10.06.2016 13:24
Quelle: schweizerbauer.ch - Markus Rediger, lid
Milchmarkt
Milchpreis: Nicht mit mehr als 45 Rappen rechnen
Die Milchproduzenten in Europa stecken in der Krise. In vielen Ländern legen die Bauern drauf. Seit dem Ende der Kontingente und Quoten steigen die Mengen und sinken die Preise. Ein Ende ist nicht absehbar. Viele Milchproduzenten fragen sich: Aussteigen, abwarten oder ausbauen? Wie beurteilen Sie die Lage auf dem Milchmarkt. Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab.

Im März lag der Produzentenpreis für Schweizer Molkereimilch bei 53,96 Rappen pro Kilo. Das ist der tiefste Stand seit Beginn der Erhebungen durch das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) im Jahr 1999. Etwas besser sieht es für die Bio-Milchproduzenten aus. Der Preis stieg im März im Vorjahresvergleich um 1,14 Rappen auf 73,79 Rappen pro Kilo.

Begegnungen mit jungen Milchproduzenten im Rahmen der Veranstaltung "Tag der offenen Hoftüren 2016" haben gezeigt, dass dennoch viele an die Zukunft glauben und neue Ställe bauen, um noch effizienter Milch zu produzieren.  Die Kernfrage, die sich bei solchen Investitionen stellt ist die Entwicklung des Milchpreises. Mit welchem Ertrag kann gerechnet werden, wenn die Milchpreise immer tiefer fallen?

Stundenlohn von mindestens 28 Franken einrechnen

Ernst Flückiger, Leiter Fachbereich Beratung und Mitglied der Geschäftsleitung des Inforama in Zollikofen, hält fest: Milchproduzenten, welche die sechs folgenden Punkte positiv beantworten können, sind fit für eine Investition. Wichtig sei es, konsequent Spielräume nach wirtschaftlichen Kriterien auszunutzen und sich die Frage zu stellen, ob der Betrieb wirklich einen neuen Traktor benötigt.

In einer Vollkostenrechnung soll der Lohn pro Stunde nicht unter 28 Franken liegen. Die Antworten enthalten Tipps, welcher Milchpreis als Basis zur Berechnung und Beurteilung von geplanten Investitionsvorhaben in der Milchviehhaltung angenommen werden soll.

Tipps

1. Welche Wertschöpfungs- und Vermarktungssituation hat der Betrieb?
"Bei einem Lieferanten einer Bio-Gruyère oder Tête de Moine-Käserei sollte aus meiner Sicht auch heute mit einem Milchpreis von 70 Rappen kalkuliert werden können. Bei einem Produzenten von Konsummilch würde ich gegenwärtig bei Bauvorhaben nicht mit einem Preis von über 45 Rappen rechnen. Aufgrund der aktuellen Situation im europäischen Milchmarkt ist eine Trendwende bei der Milchpreisentwicklung nicht absehbar."

2. Mit welcher Strategie will der Betriebsleiter zukünftig produzieren?
"Bei einer Vollweidestrategie kann die Milch mit wesentlich tieferen Kosten produziert werden als bei einer Hochleistungsstrategie. Eine Hochleistungsstrategie ist eher für grössere Betriebe sinnvoll, weil dort die notwendigen Investitionen pro Kilo Milch kleiner werden."

3. Die Investition muss tragbar und rentabel sein.
"Das heisst, dass die getätigten Investitionen amortisiert werden können. Zusätzlich muss die täglich investierte Arbeit mit einem Stundenlohn entschädigt werden können, der den Zielen und Vorstellungen des Betriebsleiters entspricht.

4. Die Investition muss längerfristige Perspektiven bieten.
"Bei den Berechnungen soll eine gewisse Reserve einkalkuliert sein. Wenn die Preise für eine gewisse Zeit noch stärker sinken, soll die Liquidität des Betriebes nicht gefährdet sein."

5. Der Betriebsleiter soll klare Kenntnisse über seine Kosten und seinen Erlös haben.
"Der Betriebsleiter soll sich der kalkulierten Kosten und des Erlöses bewusst sein. Er soll die wichtigsten Kostenfaktoren kennen und mögliche Handlungsoptionen zur Verbesserung des Erlöses und zur Senkung der Kosten nennen können."

6. Freude, Leidenschaft und Begeisterung des Betriebsleiters
"Eine Investition ist nur dann sinnvoll, wenn der Betriebsleiter Freude am Umgang mit den Milchkühen hat und mit Überzeugung und Begeisterung Milch produzieren will. Er soll sich an den täglichen Stallarbeiten freuen können."

Landwirt braucht Wertschöpfung

Ernst Flückiger betont, dass der Trend zu immer tieferen Lebensmittelpreisen in die Sackgasse führe. Das Verramschen von hochwertigen Lebensmitteln müsse gestoppt und die Wertschätzung gesteigert werden. Der Landwirt brauche Wertschöpfung, um Perspektiven zu haben, so Flückiger.

Seine Frage an einen Detailhändler, den Milchpreis für Bauern um 10 Prozent zu erhöhen, weil das wirtschaftlich verkraftbar wäre und ein wichtiges Zeichen setzen würde, blieb bislang unbeantwortet. In Zukunft müsse es wieder möglich sein, in Europa Milch zu kostendeckenden Preisen zu produzieren, so Flückiger.

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