23.10.2015 15:11
Quelle: schweizerbauer.ch - Dr. Sascha Weber, Dr. Martin Banse; Thünen-Institut für Martkanalyse/AgE
Europäischer Milchmarkt
Milchmenge: Drosselung ohne nennenswerten Preiseffekt
Keine Erfolgsaussichten räumt das Braunschweiger Thünen-Institut für Marktanalyse einer Steuerung der Angebotsmenge auf dem Milchmarkt ein. Weder eine einseitige Verringerung des deutschen Milchangebots noch EU-weite Angebotsbeschränkungen hätten einen nennenswerten Effekt auf die Milchpreise, so Institutsleiter Dr. Martin Banse und Milchmarktexperte Dr. Sascha Weber in einem Beitrag für AGRA-EUROPE.

Der Milchpreis beträgt aktuell in der EU 29,5 Cent je Kilo (31,9 Rp) und in Deutschland 27,8 Cent. (30 Rp.). Die wirtschaftliche Situation des Milchmarktes ist angespannt und hat die Debatte um eine Marktentlastung entfacht. Seit Jahren ist die EU ein Nettoexporteur von Milch und Milchprodukten. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei über 110 %. Zwar verfügt der EU-Binnenmarkt
über einen Aussenschutz, doch beträgt dieser im gewichteten Durchschnitt über alle Milchprodukte hinweg nur etwa 27%.

3-Jahres-Zyklus

Die Anlieferungsmengen in der EU-28 sind nach dem Quotenende nicht explodiert, sondern lediglich um 1,1% gestiegen. Für die gegenwärtige Marktlage ist nicht das Auslaufen der Milchquotenregelung in der EU-28 verantwortlich, sondern im Wesentlichen die aktuelle Situation auf den internationalen Märkten.

Dort gibt es zum einen den immer wiederkehrenden Wechsel von hohen und niedrigen Milchpreisen. Nach den relativ hohen Preisen der letzten Jahre war das aktuelle Preistief absehbar. Der Preiszyklus hat einen Rhythmus von etwa drei Jahren, wobei der Milchmarkt damit nicht volatiler ist als andere Agrarmärkte. Zum anderen wird die aktuelle Situation durch eine vorübergehende Schwäche der Importnachfrage einzelner Importländer - vor allem China - und durch das Umlenken von Warenströmen aufgrund des Russlandembargos verschärft.

Mehr Importe

Vor diesem Hintergrund ist die Frage zu stellen, ob eine Marktentlastung die angespannte wirtschaftliche Lage für die Milchbauern und -verarbeiter verbessern kann. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Milchwirtschaft wurde langfristig erarbeitet. Aufgrund der Handelsposition der EU wird der letzte Euro nicht auf heimischen, sondern auf internationalen Märkten für Milch und Milchprodukte verdient.

Die vorgeschlagene einseitige Verringerung des deutschen Milchangebots zur Erhöhung des heimischen Preisniveaus hätte jedoch nicht die gewünschte Wirkung. Bei offenen Märkten hätte ein reduziertes Angebot bei uns zuerst den Rückgang unserer Exporte, bei stärkerer Einschränkung eine Zunahme von Importen aus anderen Mitgliedstaaten und Drittländern zur Folge, das heisst Angebotssteigerungen anderenorts.

Mengenbegrenzung mit geringem Effekt

Sollte es gelingen, sich EU-weit über Angebotsbeschränkungen zu einigen, würde der Preiseffekt ebenfalls gering sein. Ein Versuch, das Niveau der europäischen Milchpreise oberhalb des Niveaus des Weltmarktes anzuheben, wäre zum Scheitern verurteilt. Heimische Anbieter würden Exportmengen auf den Binnenmarkt umlenken, was die Ablösung der Binnenmarktpreise vom Weltmarktpreis mittelfristig wieder zunichtemacht, und darüber hinaus könnten auch Importe aus Drittländern aufgrund des geringen Aussenschutzes nur sehr begrenzt eindämmt oder gar verhindert werden.

Der Versuch, das Preisniveau über eine Steuerung der Angebotsmenge zu beeinflussen, ist daher nicht erfolgversprechend. Nach den bisher vorliegenden Untersuchungen zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit ist nicht zu erwarten, dass die Milchproduktion, sofern die Politik in der gegenwärtigen Situation keine Unterstützung gewährt, aus Deutschland abwandern würde.

Bürgschaften, Kreditprogramme und vorzeitig ausgezahlte Direktzahlungen

Ein andauerndes Preistief wäre jedoch für manche Betriebe nicht verkraftbar. Die Debatte um Hilfe ist daher zu begrüssen. Sie hilft den Milcherzeugern aber wenig, wenn dabei lediglich jene Rezepte aufgewärmt werden, die schon in der Vergangenheit gescheitert sind (aktive Preispolitik; Rückkehr zur Milchquote).

Bürgschaften, Kreditprogramme und vorzeitig ausgezahlte Direktzahlungen sind geeignetere Hilfsmassnahmen, um Engpässe in der Liquidität zu mindern. Da die Preisschwankungen nun auch für Milcherzeuger wichtig geworden sind, gewinnen die Marktinformationen und das Risikomanagement an Bedeutung. Transparenz und verfügbare Marktinformationen sind Grundlage für das Funktionieren von Märkten.

Risikomanagement nutzen

Die rasanten Ausschläge der letzten Jahre haben gezeigt, dass sich die Preise für Agrarprodukte nicht unabhängig voneinander entwickeln. Über den begrenzenden Faktor Boden stehen alle Agrarprodukte in Konkurrenz zueinander. Somit wird das Wissen um Konkurrenzbeziehungen und Preisentwicklungen immer wichtiger. Mit der Einrichtung der EU-Marktbeobachtungsstelle und der Steigerung der Aktualität von Marktinformationen hat die EU-Kommission bereits spürbare Verbesserungen mit Blick auf die Markttransparenz erreicht.

Hier setzt der zweite wichtige Bereich ein: Risikomanagement. Milcherzeuger und -verarbeiter sollten Marktinformationen in Zukunft noch stärker für ein aktives Risikomanagement nutzen. Die Warenterminbörse, eine Diversifikationvon Betriebszweigen, die Optimierung von Produktionsprozessen und damit eine Minderung von Produktionskosten sowie die Bildung von Liquiditätsreserven stellen nur eine Auswahl der Instrumente dar. Die Wahl des am besten passenden Strategiemix ist jedoch eine betriebsindividuelle Entscheidung.

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