die Produktion weiter gedrosselt werden? Oder sollten die Verarbeitungskapazitäten vermindert werden? Oder müssen noch mehr Bauern die Produktion aufgeben? Oder ist ein «Milchstreik» eine Möglichkeit? Mitdiskutieren und abstimmen

Immer weniger Milch

Der heisse und trockene Sommer wirkt sich immer deutlicher auf die Milchproduktion aus. Wegen tieferen Tierbeständen und der schlechteren Futterqualität liegen die Einlieferungen seit August 2018 unter dem Vorjahreswert. Im August lag das Minus bei 0,9%, im September bei 1,5%, im Oktober bei 0,4% und im November bei 2,3%.

Wie die neusten Zahlen der Treuhand TSM zeigen, nahm die Milchproduktion im Dezember 2018 gegenüber dem Vorjahr sogar noch stärker ab und zwar um 3,8%. Das sind 11128 Tonnen weniger als im Vorjahresmonat. Die kumulierte Milchproduktion 2018 liegt trotz der Trendumkehr im August mit insgesamt plus 0,6 Prozent noch knapp über dem Wert von 2017. In den kommenden Monaten dürfte sich der Trend zu tieferen Einlieferungen noch verstärken. So prognostiziert dbmilch.ch für Januar 2019 einen Rückgang der Produktion gegenüber dem Vorjahresmonat um 5%.

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