23.08.2019 17:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Adrian Haldimann
Milchmarkt
«Milchbranche muss sich weiterbewegen»
Sara Stalder schlägt einen Kraftfutterverzicht vor. Die Milchbranche müsse nun den Beweis antreten, dass sie es ernst meint.

«Schweizer Bauer»: Sie sagen, dass die neue Marke «Swissmilk green» eine überflüssige Kennzeichnung sei. Weshalb?
Sara Stalder: Vorerst dies: Es ist höchst lobenswert, dass sich die Milchbranche nach vier Jahren intensivster Diskussionen auf einen Standard einigen konnte. Die Kommunikation mit dem «Swissmilk green»-Label ist aber leider der falsche Abschluss dieser innovativen Phase. Das Label suggeriert eine Verbesserung zum Stand heute, doch damit werden die Konsumenten getäuscht. Die Anforderungen bei «Swissmilk green» gehen wenig über die gesetzlichen Standards hinaus.

Die Anforderungen für «Swissmilk green» gehen mit den Tierwohlprogrammen oder nachhaltiger Soja usw. sehr wohl über die gesetzlichen Standards hinaus.
Wenn neu praktisch sämtliche konventionell hergestellte Milch und Milchprodukte mit einem «green»-Label beworben werden, dann weckt das bei der Kundschaft Erwartungen, besonders im Bereich Umwelt, Klima und sicher auch beim Tierwohl. Der Mehrwert ist minim und rechtfertigt noch kein neues Label.   

Sagen Sie mir Beispiele, was Sie konkret damit meinen.
Die Milchbranche hat mit dem neuen Label hohe Erwartungen geschürt. Nun muss sie den Beweis antreten, dass sie es ernst meint. Wie sie dies zukünftig umsetzen will, müsste dringend demnächst kommuniziert werden. Für mehr Ökologie könnte beispielsweise vorgegeben werden, dass Bauern  auf Kraftfutter verzichten. Mit einem «grünen» Label passt es nämlich schlecht, dass Soja, auch «nachhaltige», von irgendwo auf der Welt aufwendig ins Grasland Schweiz transportiert wird. Ein nachhaltiger Standard beinhaltet auch maximale Tierwohlvorschriften, das könnte mit beiden Tierwohlprogrammen BTS und Raus gleichzeitig erfüllt werden.

Wie gut kennen Sie sich in der Milchviehfütterung wirklich aus, um einen Kraftfutterverzicht fordern zu können?
Wie die Branche ihrem selbstverpassten grünen Image gerecht werden will, muss sie intern ausdiskutieren. Meine Forderung ist lediglich, dass die Milchbranche sich nun weiterbewegt und sich bezüglich Ökologie nicht stillhält. Zum möglichen Kraftfutterverzicht, da gibt es diverse und auch aktuelle Langzeitstudien. Verschiedene Landwirte haben mir erzählt, dass sie mit gutem Erfolg kein Kraftfutter einsetzen. Mit einem Kraftfutterverzicht muss man aber von hochgezüchteten Rassen wegkommen hin zu robusteren Tieren.

47% der Kühe werden noch in Anbindeställen gehalten. Und sie fordern für alle Kühe einen Laufstall. Sind Sie sich der Realität überhaupt bewusst?
Wiederum: Die Branche muss definieren, wie zukünftig mehr Tierwohl ihrem Labelversprechen gerecht werden kann. Meine alleinige Forderung ist, dass die Branche jetzt umsetzt, was sie medienwirksam der Schweizer Bevölkerung versprochen hat. Mit oder ohne Label wird es für die Landwirtschaft mittelfristig unumgänglich, sich auch im Tierschutzbereich weiterzuentwickeln. Diese Diskussionen müssen auf jeden Fall geführt werden.

Sind die Konsumenten bereit für Milch von Kühen, die nach höheren Anforderungen gehalten werden und die nur noch die halbe Milch geben, den doppelten Preis zu bezahlen?
Langjährige Versuche haben gezeigt, dass die Milchmenge zwar zurückgeht, wenn auf Kraftfutter verzichtet wird, aber nicht um die Hälfte! Die Kosten der Milchproduktion sind jedoch insgesamt tiefer und das finanzielle Gesamtergebnis besser. Der Milchproduzent würde also besser verdienen. Tiere mit weniger hoher Milchleistung sind eigentlich die beste Literpreis-Garantie.

Sind Sie aber mit dem Mehrpreis von drei Rappen, der den Bauern zugutekommen soll, einverstanden?
Gegenfrage: Was passiert bei einer Milchpreiserhöhung? Es wird mehr produziert, der Überschuss kann nicht abgesetzt werden, der Milchpreis purzelt unweigerlich, Butter muss teuer ins Ausland verscherbelt werden, was keinem Milchproduzenten hilft. Wenn schon eine Milchpreiserhöhung, müssten auch Verarbeiter und Detailhändler mithelfen, zu bezahlen. Leider sind die Preisbildung zwischen Milchhändler, Verarbeiter und Detailhändler und die Margen sehr intransparent. Oder aber die Konsumenten bekommen tatsächlich mehr Ökologie und Tierwohl und nicht nur ein farbiges Label geboten für den höheren Preis. 

Wie können sich Milchviehbetriebe weiterentwickeln?
Es ist wichtig, dass alle Bauernbetriebe möglichst viel Wertschöpfung bei sich behalten können. Eine Möglichkeit ist der Aufbau von regionalen Wertschöpfungsketten mit regionalem Absatz, allenfalls auch mit digitaler Unterstützung.

Raten Sie also Milchbauern, sich von der Milchindustrie zu verabschieden?
Wie in der ganzen Landwirtschaft gibt es auch in der Milchbranche verschiedene Betriebsgrössen und unterschiedliche Absatzmöglichkeiten – das ist ein Plus der Schweizer Landwirtschaft. Wenn ein Betrieb seinen Absatz neu organisiert, braucht es entsprechendes Know-how, Unterstützung und natürlich ein Umdenken. Betriebe könnten sich auch zusammenschliessen und gemeinsam etwas aufbauen, wie das auch schon in der Schweiz gemacht wird. Kürzlich besuchte ich zudem im Vorarlberg eine Betriebsgemeinschaft mit einer handvoll Bio-Betriebe, die zusammenarbeiten, Käsespezialität selber herstellen und bei guter Nachfrage vermarkten. 

Swissmilk Green

Ab dem 1. September gilt der Branchenstandard «Nachhaltige Schweizer Milch». Sie wird mit dem  Logo «Swissmilk green» vermarktet werden (siehe Bild). Ab diesem Zeitpunkt erhalten Landwirte, welche die 12 Anforderungen erfüllen, einen Nachhaltigkeitszuschlag von 3 Rp. für die Molkereimilch im A-Segment. Dies beinhaltet nicht verkäste A-Milch und sämtliche verkäste Silo-Milch im A-Segment. Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM) schätzt ein, dass von der gesamten Milchmenge von 3,4 Mio. Tonnen rund 40 Prozent, nämlich 1,36 Mio. Tonnen,  als Molkereimilch im A-Segment vermarktet wird. hal 

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